Mungo-Transporter Militärproduktion bei Multicar in Thüringen

Erst kürzlich hatte die zwischenzeitliche Vergabe der Sturmgewehr-Produktion für die Bundeswehr nach Thüringen für Aufsehen gesorgt. Auch bei Multicar, dem einzigen verbliebenen DDR-Fahrzeughersteller, wird an militärischer Produktion für die Bundeswehr gearbeitet.

Mungo-Transporter der Bundeswehr
Ein Mungo-Transporter der Bundeswehr. Bei Multicar werden allerdings spezielle Modelle zum Aufspüren chemischer oder atomarer Kontaminationen gefertigt. Bildrechte: dpa

Vielen Menschen in Ostdeutschland ist Multicar noch immer ein Begriff. Die markanten Fahrzeuge wurden schon in der DDR gebaut – und deren Nachfolgemodelle haben bis heute überdauert. Normalerweise werden im Multicar-Werk im thüringischen Waltershausen Nutzfahrzeuge zusammengebaut, etwa kleine Transporter für kommunale Reinigungsunternehmen.

Doch seit kurzem wird in Waltershausen neben zivilen auch an militärischen Fahrzeugen geschraubt. Dabei handelt es sich um Fahrgestelle für den Truppentransporter "Mungo". Das bestätigte die Bundeswehr dem MDR. Der Vertrag sieht demnach die Fertigung von insgesamt neun Spezial-"Mungo"-Fahrgestellen vor, dazu Ersatzteile und Sonderwerkzeuge. Bereits in der Vergangenheit hatte Multicar "Mungo"-Transporter für die Bundeswehr gefertigt.

55-Millionen-Euro schwerer Auftrag von der Bundeswehr

Multicar gehört inzwischen zum Unternehmen Hako aus Bad Oldesloe aus der Nähe von Hamburg. Hako selber – und damit Multicar – ist lediglich Unterauftragnehmer. Weitere Informationen dazu wollte die Bundeswehr nicht herausgeben. Es liegt allerdings nahe, dass der Rüstungskonzern Krauss-Mafei Wegmann (KMW) den Auftrag von der Bundeswehr erhielt und Teile der Fertigung an Hako weitergab. KMW ist der Entwickler des "Mungo". Eine Nachfrage bei dem Rüstungsunternehmen blieb unbeantwortet.

Der 55-Millionen-Euro schwere Auftrag durch die Bundeswehr war im Juni 2019 vom Haushaltsausschuss des Bundestages freigegeben worden. Weder Multicar noch das Mutterunternehmen Hako wollten den Auftrag bestätigen. Von Hako hieß es auf MDR-Anfrage lediglich: "Wir geben generell keine Informationen zu Kunden." KMW selber hatte 2019 in einer Pressemitteilung den Bundeswehrauftrag bekannt gegeben und geschrieben, dass alle neun Fahrzeuge bis Ende 2022 ausgeliefert werden sollen.

Mungo - ein gepanzerter Spezialtransporter

Beim "Mungo" handelt es sich eigentlich um einen gepanzerten, kleinen Transporter für bis zu zehn Soldaten. Konstruiert wurde er auf Grundlage des Multicar-Fahrgestells. Das Besondere: Der "Mungo" ist bestens geeignet für den Transport mit einem mittelgroßen Hubschrauber.

Bei den nun in Waltershausen gefertigten Transportern handelt es sich vermutlich um Spezialanfertigungen zum Aufspüren von chemischen und atomaren Kontaminationen ("Mungo A/C Spür") – so zumindest hieß es in einer Mitteilung der Bundeswehr im Jahr 2019 zu einer entsprechenden Auftragsvergabe. Und weiter hieß es dort: "Gleichzeitig werden auch die Anforderungen an Mobilität und Schutz des Aufklärungssystems erfüllt, um die Soldaten der Division Schnelle Kräfte bei der nationalen Krisenvorsorge und bei luftbeweglichen Operationen zu unterstützen." Neben der Produktion von neun neuen Mungo war in dem Auftrag die Modernisierung eines älteren Mungo vorgesehen.

Im Jahr 2019 hatte der Haushaltsausschuss des Bundestages den Kauf abgesegnet. Auftragsvolumen: Immerhin 55 Millionen Euro. Wieviel davon die Produktion in Thüringen genau ausmacht, ist nicht bekannt. Weil der Auftrag Kosten von mehr als 25 Millionen Euro vorsieht, musste 2019 auch der Haushaltsausschuss zustimmen.

