Gastgewerbe in der Krise Wann geht es weiter? Und für wie viele?

Viele Einzelhändler dürfen seit dieser Woche wieder öffnen, für Gastronomen und Hoteliers gilt das noch nicht. Nun hat die Koalition in Berlin zumindest die Senkung des Mehrwertsteuersatzes für die Branche beschlossen. Dennoch bleiben auch viele Betriebe in Mitteldeutschland in akuter Gefahr.

Ein Schild "Sie werden platziert" steht in einer noch geschlossenen Kneipe.
Leere Kneipen und Restaurants wegen der Corona-Krise. Bildrechte: dpa

Für die Gastronomen in Mitteldeutschland begann die Corona-Krise zur Unzeit: im März. Der März, das ist nach den flauen Wintermonaten normalerweise der Monat, in dem Restaurant- und Hotelbetreiber wenigstens wieder eine schwarze Null schreiben. Die Monate danach, April, Mai und Juni mit Ostern, Pfingsten und den beginnenden Sommerferien, die benötigen die Gastwirte, um erste Gewinne im Jahr zu machen. Ein Teil davon ist durch die Corona-Pandemie schon futsch, der Rest stark gefährdet.

"Wir waren für 2020 sehr gut vorgebucht", sagt Christian Schulz, der auf einem alten Brauereigelände in Tangermünde in Sachsen-Anhalt Hotel und Restaurant betreibt; außerdem stellt er Bier her. Er lebt unter anderem von Senioren-Busreisen und viele davon, sagt er, sind jetzt schon bis in den Herbst hinein abgesagt. In seinem Hotel mit 65 Betten hat Schulz derzeit jede Nacht noch etwa fünf geschäftliche Übernachtungsgäste. In der Brauerei gibt es aktuell, natürlich, keine Führungen und das Restaurant hat geschlossen. Ein Lieferdienst, das hat er ausprobiert, lohnt sich nicht in der Gegend.

Besonders gefährdet: Dorfkneipen, kleine Hotels

Wie Christian Schulz geht es im Moment nahezu allen Gastronomen im Land: Sie mussten schließen, wissen nicht, wann das vorbei sein wird, und die Prognose ist düster: Großveranstaltungen sind bis zum Spätsommer nicht erlaubt, Einreisebeschränkungen gelten weiter. Der Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Sachsen-Anhalt, Michael Schmidt, geht davon aus, dass 30 Prozent der Betriebe diese Situation nicht überleben werden. Vor allem solche in ländlichen Gebieten, "die letzte Dorfkneipe, das letzte Hotel am Platz", werden seiner Einschätzung zufolge bald schließen müssen.

Schmidt geht davon aus, dass das nicht sofort passiert, sondern in zwei Wellen. Die erste Welle werde demnach nach der Wiedereröffnung kommen. "Natürlich wird jeder Unternehmer versuchen, wieder loszulegen, aber viele werden merken, dass sie es nicht schaffen", so Schmidt. "Die zweite Welle werden wir um den Jahreswechsel oder etwas später, im Frühjahr 2021 bekommen. Die Betriebe erarbeiten sich für den Winter immer ein Polster – und das fällt dieses Jahr weg. Im neuen Jahr werden viele Unternehmen das zu spüren bekommen." Schmidt sagt, er habe von einigen älteren Unternehmern gehört, dass sie sich jetzt entscheiden müssten, ob sie sich noch einmal neu verschulden oder den Betrieb schließen. "Ich kann mir vorstellen, dass viele sich fürs Schließen entscheiden."

Branche boomt seit Jahren

Die Krise trifft, das muss man sagen, eine Branche im Aufwind. In Sachsen-Anhalt etwa gab es im ersten Halbjahr 2019 dem Tourismusbarometer des Ostdeutschen Sparkassenverbandes zufolge 1,64 Millionen Gästeankünfte und 3,92 Millionen Übernachtungen. Im gesamten Jahr 2018 waren die Ankünfte um 1,4 Prozent im Vergleich zu 2017 gestiegen, die Übernachtungen um 2,4 Prozent. In Sachsen ein ähnliches Bild: 2018 gab es im Freistaat nach Daten des Statistischen Landesamtes mehr als 20 Millionen Übernachtungen und noch im Januar 2020 zeichnete sich eine deutliche Steigerung der Übernachtungszahlen im Vergleich zum Vorjahr ab. Auch deutschlandweit ist dieser Trend zu sehen: 2019 sind die Übernachtungszahlen gestiegen – das zehnte Jahr in Folge. 300 Milliarden Euro Umsatz im Jahr hat die Branche vor Corona gemacht – mehr als der Maschinenbau, fast so viel wie die Autoindustrie.

