Verlassene Dorfstraße. Rechts eine blühende Wiese.
Heuersdorf - dieser Ort in der Leipziger Tieflandsbucht. Die letzten Bewohner haben den Ort 2009 verlassen. Inzwischen ist der Ort im Tagebau "Vereinigtes Schleenhain" aufgegangen. Bildrechte: MDR/Volker Queck

Exklusive Datenrecherche Viele Orte wegen Braunkohleförderung verschwunden

Mehr als 80.000 Menschen in der Lausitz und im Mitteldeutschen Braunkohlerevier mussten ihre Heimat aufgeben, 250 Orte und Ortschaften wurden für den Braunkohletaggebau aufgegeben. Die Zahl wäre noch höher, würden die Orte mitgezählt, die unter Kühl-Staubecken verschwanden.

Verlassene Dorfstraße. Rechts eine blühende Wiese.
Heuersdorf - dieser Ort in der Leipziger Tieflandsbucht. Die letzten Bewohner haben den Ort 2009 verlassen. Inzwischen ist der Ort im Tagebau "Vereinigtes Schleenhain" aufgegangen. Bildrechte: MDR/Volker Queck

In der Lausitz und im Mitteldeutschen Braunkohlerevier haben seit 1924 mehr als 80.000 Menschen ihre Heimat aufgrund der Kohleförderung verloren. Das geht aus einer exklusiven Datenrecherche des MDR  zu diesem Thema hervor. Dabei wurden Dokumente der Regionalen Planungsstelle Leipzig sowie des Dokumentationszentrums "Archiv verschwundener Orte" ausgewertet.

Verschwundene Orte im mitteldeutschen Kohlerevier

250 Orte ganz oder teilweise aufgegeben

Grund für die Umsiedlungen ist die Aufgabe von Ortschaften und Ortsteilen für den Braunkohletageabbau. Insgesamt mussten der Datenauswertung zufolge 250 Orte ganz oder teilweise aufgegeben werden. In der Lausitz waren demnach seit 1924 rund 28.000 Menschen und 128 Orte betroffen und im Mitteldeutschen Kohlerevier 122 Orte und etwa 52.700 Menschen.

Verschwundene Orte in der Lausitz

Orte unter Kühlwasser-Reservoirs nicht mitgezählt

Die Zahl wäre noch höher, wenn beispielsweise Abbrüche für Kühlwasser-Staubecken hinzugezählt würden. Dazu liegen keine Daten vor. Zudem wurden Teile von Ortschaften mehrfach verlegt. "So war etwa Nachterstedt zwischen 1925 und 2010 viermal von Umsiedlungen betroffen", sagte Andreas Berkner, der Leiter der Regionalen Planungsstelle Leipzig.  Die Umsiedlungen von Magdeborn und Großgrimma zum Beispiel schlossen jeweils mehrere Ortsteile ein, die sich statistisch nicht trennen lassen.

Bundesweit rund 125.000 Menschen betroffen

Bundesweit mussten Berkners Angaben zufolge bislang 372 Orte in Deutschland ganz oder teilweise der Braunkohle weichen. Insgesamt rund 125.000 Menschen wurden dadurch gezwungen, sich eine neue Heimat zu suchen.

Kohle-Komission soll Zukunft der Region klären

Welche Zukunft die betroffenen Regionen und die dort beschäftigten Menschen nach einem Kohleausstieg haben könnten, hinterfragt im Auftrag der Bundesregierung derzeit die sogenannte Kohle-Kommission. Die Arbeit der als Kohlekommission bekannt gewordenen Arbeitsgruppe "Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung" steht kurz vor ihrem Abschluss. Die nächsten Treffen in Berlin sind ab Mitte der Woche geplant.  

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 23. Oktober 2018 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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22 Kommentare

25.10.2018 12:14 alter Döbriser 22

@ Sonnenseite: Die von Ihnen genannten Entschädigungen waren 1966 außerordentlich miserabel. Für 900m² Land einschließlich Haus und Hofgebäude wurden vom Braunkohlenkombinat "Erich Weinert" im Raum Zeitz ganze 7.000 DDR-Mark gezahlt. (Akte liegt vor) Wie freiwillig man die Kaufverträge unterzeichnen musste, lässt sich ausrechnen. Auseinandergerissene Dorfgemeinschaften und der Verlust des letzten Fleckchen Grüns in den Neubausiedlungen hat enorme psychische Probleme verursacht. Andererseits war Braunkohle damals Energieträger Nr.1 - im heutigen Sprachgebrauch "alternativlos". Dagegen scheint mir heutiges Abbaggern von Dörfern nur rein des Profites wegen motiviert zu sein.

