Zahlreiche Menschen in einer S-Bahn
Steigende Fahrgastzahlen und Wagenausfälle sorgen für überfüllte S-Bahnen. Bildrechte: dpa

Waggonmangel Mitteldeutsche S-Bahn am Limit

Jeder, der häufiger mit der S-Bahn rings um Leipzig unterwegs ist, kennt das Problem: Die Züge sind überfüllt, Radfahrer dürfen nicht mehr einsteigen und immer wieder fallen Triebwagen aus, weil sie repariert werden müssen. Besonders angespannt ist die Lage auf der Pendlerstrecke zwischen Leipzig und Halle. Hier steigt die Zahl der Fahrgäste seit Jahren. Und trotzdem schickt die Bahn oft nur kurze Züge los.

von Lydia Jakobi, MDR AKTUELL

Zahlreiche Menschen in einer S-Bahn
Steigende Fahrgastzahlen und Wagenausfälle sorgen für überfüllte S-Bahnen. Bildrechte: dpa

Später Nachmittag am Hauptbahnhof in Halle. Die S-Bahn Richtung Zwickau ist schon zehn Minuten vor Abfahrt brechend voll. Eine Gruppe Senioren hat ihre Koffer vor die Knie geklemmt, ein paar Studenten hocken auf den Stufen, im Fahrradabteil stehen ein Dutzend Räder eng ineinander verkeilt.

Der Zweckverband für den Nahverkehrsraum Leipzig, kurz ZVNL, plant den Verkehr im S-Bahn-Netz. Dessen Geschäftsführer Oliver Mietzsch muss ein geduldiger Mensch sein. Seit Monaten erklärt er Journalisten immer wieder, warum es auf der Strecke solche Platzprobleme gibt:

Wir haben nicht das Problem, dass die Zugkapazitäten zu knapp sind, sondern dass viel zu viele Züge ausfallen.

Oliver Mietzsch, ZVNL Geschäftsführer

Nach Mietzschs Angaben fällt im mitteldeutschen S-Bahn-Netz teilweise ein Fünftel der Flotte aufgrund technischer Störungen aus. Das sei bei insgesamt 51 Fahrzeugen eine ganze Menge. Außerdem gebe es mit die höchsten Vandalismus-Schäden. Und das alles führe dazu, dass die Züge nicht fahren können.

Deutsche Bahn ohne Reserven für neue Waggons

Um die Reparaturzeiten zu verkürzen, will die Betreibergesellschaft DB Regio künftig auch eine Werkstatt in Magdeburg nutzen. Bislang wurden die Züge alle in Halle repariert. Aber könnten nicht auch weitere Waggons gekauft werden? Das sei leider nicht so einfach, sagt Mietzsch. Die Deutsche Bahn habe keine Reserve, auf die man zurückgreifen könnte: "E-Talente sind gar nicht verfügbar und selbst, wenn es welche gäbe, neu gebaut, wären die mit den vorhandenen, die jetzt seit fünf Jahren im Einsatz sind, nicht kuppelbar. Und damit hätten wir nix gewonnen."

TALENT heißt eine Triebwagenfamilie des Herstellers Bombardier Transportation (ursprünglich Waggonfabrik Talbot in Aachen). Das Akronym TALENT steht dabei für Talbot leichter Nahverkehrs-Triebwagen.

Man habe da ein Riesenproblem und sitze fast wöchentlich mit der Deutschen Bahn am Runden Tisch, gibt Oliver Mietzsch zu. Dabei habe die Bahn bei den Vertragsverhandlungen fest zugesagt, den Regionalverkehr zuverlässig abzusichern: "Die Konzernzentrale hat also damals die Backen sehr voll genommen und gesagt: 'Ja, wir können immer in allen Situationen eine ausreichende Fahrzeugverfügbarkeit garantieren.' Heute will man davon teilweise nichts mehr wissen."

S-Bahn muss mit kleiner Flotte auskommen

Der Vertrag mit der Bahn läuft noch bis 2025. Bis dahin wird man mit der zu eng geplanten Flotte auskommen müssen. Ein Dilemma, für das auch der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Thomas Baum, keine Lösung weiß. Nach seinen Worten ist es unstrittig, dass die Situation wirklich schwierig sei:

Fakt ist, dass der ZVNL ja von der DB Regio Strafgelder bekommt, wenn die nicht das liefert, was bestellt ist.

Thomas Baum, verkehrspolitischer Sprecher der sächsischen SPD-Fraktion

Das Land könne da wenig machen, da die Regionalisierungsmittel bis 2030 festgeschrieben seien. Diese seien die Grundlage für die Finanzausstattung der Zweckverbände. Zusätzliches Geld hält Baum für schwierig.

Mehr Abstellmöglichkeiten für Räder geplant

Für einen anderen Konflikt zumindest könnte sich eine Lösung anbahnen: Die vielen Pendler, die ihre Räder im Zug mitnehmen wollen. Das sei nur begrenzt möglich, stellt ZVNL-Geschäftsführer Mietzsch noch mal klar. Und in anderen deutschen S-Bahn-Netzen zur Hauptverkehrszeit überhaupt nicht üblich.

Trotzdem müsse man auf die Bedürfnisse der Radfahrer eingehen, sagt Katja Meier, verkehrspolitische Sprecherin der sächsischen Grünen. "Es wäre doch total sinnvoll, vor den Bahnhöfen entsprechende Fahrradstationen zu bauen, wo die Leute ihr Fahrrad sicher und wetterfest hinstellen können. Und solche Fahrradstationen gibt es in Sachsen bislang leider keine einzige."

