Reinigungskraft
Konkrete Arbeiten dauern oft viel länger als sie von der Firma bemessen sind - zulasten der Reinigungskräfte. Bildrechte: dpa

Sachsen-Anhalt Wenn der Staat an den Reinigungskräften spart

9,55 Euro beträgt der Branchen-Mindestlohn in der Gebäudereinigung im Osten. Praktisch bedeutet das für viele Reinigungskräfte, dass aus dem Stundenlohn schon mal ein Anderthalb-Stunden-Lohn wird. Denn die Zeitvorgaben für konkrete Arbeiten stehen zwar auf dem Papier, sind in der Praxis aber kaum einzuhalten. Das Problem besteht auch, wenn öffentliche Institutionen die Dienste beauftragen, also beim Putzen von Schulen oder Krankenhäusern. Wir haben dazu in Sachsen-Anhalt recherchiert.

von Niklas Ottersbach, MDR AKTUELL

Reinigungskraft
Konkrete Arbeiten dauern oft viel länger als sie von der Firma bemessen sind - zulasten der Reinigungskräfte. Bildrechte: dpa

Anneliese Jakobides hat die letzten zwei Jahre Treppenhäuser gewischt und Toiletten geputzt. Die Magdeburgerin, 76 Jahre alt, kann von ihrer Rente allein nicht leben. Zuletzt hat sie deshalb in einer Magdeburger Grundschule geputzt. Nach zwei Tagen hat die Reinigungsfirma sie entlassen. Der Grund: Anneliese Jakobides war nicht schnell genug.

Anneliese Jakobides
Anneliese Jakobides Bildrechte: MDR/Niklas Ottersbach

"In zwei Stunden sollte ich das alles schaffen: Sechs Räume fegen, wischen, die Toiletten, den großen L-Flur und das Treppenhaus runter bis zum nächsten Stock", erzählt die 76-Jährige. "Da müsste mal einer kommen und mir das vorwischen, wenn er meint, das schafft man." Anneliese Jakobides hat es nicht geschafft, sie brauchte am Ende vier Stunden. Ist die Zeitvorgabe zu hart oder die 76-jährige zu langsam? Die zuständige Reinigungsfirma mit Sitz in Braunschweig möchte sich dazu auf Anfrage von MDR AKTUELL nicht äußern.

Gewinnspanne oft zu gering

Dafür redet ein anderer Reinigungsunternehmer. Egbert Röwer beschäftigt in Magdeburg rund 300 Mitarbeiter, auch Maurer und Elektriker. Denn von der Reinigung alleine, sagt Egbert Röwer, könne er nicht leben. "Die Marge für den Betrieb, die beim öffentlichen Dienst hängen bleibt, ist sehr, sehr gering. Es wird Krankheit mit eingerechnet. Aber in einem größeren Objekt, wenn Sie vier bis fünf Leute haben und davon mal zwei krank sind, dann bleibt da nichts mehr über", erzählt er. "Das ist schon so kalkuliert, dass man sagen kann: Man ist an der Schmerzgrenze. Irgendwo lässt man Federn - entweder bei den Stunden beim Arbeitnehmer oder bei der Leistung."

Vergabe-Katalog soll Dumpinglöhnen Kampf ansagen

Jürgen Leindecker
Jürgen Leindecker Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Wenn Kommunen Reinigungsaufträge ausschreiben, ist laut Vergabegesetz der Preis das wichtigste Kriterium. Damit dieser in Zukunft realistischer berechnet wird, möchte Jürgen Leindecker ein neues System einführen. Der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes in Sachsen-Anhalt arbeitet dafür mit einer kommunalen Beratungsagentur zusammen. Das Ziel: Objektive Kriterien bei der Vergabe von öffentlichen Reinigungsaufträgen für Kommunen finden.

Das bedeutet, dass ein solches Kriterium den Mindestlohn bzw. Tarif-Löhne berücksichtigt, genauso aber auch die Fläche oder besondere Herausforderungen, die z.b. Fensterreinigung mit sich bringt. Dass man das in einen messbaren Katalog einbringt, den man zur Grundlage einer Ausschreibung machen kann. Aber klar ist, dass das nicht auf Basis von Dumpinglöhnen stattfindet.

