Konjunkturpaket Mitteldeutsche Automobilverbände begrüßen Verzicht auf Abwrackprämie

Automobilverbände aus Mitteldeutschland haben das Corona-Konjunkturpaket der Bundesregierung begrüßt. Ausdrücklich loben sie, dass es nicht zur Abwrackprämie für Verbrenner-Autos gekommen ist. Damit widersprechen sie der Kritik der Autokonzerne im Westen und der Gewerkschaften.

Mitarbeiter arbeiten an einem Volkswagen Golf 8 an einer Produktionslinie im VW Werk
Autoverbände in Mitteldeutschland begrüßen das Konjunkturpaket der GroKo. Bildrechte: dpa

Automobilverbände aus Mitteldeutschland haben das Corona-Konjunkturpaket der Bundesregierung begrüßt. Der Verzicht auf eine Abwrackprämie für Verbrenner sei eine Entscheidung für moderne und in die Zukunft gerichtete Unternehmen.

Der Geschäftsführer des Lobbyverbandes Automotive Thüringen, Rico Chmelik, sagte dem MDR, etwa die Hälfte der Branche in Sachsen und Thüringen sehe durch eine Kaufprämie für Verbrenner nur kurzfristige Effekte. Doch die Autobranche verändere sich langfristig. Daher sei die Entscheidung ein guter erster Schritt.

In einem gemeinsamen Positionspapier schreiben Automotive Thüringen und der sächsische Verband AMZ, nach allen vorliegenden Daten würden durch Abwrackprämien mittelfristig kaum mehr Fahrzeuge abgesetzt. Stattdessen sei es sinnvoller, die Zulieferindustrie direkt zu fördern.

AMZ: Förderprogramm für Sachsen

Chmelik erläutert: "Die Unternehmen, die wir vertreten, sind innovativ. Sie wollen sich und ihre Produkte auf die neue Mobilität einstellen, weil sie sehen, nicht jeder Verbraucher will und kann sich ein Auto leisten." Er plädiert für eine stärkere staatliche Förderung von Forschung und Entwicklung.

Zwei elektrisch angetriebene BMW i3
Der BMW i3 aus dem Leipziger Werk ist ein Erfolgsmodell. Bildrechte: dpa

Dirk Vogel vom AMZ Sachsen geht sogar einen Schritt weiter. "Die E-Auto-Prämie ist ein Förderprogramm für Sachsen, da in Sachsen mit dem Hochlauf der ID3 Produktion bald jedes zweite Fahrzeug ein E-Auto sein wird". Vogel sagte dem MDR, dies sei auch der Grund, dass es im Osten keine laute Kritik am Konjunkturpaket gebe.

Die beiden Verbände hatten in der Hochphase der Corona-Pandemie knapp 200 Automobilzulieferer in beiden Bundesländern gefragt, welche staatlichen Hilfen sie sich wünschen würden. In Sachsen sprachen sich immerhin 53 Prozent der befragten Unternehmen gegen eine Autokaufprämie aus, in Thüringen waren es 46 Prozent. 

Autobranche ins 21. Jahrhundert holen

Die Verbände hatten die Unternehmen vor Bekanntwerden des Konjunkturpakets befragt und bei der Frage nach der Kaufprämie keine Unterscheidung zwischen E-Autos und Verbrennern gemacht. Die Lobbyverbände schlagen nun eher mittel- und langfristige Förderungen vor.

Wir sollten auf regionale Forschung und Entwicklung setzen. Also zusammen mit mittelständischen Zulieferern und staatlichen Hochschulen neue Produkte entwickeln, die helfen, die Autoindustrie ins 21. Jahrhundert zu holen. Dafür brauchen wir die finanzielle Unterstützung des Bundes und der Länder.

Rico Chmelik, Geschäftsführer des Lobbyverbandes Automotive Thüringen

Genau auf diese Veränderungen wollen und können sich Chmelik zufolge die Zulieferer in Thüringen einstellen. Bereits jetzt hätten 70 Prozent der Unternehmen im Freistaat erste Aufträge im Bereich E-Mobilität. Das seien zwar nicht die gleichen Umsätze und Volumina wie bei der klassischen Autoproduktion. Doch die Zulieferer im Osten wüssten, dass jetzt andere Anforderungen gestellt würden.