An einigen Stationen sind zumindest mehr Abstellmöglichkeiten für Räder geplant. Und ein Leihradsystem sei auch im Gespräch, sagt Oliver Mietzsch. Das soll eventuell schon nächstes Jahr kommen.

Frühere Meldungen

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Januar 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Januar 2019, 05:00 Uhr

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36 Kommentare

04.01.2019 22:43 Sabrina 36

Wenn 20% der Züge ausfallen, muss man eben diese 20% in Reserve vorhalten.

Oder beim Einkauf die Verantwortung für den Nichtausfall dem Hersteller auferlegen.

04.01.2019 13:28 Andre 35

Auf diese Strecke gehören 5 bis 6 teilige Doppelstockzüge und nicht dieser Schwachsinn von Talentwagen. Ich tue mir das mit der S-Bahn nicht mehr an und nutze wieder mein Auto.

04.01.2019 12:28 Leopold Breuer 34

Wenn die Züge nicht kuppelbar sind, warum werden dann nicht neue Züge gekauft und dann typenrein gefahren, so könnte man den Zugverkehr stabilisieren. Oder man setzt, auf den strecken, wo dies Möglich ist, andere Züge ein (gerne auch älter) und lässt die jetzigen Züge, dort fahren, wo nur diese Fahren dürfen. Alter Zug oder neuer Zug ist relativ egal, kein Zug oder Alter Zug, das ist ein großer Unterschied.

04.01.2019 07:16 Grosser, Klaus 33

@Andreas
Offensichtlich haben sie keine Ahnung davon, was die Bahnregionalisierung bedeutet und welche Aufgaben dabei der ZVNL erfüllen müsste.
Das in Sachsen der Nahverkehr unterfinanziert ist, steht außer Frage, denn nicht ohne Grund hat Sachsen den deutschlandweit schlechtesten Schienenpersonennahverkehr.

04.01.2019 00:39 Grosser, Klaus 32

@Andreas
Offensichtlich haben sie keine Ahnung davon, was die Bahnregionalisierung bedeutet und welche Aufgaben dabei der ZVNL erfüllen müsste.
Das in Sachsen der Nahverkehr unterfinanziert ist, steht außer Frage, denn nicht ohne Grund hat Sachsen den deutschlandweit schlechtesten Schienenpersonennahverkehr.

03.01.2019 23:25 Motzi 31

Der Verkehrsverbund hat doch den Mist bestellt. 2001 gab es einen Dostotriebzug, ist nie was daraus geworden. Heute gibts Twinndexx, kann man bequem erweitern um Wagen, aber nein, die Verkehrsverbünde wollen billig, billig, billig. Und, dass die Sprayer Szene in Leipzig ungestört so großen Schaden anrichtet, nun ja, was soll man erwarten von einer Stadt, die von einem SPD-Mann aus NRW regiert wird.
Im übrigen auch der ET 423/422 ist wesentlich besser geeignet für Ballungsräume, da mehr Türen.

03.01.2019 19:34 ralf meier 30

@Grosser, Klaus Nr. 20

Sie halten u.a. mich für einen genialen Fachmann?
Wollen Sie mir verraten, was Sie zu diesem Lob veranlasst haben ? Ok, das man Geld nur ein mal ausgeben kann, mag in eher linken Kreisen kein Allgemeingut sein. Ansonsten habe ich nichts verkündigt, was sie nicht auch in den von mir genannten Quellen nachlesen können.

Trotzdem Danke für das nette Kompliment.

03.01.2019 18:09 TOM 29

DB eben, einer der größten Chaosbetriebe weltweit!

03.01.2019 14:26 Gast 28

@GEWY38

es gibt kein "Andersherum"! Im SPNV gilt das Bestellersystem. Das MDSB I Netz (grüne Türen) hat federführend der ZVNL ausgeschrieben, etwas später das des MDSB II Netzes (rote Türen) die NASA in Magdeburg, logisch in Abstimmung mit allen anderen Bestellern. Das Kleinrechnen hat der ZVNL von 2003 bis 2007 durchgeführt. Damals herrschte eine immense politische Angst, dass der im Bau befindliche City-Tunnel Leipzig floppt. Eben weil die "Angsthasen" keine Verkehrsfachleite waren / sind. Die wissen, warum Strecken Erfolg haben und warum nicht. Auch wenn diese selbst gewollte Kastration vor Mietzsch' Zeiten passierte, wäre das Nachordern längst überfällig. Die Nichtkompatibilität mit den Talent II Zügen ist nichts schlimmes, fahren halt Linien x und y mit neuem, der Rest mit bisherigen Zügen. Manchmal hat man den Eindruck, dass für einige selbst Atmen eine Herausforderung darstellt!

03.01.2019 13:05 Andreas 27

@Grosser, Klaus
Was der ZVNL mit Magdeburg zu tun hat? Das steht doch implizit im Text.
Für den Regionalverkehr ist nicht der ZVNL verantwortlich (der ist nur ausführendes Organ), sondern die Bundesländer, deren Regierungen und Parlamente im Fall der S-Bahn Halle-Zwickau in Magdeburg und Dresden sitzen. Dort wird entschieden, für was wie wieviel Geld ausgegeben wird. Wenn öffentliche (!) Geldmittel angeblich auf >10 Jahre unveränderbar festgeschrieben werden, dann prangere ich das an!
Ansonsten haben Sie wahrscheinlich Recht wenn sie meinen, dass rhetorische Stilmittel wie "nölen" und "meckern" (über andere verfüge ich nicht) nichts Substanzielles bringen; ich werde zur Tat schreiten, mir eine Gelbweste überstreifen, Stunk machen, pöbeln und schauen, ob ich damit etwas Substanzielleres erreiche, in Frankreich scheint es geklappt zu haben.