Jürgen Leindecker | Städte- und Gemeindebund Sachsen-Anhalt

Diesen Vergabe-Katalog möchte der Städte- und Gemeindebund nächstes Jahr an die Kommunen in Sachsen-Anhalt verteilen. Für Anneliese Jakobides aus Magdeburg kommt das alles zu spät. Die 76-Jährige hat genug von der Reinigungsbranche. Derzeit ist sie auf Arbeitssuche und hofft auf einen Job als Verkäuferin.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Juli 2018 | 08:07 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2018, 05:00 Uhr

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6 Kommentare

26.07.2018 13:03 Otterbein 6

Es ist immer wieder erstaunlich, was alles zitiert wird, wer alles Schuld hat. Fakt ist, dass es bei öffentlichen Ausschreibungen fast immer nur um den Preis geht. Alle anderen möglichen Faktoren werden nicht berücksichtigt. Eine Machbarkeitsstudie kommt schon gar nicht in Frage. Da wird blind darauf vertraut, dass der DL die angegebene Leistungen schon schaffen wird.
Hier nur ein kleines Beispiel:
Reinigung von Sanitärräumen: Da werden Stundenwerte von 100 m² und mehr pro Stunde akzeptiert. Da denkt keiner darüber nach ob dies zu schaffen ist. Dieser Wert (heute schon fast Standard bei öffentlichen Ausschreibungen) bedeutet, dass die Reinigungskraft Sänitärräume mit 100 m² Grundfläche in einer Stunde reinigen muss.
Ein typischer Sanitärraum mit 2 Kabinen, 2 Urinalen, Waschbecken und was sonst dazu gehört hat ca. 10 m². Dies bedeutet, dass 10 Räume dieser Art gereinigt werden müssen. Dazu kommt noch die Wegezeit sowie die Rüstzeit.

26.07.2018 09:18 H.Brandler 5

Die Vergabepraxis wie in der Schweiz, wo mindestens der zweitbilligste den Zuschlag erhält, wäre ein Ansatz. Es scheint so, dass unqualifizierte Unternehmen die Preise drücken - nein es sind die "Großen", welche unrealistische Vorgaben machen, nur um sich Großobjekte an Land zu ziehen. Wenn sich die Gebäudereiniger einig wären !!Achtung Kartellgesetz!!! könnte es für alle zugriedenstellende Ergebnisse geben.

25.07.2018 11:55 lummox 4

es ist schon erstaunlich das verantwortliche politiker immer erst jahre später die realität erkennen und dann mit neuen gesetzen reagieren, anstatt die bestehenden auszuschöpfen und mit aller konsequenz durchzusetzen.
wo sind die glorreichen spd-genossen, die in einem anderen zusammenhang vollmundig den kampf gegen den "raubtier-kapitalismus" angekündigt haben?

25.07.2018 10:47 Beata Kruszewska 3

Das ist alles ausbäutund von Menschen kannst du nicht mehr weil du am Ende keine Kraft hast biste weg.moderne Sklaverei ist das.man hetzt uns nur noch Menschlichkeit bleibt auf der Strecke man wird sogar noch runter gemacht dabei ist es ein Knochen Job tut etwas gegen diese Menschen unwürdige ausbäutung das uns körperlich wie psychisch kaputt macht

25.07.2018 08:59 Hants... 2

Ganz so ist es aber nicht! Die Schuld liegt ganz sicher nicht im öffentlichen Sektor. Die Firmen unterbieten sich bei Ausschreibungen und erzeugen einen enormen Preiskampf. Dazu kommt der Umstand das jeder ohne große Qualifikation Firmen in diesem Geschäftsbereich gründen kann und aufgrund der fehlenden Erfahrung Kalkulationen zu Lasten der Angestellten erstellt. Der Öffentliche Sektor hat klare Rahmenbedingungen und darf keinen nur auf Vermutung ausschließen, sonst sieht man sich ganz schnell bei der Vergabe-Kammer wieder. Somit bleibt nur das Hauptkriterium Preis. Selbst wenn dieser Katalog zum Zuge kommt, was ich für Unsinn halte, wird der Unternehmer doch die größere Gewinnspanne nehmen. Zuerst müsste die Gewerkschaft aktiver werden und die gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Gründung verbessert werden. Die Vergabeordnung müsste auf jeden Fall angepasst werden um die rechtlichen Bedingungen einhalten zu können. Würde das Erfolg haben, was glauben Sie wie sich der Unternehmer verhält

24.07.2018 21:19 Nagel 1

Das ist in Bernburg nicht viel anders es geht nur noch ums Geld und nicht um einen Menschen ich kenne einen Fall da kam es zu einer Ausschreibung und die Firma hat das bekommen wo die Frauen in einer Schule 6 Stunden gearbeitet haben und jetzt müssen die für die gleiche Arbeit bekommen aber nur 3 Stunden bezahlt das ende ist die Stadt konnte mal wieder sparen