Der "Mungo" war Anfang der 2000er-Jahre von KMW entwickelt worden - damals brauchte die Bundeswehr dringend gepanzerte Transporter unter anderem für den immer gefährlicher werdenden Auslandseinsatz in Afghanistan. Mehrere hundert Mungo wurden bestellt. Später hatte es allerdings Berichte unter anderem über die mangelnde Stabilität des Fahrzeuges gegeben. Der Spiegel schrieb 2007 unter Berufung auf interne Berichte: "Als totaler Flop erweist sich ein Vehikel namens 'Mungo'. Die Panzerschmiede Krauss-Maffei Wegmann hatte es vor einigen Jahren aus dem Kleinlaster 'Multicar' entwickelt, der in vielen Kommunen zum Säubern von Gehwegen oder als Streufahrzeug im Winter dient. 'Aufgrund der Nichteignung des Fahrwerks für die schwierigen geografischen Bedingungen' werden die 28 am Hindukusch genutzten 'Mungos' ‚aus dem Einsatzgebiet abgezogen', wie das Verteidigungsministerium einräumt.“

Thüringen: Mungo und Sturmgewehr?

Die Fertigung des "Mungo" fällt mitten in die Diskussion über die Produktion des neuen Sturmgewehrs der Bundeswehr. Mitte September hatte das Verteidigungsministerium überraschend bekannt gegeben, dass die Firma C. G. Haenel aus dem thüringischen Suhl die Ausschreibung gewonnen hatte. Anfang Oktober dann die erneute Wende: Das Bundesverteidigungsministerium hob die Vergabeentscheidung zu Gunsten von Haenel wieder auf. In einer kurzen Mitteilung verwies das Ministerium darauf, "dass eine entsprechende Patentrechtsverletzung durch den Bieter C.G. Haenel GmbH zulasten des Bieters Heckler und Koch nicht auszuschließen ist". Zuvor hatte Heckler und Koch Beschwerde beim Ministerium eingelegt.

Das Oberlandesgericht Düsseldorf bestätigte dem MDR zudem, dass Heckler und Koch (H&K) dort Klage gegen Haenel und deren Geschäftsführer Olaf Sauer wegen Patentrechtsverletzungen eingereicht hat. Ein mögliches Verfahren könnte sich aber lange hinziehen. Nach Angaben der Gerichtssprecherin hat Haenel bis zum 23. Dezember Zeit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Ein mögliches Verfahren würde dann erst im kommenden Jahr starten. Wann das Bundesverteidigungsministerium von der Klage erfahren hat, ist bisher nicht bekannt.

Eigentlich gilt die süddeutsche Waffenschmiede Heckler und Koch als traditioneller Lieferant für die Bundeswehr im Bereich Kleinfeuerwaffen – und produzierte bisher jahrelang für die Armee das Sturmgewehr G36. Zwar hatte Heckler und Koch in der Vergangenheit Schlagzeilen mit illegalen Ausfuhren nach Mexiko gemacht, außerdem wurden dem G36 zwischenzeitlich Mängel unterstellt. Dennoch löste die zwischenzeitliche Entscheidung für Haenel und gegen H&K ein großes Echo in Medien und Sicherheitskreisen aus.

Denn Haenel hatte zuletzt nur rund zehn Mitarbeiter und gehört über das Unternehmen Caracal zur Holding "Edge" aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Mehrere Politiker hatten deshalb ihre Sorge ausgedrückt, dass Geld aus dem Waffenauftrag in den VAE landen und etwa beim Krieg im Jemen eingesetzt werden könnte. Außerdem wurde in Zweifel gezogen, ob Haenel den Auftrag überhaupt umsetzen kann, auch wenn das Suhler Unternehmen auf die Unterstützung der Waffenfirma Merkel, ebenfalls aus Suhl und im Besitz von Edge, bauen kann. Merkel hat rund 120 Mitarbeiter. Haenel war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Überraschung über Kehrtwende

"Ich bin überrascht und sehr verärgert", sagte der Leipziger CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Lehmann dem MDR nach dem vorerst wieder entzogenen Zuschlag für Haenel. Lehmann sagte, es gelte die Unschuldsvermutung – auch für Haenel. Er gehe derzeit davon aus, dass kein Verstoß festgestellt werde.