All das ändert nichts daran, dass die aktuelle Situation für viele in der Tourismuswirtschaft existenzbedrohend ist. Auch in Thüringen ist für 2020 mit vielen Gästen gerechnet worden. "So viele Vorbuchungen gab es noch nie", sagt Michael Kühnelt, Geschäftsführer eines Golfressorts in Blankenhain bei Weimar und Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in Thüringen. Er glaubt, dass das eine Nachwirkung der Vermarktung des Bauhaus-Jahres 2019 hätte sein können.

Dehoga-Thüringen: 50 Prozent aller Betriebe in Existenz bedroht

Nun, da die Unternehmen von einer Stornierungswelle betroffen sind, rechnet Dehoga-Präsident Kühnelt damit, dass bis zu 50 Prozent der Thüringer Betriebe die Krise nicht überleben könnten. "Viele der Unternehmen sind klein, manche sehr klein. Im Durchschnitt machen unsere Mitglieder 200.000 Euro Umsatz im Jahr", sagt er. "Da kann man nichts zurücklegen." Hotels seien gleichermaßen betroffen wie Gaststätten, am schlechtesten ginge es den Ausflugslokalen im Thüringer Wald oder am Kyffhäuser. "Dort braucht man mit Lieferdiensten gar nicht erst anzufangen – was übrigens auch auf die meisten Dorfkneipen zutrifft", sagt er.

Das Land Thüringen hat in dieser Woche ein neues Hilfspaket speziell für Gastronomie und Hotellerie angekündigt, 45 Millionen Euro soll es geben. Für das Gewerbe im ganzen Land soll der Mehrwertsteuersatz nach einem Beschluss der Koalition in Berlin bis in den Sommer 2021 auf sieben Prozent gesenkt werden. Kühnelt hält das für den richtigen Weg, glaubt aber, dass weder das Geld noch die Steuersenkung ausreichen werden, wenn die Betriebe auch im Mai nicht wieder öffnen dürften. "Das wichtigste für uns ist Klarheit", sagt Kühnelt. "Wir brauchen eine Idee davon, wann wir wieder öffnen dürfen." Er wünscht sich außerdem einfache Liquiditätshilfen, da es gerade in seiner Branche viele junge Gründer gebe, die noch keine Rücklagen hätten bilden können.

Auch das Unternehmen von Christian Schulz aus Tangermünde ist vergleichsweise jung. In den vergangenen Jahren, sagt er, hat er viel gebaut und investiert, die Brauerei etwa erst 2017 eröffnet. "Ich wäre beruhigter, wenn wir alles schon seit Jahrzehnten abbezahlt hätten, dann würde ich vielleicht einfach Urlaub machen" sagt er. Schulz stellt sich darauf ein, dass der Betrieb nicht so bald wieder anläuft. Er hat für seine Mitarbeiter Kurzarbeitergeld beantragt und die Soforthilfe des Landes und versucht nun, wenigstens ein wenig Geld zu verdienen.

Von Freitag an will Schulz deswegen etwas Neues ausprobieren: Er will über die Dörfer in der Altmark fahren, um dort sein Flaschenbier zu verkaufen. "Wir liegen hier zwar schön in der Innenstadt, aber derzeit kommt hier ja niemand zum Einkaufen vorbei", sagt er. Sein Vater, mit dem Schulz das Unternehmen gegründet hat, versucht es seit diesen Tagen mit einem Verkaufsstand vor dem wieder eröffneten Baumarkt. Allerdings: Der Brauerei-Betrieb ist schon in Nicht-Krisenzeiten der kleinste Umsatzbringer im Unternehmen, macht normalerweise 20 Prozent aus. "Aber irgendwie muss es ja weitergehen", sagt Schulz.

Sachsen: Knapp ein Viertel hat schon Mitarbeiter entlassen

Wie stark die Branche inzwischen schon betroffen ist, das zeigt eine Umfrage des Dehoga-Landesverbands Sachsen, an der knapp 570 Betriebe teilgenommen haben. Mehr als 90 Prozent der Befragten gaben an, in ihren Betrieben Kurzarbeit eingeführt zu haben. 23 Prozent mussten eigenen Angaben nach bereits Mitarbeiter entlassen. Insgesamt arbeiten in der Branche dem Sächsischen Unternehmensregister zufolge mehr als 90.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte.


