Ein Frachtflugzeug steht auf dem Vorfeld der DHL am Flughafen Leipzig / Halle.
Ein Frachtflugzeug der DHL am Flughafen Leipzig/Halle Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Exportgeschäft Der Brexit und die mitteldeutsche Wirtschaft

Es sind keine sechs Monate mehr bis zum 29. März. Dann will Großbritannien aus der EU austreten. Wie das genau ablaufen soll, ist aber immer noch unklar. Premierministerin May fehlen für ihre weichen Brexit-Pläne die Unterstützer in der eigenen Partei. Und so stolpert das Land einem unkontrollierten EU-Austritt entgegen. Was würde das für die Wirtschaft in Mitteldeutschland bedeuten?

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Ein Frachtflugzeug steht auf dem Vorfeld der DHL am Flughafen Leipzig / Halle.
Ein Frachtflugzeug der DHL am Flughafen Leipzig/Halle Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Wenn die Briten tatsächlich planlos aus der EU stolpern, bringt das Ralph Wondrak viel Arbeit. Der 56-Jährige leitet das DHL-Drehkreuz bei Leipzig. Dort werden jede Nacht zehntausende Sendungen auch für Großbritannien umgeschlagen. Bislang ohne Zollformalitäten, weil es innerhalb der EU keine Zölle gibt. Steigen die Briten aus, wäre Wondraks Zollabteilung plötzlich sehr gefragt. "Damit würde sich logischerweise auch die Mitarbeiteranzahl sprunghaft erhöhen. Das sind Zoll-Deklaranten, das sind ausgebildete Spezialisten, die dann tatsächlich die Sendungen ordnungsgemäß tarifieren, dem Zollamt zur Verfügung stellen und die Sendungen zum freien Verkehr abwickeln." Bei DHL in Leipzig bedeutet ein unkontrollierter Brexit also zahlreiche neue Jobs. Trotzdem ist die mitteldeutsche Wirtschaft von den Entwicklungen wenig begeistert.

So viele Ausfuhren gehen nach Großbritannien

Großbritannien ist einer ihrer wichtigsten Handelspartner. Sachsen und Thüringen liefern dorthin Autoteile und Maschinen, Sachsen-Anhalt exportiert chemische Erzeugnisse. Joachim Ragnitz vom ifo-Institut Dresden hat nachgesehen, wie viele der mitteldeutschen Exporte nach Großbritannien gehen. "Wenn man sich die Zahlen über die direkten Ausfuhrverflechtungen anschaut, sieht man beispielsweise in Thüringen, dass die Lieferungen nach Großbritannien einen Anteil von 6,5 Prozent ausmachen, in Sachsen-Anhalt knapp acht Prozent, in Sachsen sind es rund sechs Prozent. Das ist schon bedeutsam."

Hoffen auf Rückzug vom Brexit

Bei einem Brexit würde der britische Markt nicht wegfallen, der Handel aber erschwert. Fragt man Wirtschaftsvertreter, was ihnen das Liebste wäre, antworten viele wie Reinhard Pätz, Ostdeutschland-Geschäftsführer im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau: "Optimal wäre natürlich ein neues Referendum. Warum soll man nicht aus Fehlern lernen und sagen: Das funktioniert nicht. Jeder hat sich den Ausstieg aus der EU deutlich leichter vorgestellt, und wir merken, dass es gar nicht so einfach ist. Da das unwahrscheinlich ist, weil das die Politik nicht will, würden wir uns ein Freihandelsabkommen wünschen mit geregelten Pflichten und Rechten für beide Seiten, für Großbritannien und die EU."

Unternehmen bereiten Notplan vor

Doch die Verhandlungen darüber stocken. Premierministerin May hat nicht einmal ihre eigene Partei geschlossen hinter sich. Und so bereiten sich die ersten Wirtschaftsvertreter auf einen ungeregelten Ausstieg vor. Zu ihnen gehört auch Dietrich von der Wense. Seine Firma Innospec produziert in Leuna Zusätze für Dieselkraftstoffe. Wichtiges Exportland ist Großbritannien. Es sagt: "Wenn sich zum Jahresende die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es zu einem Clash kommt, dass sich die EU nicht mit der britischen Regierung einigen kann, werden wir Anfang nächsten Jahres unsere Lagerbestände in England erhöhen, um auf jeden Fall sicherzustellen, dass unsere Kunden dort nicht im Regen stehen."

Ein volles Lager hilft, Zeit zu überbrücken. Bis sich die Briten und die EU doch noch auf Handelsregeln einigen. Wie lange das dauern wird, ob es vielleicht noch ganz schnell geht, das verschwimmt wie so vieles derzeit im berüchtigten Londoner Nebel.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Oktober 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2018, 05:00 Uhr

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7 Kommentare

11.10.2018 20:01 WegWeiser 7

@6- das was GB da einspart haben die schon im letzten Jahr durch Wertverlust von Immobilien und Kaoitalanlagen verloren. Gegenrechnen müssen noch die kommenden Zölle und fehlenden Rückflüsse aus der EU. Unterm Strich zahlen die Bürger Britanniens erheblich drauf. Den Verlust von Arbeitsplätzen noch nicht eingerechnet.