Rico Chmelik, Geschäftsführer «automotive thüringen e.V.»
Rico Chmelik, Geschäftsführer von "automotive thüringen e.V." Bildrechte: automotive thüringen e.V./Norman Hera

Laut Chmelik produzieren schon mehr als die Hälfte der Zulieferer in Thüringen auch für andere Branchen: "Dadurch gibt es bei uns anderen Druck als in den Ländern Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen." Die regional unterschiedliche Wahrnehmung der Pläne der Bundesregierung sei in den regional unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen begründet.

Unterschiedliche Wahrnehmung der Kaufprämie

Während in zwei ostdeutschen Bundesländern die Zulieferer die ausbleibende Kaufprämie nicht bedauern, gibt es in den alten Bundesländern scharfe Kritik an den Plänen der Bundesregierung. Arbeitnehmervertreter und Vertreter der Autoindustrie wiesen darauf hin, dass nur ein geringer Teil der Neuzulassungen E-Autos wären, die Prämie für E-Autos gehe also ins Leere. Doch die unterschiedlichen Reaktionen überraschen nur auf den ersten Blick.

Diesel vor VW-Konzernzentrale in Wolfsburg
Blick auf VW-Konzernzentrale in Wolfsburg. Bildrechte: imago images / Jan Huebner

Ende vergangenen Jahres veröffentlichte das Bundeswirtschaftsministerium eine von ihm in Auftrag gegebene Studie zur Zukunft der Autoindustrie. Demnach verteilen sich zwei Drittel aller Jobs in der Autoindustrie auf Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern. Lange haben die Beschäftigten hier gekämpft, an den Erfolgen der Industrie beteiligt zu werden. Entsprechend hoch sind die Löhne in der Branche.

Die Abgaben und gezahlten Steuern der Industrie sind für die Kommunal- und Landeshaushalte der drei Bundesländer wichtige Grundpfeiler. In den drei Ländern arbeiten etwa fünf Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in der Autoindustrie. In Sachsen und Thüringen sind es je knapp 2,5 Prozent, in Sachsen-Anhalt lediglich 0,5 Prozent, so die Studie.

Transformation nicht aufzuhalten

Eine weitere Kernaussage des Papiers: Bis 2030 wird sich die Autoindustrie massiv verändern müssen, um auf dem Weltmarkt noch eine Rolle zu spielen. Autos zu entwickeln, die den veränderten Mobilitätsgewohnheiten entsprechen würden, werde zunehmend komplizierter – und dadurch teurer. Die Fachleute sprechen von "höherem technischen Fortschritt sowie zunehmender Kapitalintensität".

Deutsche Automobile am Autoterminal Bremerhaven vor ihrem Export nach Übersee.
Der Autoabsatz ist in der Corona-Krise massiv eingebrochen. Bildrechte: imago/Eckhard Stengel

Bei dieser Transformation werden demnach Arbeitsplätze in der klassischen Industrie verloren gehen, denn Automatisierung und stärkere Konzentration auf zum Beispiel Software in den Autos der Zukunft veränderten die Anforderungen an die Mitarbeiter. Ob und wie lange eine Kaufprämie für Verbrenner diese Entwicklung aufhalten könnte, dazu macht die Studie keine Aussagen.

Dirk Vogel vom AMZ Sachsen zufolge ist es schwierig, belastbare Zahlen zu bekommen. Er glaube aber, dass eine solche Prämie die Transformation nur um ein oder zwei Jahre nach hinten verschieben könnte. Außerdem gebe es in Europa große Bestände an bereits produzierten Autos mit Verbrennungstechnik. Eine Verbrenner-Prämie würde zum Abverkauf dieser "alten" Fahrzeuge führen, nicht zur Produktion von neuen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Juni 2020 | 11:15 Uhr