Mehr zur Dehoga-Umfrage in Sachsen

90 Prozent haben Kurzarbeit eingeführt

Der Branchenverband des deutschen Hotel- und Gaststättengewerbes in Sachsen hat eine Umfrage zu den Hilfsmaßnahmen des Bundes und der Länder in Folge der Corona-Krise unter seinen Mitgliedern gestartet, an der bisher 567 sächsische Betriebe teilgenommen haben. Darunter sind Gastronomiebetriebe, Hotels, Gasthöfe mit Beherbergungsanteil und andere Betriebsformen. Einig sind sich die Befragten bei der Antwort auf die Frage, ob sie glauben, dass die bisher von Bund und Ländern angebotenen Liquiditätshilfen und Kreditprogramme ausreichend sind, um Ihren Betrieb sicher durch die Krise zu führen. 83,5 Prozent beantworten diese Frage mit "Nein". 90,7 Prozent der Befragten gaben an, in ihren Betrieben Kurzarbeit eingeführt zu haben, 23 Prozent der Befragten mussten bisher Mitarbeiter entlassen.  

Corona-Soforthilfen

Auf die Frage nach dem Zurückgreifen auf staatliche Corona-Soforthilfen, die nicht zurückgezahlt werden müssen, antworteten knapp 80 Prozent, dass sie dies bereits getan haben oder zumindest planen. Dabei stießen 72,1 Prozent der Befragten auf Probleme bei der Beantragung der Soforthilfen. Sie klagten über die Überlastung der Webseite der Förderinstitution, über die komplizierte und bürokratische Antragstellung, über die Nichterreichbarkeit von Ansprechpartnern und über zu lange Bearbeitungszeiten.

Kreditprogramme

Von 467 Betrieben gaben knapp 60 Prozent an, dass sie staatliche Kreditprogramme beantragt haben oder dies noch planen. Davon sind die Kreditprogramme der Bundesländer inklusive Bürgschaftsbanken und das KfW-Sonderprogramm des Bundes die bevorzugten Kreditmöglichkeiten. Mehr als die Hälfte gab an, bei der Beantragung der Kredite auf Probleme gestoßen zu sein. Auch hier klagten die Antragsteller über die komplizierte und bürokratische Antragstellung, über die Nichterreichbarkeit von Ansprechpartnern und über zu lange Bearbeitungszeiten.

Weitere Liquiditätshilfen

Als weitere in Anspruch genommene Liquiditätshilfen nennen die Befragten neben Kurzarbeitergeld, Steuerstundungen beziehungsweise die Herabsetzung der Vorauszahlungen durch die Finanzverwaltung, die Stundung von Sozialabgaben und die Rückzahlung der Steuervorauszahlung.

Weitere Umfrageergebnisse

Von 248 Betrieben gaben 56,9 Prozent an, noch für Geschäftsreisende geöffnet zu sein. Von 230 Betrieben gaben 80,9 Prozent an, nicht mehr für Außer-Haus-Lieferungen bzw. das Take-Away-Geschäft offen zu sein.


Betroffen von den fehlenden Gästen sind natürlich nicht nur die Gastwirte und deren Angestellte selbst. In Orten wie Weimar lebt ein Teil des Einzelhandels hauptsächlich vom Tourismus; in Tangermünde rentiert sich eine Wäscherei nur deswegen, weil Christian Schulz dort Bettwäsche und Handtücher seines Hotels reinigen lässt. Tangermünde hängt überhaupt in besonderem Maße vom Tourismus ab. Normalerweise zählen sie in der Stadt an der Elbe 120.000 Übernachtungen pro Jahr bei gut 10.000 Einwohnern. Wie Christian Schulz bleibt aber auch Regine Schönberg, die Betreiberin des Tourismus-Büros in der Stadt, optimistisch. Sie hat ihr Geschäft, in dem sie auch Zeitungen verkauft, über die vergangenen Wochen offen gehalten. Weniger zu tun als sonst hat sie, aber: Sie darf neben Stornierungen auch wieder Buchungen für 2021 bearbeiten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 24. April 2020 | 19:30 Uhr