Eine Grafik mit einer Deutschlandkarte. Darauf ist die Stadt Suhl in Thüringen markiert. Darunter steht Waffenhersteller C.G. Haenel aus Suhl. 1 min
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Ebenfalls im Verteidigungsausschuss sitzt der Linken-Bundestagsabgeordnete und Ostbeauftrage seiner Partei, Matthias Höhn. Höhn zeigt sich gegenüber dem MDR angesichts des gestoppten Vergabeverfahrens "mehr als verwundert". Die ganze Prozedur sei damit mehr als "verbrannt". Bei der nächsten Sitzung des Verteidigungsausschusses erwarte er eine "intensive Debatte". Wichtig sei nun, zu klären, wer die gescheiterte Vergabe zu verantworten hat. "Wir müssen grundsätzlich darüber sprechen, ob eine Vergabe des Auftrags überhaupt notwendig ist und wir ein neues Sturmgewehr brauchen", sagte Höhn.

Bereits am 7. Oktober war der Auftrag an Haenel Thema im Verteidigungsausschuss. Laut Höhn waren in der damaligen Sitzung, also zwei Tage vor der Revidierung der Vergabeentscheidung, unter anderem der zuständige Staatssekretär aus dem Verteidigungsministerium und die Vizechefin des Beschaffungsamtes der Bundeswehr anwesend. Dabei war es noch vor allem um die Frage gegangen, welche Bedeutung der Eigentümer von Haenel aus den Vereinigten Arabischen Emiraten habe. Beide hätten versichert, dass die Eigentümerstruktur bei dem Auftragsnehmer irrelevant sei, es sei nur der Sitz der produzierenden Firma wichtig.

Rüstungsgegner: H&K wird Auftrag erhalten

Der Freiburger RüstungsgegnerJürgen Grässlin ist Sprecher der Kampagne "Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel!" und hat bereits viele Verfahren unter anderem gegen Heckler und Koch geführt. Grässlin rechnet damit, dass am Ende der Waffenhersteller aus Süddeutschland die Ausschreibung gewinnen wird. "Die neuerliche Wendung überrascht mich nicht. Heckler & Koch war von Anfang an empört über die Entscheidung und hatte angekündigt, vehement juristisch dagegen vorgehen zu wollen", sagte Grässlin dem MDR.

Sollte Haenel wider erwarten doch noch den Zuschlag erhalten, könne Suhl "ein Zentrum der Kleinwaffenproduktion" werden. Problematisch ist aus Sicht Grässlins allerdings, dass in einem solchen Fall vermutlich technisches Wissen über die Waffe in die Vereinigten Arabischen Emirate abfließen würde. "Damit hätte Deutschland keine Kontrolle mehr über die Weiterverbreitung des Modells im Nahen und Mittleren Osten."

Eckart Woertz, Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien in Hamburg, sieht hinter dem Aufbau der Unternehmensgruppe Edge eine langfristige Strategie der VAE. "Edge ist die vorläufige Krönung des Versuchs, technisches Wissen und Wertschöpfung im Rüstungsbereich auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten selber aufzubauen." Die Vereinigten Arabischen Emirate seien bereits zu einem wichtigen Faktor in der internationalen Rüstungsindustrie aufgestiegen. Grundsätzlich seien die Emirate eher an langfristiger Zusammenarbeit interessiert.

Auch Hubschrauber-Auftrag gestoppt

Linken-Politiker Höhn hatte sich schon kurz vor der Revidierung der Auftragsentscheidung verwundert über die Vergabe an Haenel gezeigt. "Ich habe den Eindruck, dass man im Verteidigungsministerium ein Zeichen setzen will, dass manche Firmen nicht mehr einfach jeden großen Auftrag bekommen", hatte er gesagt. Als weiteres Beispiel nannte er einen kürzlich gestoppten Großauftrag für einen neuen schweren Transporthubschrauber für die Bundeswehr.

Das Verteidigungsministerium hatte zu dem Hubschrauber-Auftrag erklärt, "dass eine Realisierung des Projektes im geplanten Finanzrahmen bei gleichzeitiger Erfüllung aller Forderungen unwahrscheinlich ist". Von dem Hubschrauber-Auftrag hätte aus wirtschaftlicher Sicht auch die Region Leipzig-Halle profitiert. Dort sollte ein Zentrum für Logistik und Flotten-Management inklusive 150 Arbeitsplätzen entstehen. Der Leipziger CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Lehmann bezeichnete die abgebrochene Ausschreibung für den Hubschrauber als "Tiefschlag".

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 20. Oktober 2020 | 20:15 Uhr