11.10.2018 13:34 winfried an "andre"(4) 6

GB ist trotz 66%-Briten-Rabatt ein EU-Geberland(Nettozahler).
2010 = 5,6 Mrd. € ... 2014 = 4,93 Mrd. € ... 2016 = 5,6 Mrd. €.
Die EU-Zuzahlung spart GB nach EU-Austritt ein ...
und
... macht sich unabhängig vom "Brüssel-Diktat".
Alles andere ist Spekulation, auch dass USA und VR China schon warten.

11.10.2018 12:11 Gaihadres 5

@Nr.3: Mit Verlaub - der Glaube die Hauptursache des Brexit als eine Folge der Flüchtlingsthematik Frau Merkels zu erkennen ist etwa so, als würde man behaupten die Wiedervereinigung Deutschlands läge in Hesselhoffs "I´m looking for freedom" begründet. Der Brexit ist eine späte Folge des wirtschaftlichen Niedergangs der 90iger Jahre und eine verfehlter Umgang mit der EU seit Inkrafttreten des Vertrages von Maastrich. Und nicht zuletzt haben viele Briten die Abstimmung nicht Ernst genommen (vor allem junge Menschen) und so den Zweiflern das Feld überlassen. Zumal das ehemalige Empire einen gänzlich anderen Umgang mit fremden Kulturen pflegt, als etwa Deutschland. Darin hat man wesentlich mehr Erfahrung. Das vereinte Königreich war auch sehr lange eher eine koloniale Zentralverwaltung. Die brach halt langsam weg und durch die EU hat London auch noch seinen Finanzsektor immer mehr verloren. All diese Gründe liegen in ihrem Ursprung lange vor 2015 begründet.

11.10.2018 11:01 andre 4

@Winfried - dann haben Sie die Medien aber nicht wirklich gelesen, alle haben nach dem Referendum gesagt, dass es dabei nur Verlierer gibt, sowohl bei den Briten, als auch bei den verbliebenen Euroländern, nur die Briten trifft es wesentlich stärker. Und die EU hat gesagt, dass der Ausstieg zu Ihren Regeln zu erfolgen hat und dass GB sich nicht die Rosinen rauspicken kann(Freihandel) aber dafür die Grenzen schließt. Es war und ist völliger Irrsinn, die ein Haufen Geld kosten wird und wahrscheinlich auch viele Arbeitsplätze!

11.10.2018 10:52 Max W. - Lobbyisten aka "Unsere Politiker" 3

@11.10.2018 05:27 optinator (Das derzeitige "Gleichgewicht" kommt dann durcheinander. Aber nach einer bestimmten Zeit stellt sich dieses wieder ein, die Welt dreht sich weiter.)

Es gibt kein "Gleichgewicht" - es gibt nur Verteilungskämpfe um Märkte, Ressourcen und Profite. Kapitalismus ist gewissermaßen Krieg in Zeitlupe. Z. Zt. jagt auf dem ganzen Globus ein "Handelsabkommen" das nächste - raten sie mal, warum.

Der Brexit ist, anders als in der deutschen "Presse" kommentiert (sic!), vor ALLEM eine Folge der Merkelschen Flüchtlingspolitik (Stichwort: Freizügigkeit), vor allem deshalb haben die Briten für den Brexit gestimmt. May selbst möchte EU-ähnliche Beziehungen zum EU-Wirtschaftsraum, aber keine EU-Mitgliedschaft - und das geht nicht.

Die "mitteldeutsche Wirtschaft" (was soll das eigentlich sein?) sollte sich in Berlin bedanken für die Zusammenhänge, in die sie jetzt hineinstolpert.
Der Brexit ist EINE von x Folgen der Merkelei und ihrer grossdilettantischen "Politik".

11.10.2018 08:29 winfried 2

Je näher das Brexit-Datum heranrückt um so mehr werden die Berichte und Artikel, dass dies negative Auswirkungen auf die Rest-EU und insbesondere auf DE hat.
Das klang am Anfang aber ganz anders. Da wurde, die ÖR vorneweg, davon gesprochen, dass es Verlierer gäbe, jedoch die EU bestimme "wo es langgehe".
Ich dagegen war von Anfang an der Meinung, dass GB so eine Art "Schuldner" sei, der erklärt, dass er den (EU)Vertrag kündige und nicht mehr "zahle".
Die Entwicklung scheint mir mehr und mehr Recht zu geben.

11.10.2018 05:27 optinator 1

Das derzeitige "Gleichgewicht" kommt dann durcheinander. Aber nach einer bestimmten Zeit stellt sich dieses wieder ein, die Welt dreht sich weiter.