25.10.2018 11:50 Eckehard Lüdke 21

Die jetzt noch beschäftigten Menschen im Braunkohletagebau hätten alleine mit der Rekultivierung und den "Nacharbeiten" der Braunkohleverstromung lange Zeit noch Arbeit. Und auf Facharbeiter wie auch Angelernte wartet der Arbeitsmarkt in zahlreichen Regionen in Deutschland händeringend - es bedarf in keiner Weise des Festhaltens an einem toten Wirtschaftszweig. Je schenller das endet, desto besser für Mensch, Heimat und die Welt. Der Strom ist ohnehin nicht mehr erforderlich - wir produzieren schon mehr als wir verbrauchen.

24.10.2018 14:36 rafra 20

Und wie hiessen all die Orte und wieviel Einwohner damals, die mit dem Braunkohleabbau "verschwanden"? Meine Tante wurde schon ca. 1942 (OT Petsa) ausgesiedelt, wie wurde das damals geregelt? Ich finde, der MDR ist heute auch sehr populistisch eingestellt. Ralf

23.10.2018 19:29 Erik 19

@16 pkeszler

Mal davon abgesehen, daß der sich selbst so nennende Kommentator "AfD-Bayer" ein offenkundiger Provokateur ist: die Grünen in Bayern haben ihren höchsten Zuwachs auf dem Land dort gehabt, wo es die meisten Solaranlagen gibt.

Was ich dann fraglich finde: warum haben die früher CSU gewählt? Liegt es nicht doch eher am Geld (die CSU will die EEG-Umgabe senken) als an der Umweltliebe?

23.10.2018 19:09 Historiker 18

Wichtig ist, dass aus dem Bundeshaushalt nun auch die Milliarden in die Braunkohlenreviere überwiesen werden, wie es mit dem Ausstieg aus der Steinkohle im Ruhrgebiet passiert ist (150 Milliarden Euro). Davon soll natürlich auch ein Anteil in das Revier in NRW gehen.

23.10.2018 18:08 Bieber 17

Wir hatten alle was davon es ist nur schade dass Dörfer platt gemacht wurden sind. Zum Kommentar der AfD das kannst du dir schenken du hast keine Ahnung!!!

23.10.2018 15:58 pkeszler 16

@AfD-Bayer 7: "Besser, die ostdeutschen Ortschaften werden abgetragen, als dass wir die linksgrüne Sonnen- und Windenergie bekommen"
Das ist die Meinung der AfD. Aber die Bayernwahl und am nächsten Sonntag die Hessenwahl bestätigen doch, dass die Grünen im Land wesentlich mehr Zustimmung unter der Bevölkerung finden, als Ihre Meinung zur ökologischen Stromerzeugung und zur Abbackerung der Dörfer.

23.10.2018 13:03 Auf der Sonnenseite des Lebens 15

@Wolpertinger 6

"Auch die 50 % für die es vielleicht ein Glücksfall war, wurden doch gezwungen, sich eine neue Heimat zu suchen."
-Wenn ihnen jemand 1 Mio gibt, allein das sie Unterschreiben, hmmmm,
muss jeder selbst abschätzen ob man gezwungen wird.
Denn um solche Größenordnungen geht es doch.

"Von Glück oder Pech steht im Artikel nichts."
-darum habe ich es ihnen ja aufgeschrieben ;-)

23.10.2018 12:05 Mal ne Anmerkung 14

@7 AFD -Bayer -
Ja so sind sie die "Seppelhosen"!Leben in einer ,kaum zu übertreffenden, geistigen Einsamkeit und im Denken im Mittelalter.Ja wer immer noch denkt das der Strom irgendwo ensteht und dann aus der Steckdose"fließt" ,der hat schon mächtige Wahrnehmungsprobleme.Ja wovon mag das nur kommen?

23.10.2018 12:02 Brecher 13

Aktenziehen ist also "exklusive Datenrecherche"? Pffff...!