Coronatests bei Mitarbeitern Schlachthof-Konzerne kämpfen gegen schlechtes Image

Schlachthöfe stehen schon lange in der Kritik – unter anderem wegen der dort herrschenden Arbeitsbedingungen. Nun, nachdem sich einige Betriebe zu Corona-Brennpunkten entwickelt haben, stehen die Verantwortlichen noch mehr unter Druck. Auf einem Schlachthof in Coesfeld in Nordrhein-Westfalen haben sich mehr als 250 Mitarbeiter infiziert – ein Viertel aller bisher Getesteten. Das hat auch für die mitteldeutschen Schlachthöfe Konsequenzen.

Schlachthofmitarbeiterinnen nehmen Schweinehälften aus.
Sie gelten als "Corona-Hotspots": Schlachthöfe. Bildrechte: Colourbox.de

Auf dem Parkplatz vorm Weißenfelser Schlachthof wachsen drei Zelte in die Höhe. Ein paar Arbeiter ziehen die letzte Plane über das Gerüst. Auch wenn es in der Schlachterei der Firma Tönnies bislang keine bekannten Corona-Infektionen gibt, will Sachsen-Anhalt mit dem neuen Testzentrum auf Nummer sicher gehen, sagt Sozialministerin Petra Grimm-Benne: "Wir machen freiwillige Abstriche von nahezu 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, insbesondere bei Tönnies und bei den Subunternehmen. Der Anlass sind natürlich die Fälle aus Nordrhein-Westfalen und aus Schleswig-Holstein, die uns sehr umgetrieben haben."

Kritik an Tönnies-Schlachtbetrieben

Tönnies ist Deutschlands größter Schlachtkonzern. In den vergangenen Jahren stand das Unternehmen – neben anderen Firmen der Branche – häufiger in der Kritik, weil es osteuropäische Niedriglohn-Beschäftigte zum Beispiel in engen Sammelunterkünften untergebracht haben soll. Wegen der vielen Subunternehmer seien die Bedingungen aber schwer überprüfbar, kritisiert die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).

Jens Löbel, Geschäftsführer der NGG Thüringen, sagt, das Problem sei zunächst, dass die Menschen zusammengepfercht würden. Außerdem, "dass ein Akkord stattfindet. Das heißt, je mehr und je schneller sie arbeiten, desto mehr Geld bekommen sie." Deshalb sei es nicht möglich, einen Abstand von anderthalb bis zwei Metern zu gewährleisten.

Tönnies will alle Mitarbeiter auf Corona testen

Im Betrieb in Weißenfels habe man beim Arbeitsschutz jedoch aktuell nichts zu beanstanden, erklärt Sozialministerin Grimm-Benne. Die Unterkünfte wolle man sich nochmal anschauen. Tönnies selbst hat angekündigt, alle Mitarbeiter auf eine Corona-Infektion zu testen, die in Wohnungen mit mehr als zehn Personen leben – und auch diejenigen, die man neu einstelle. Dazu wolle der Konzern eigene Testlabore einrichten.

Pressesprecher André Vielstädte nennt weitere Maßnahmen: "Zum Beispiel haben wir kontaktlose Wärmemessungen, also Fiebermessungen eingeführt. Mit mehr als 38 Grad kommen Sie nicht auf das Betriebsgelände. Wir haben zusätzliche Desinfektionsstationen geschaffen. Wir haben Arbeitsplätze auseinandergezogen und zusätzliche Pausen- und Kantinenmöglichkeiten geschaffen."

Tausende Beschäftigte in der mitteldeutschen Fleischindustrie

Der Schlachthof in Weißenfels ist nicht der Einzige in Mitteldeutschland. Der NGG zufolge zählt die Fleischindustrie hier insgesamt 350 Betriebe und etwa 14.000 Beschäftigte. In Altenburg etwa unterhält die Vion-Gruppe eine große Schlachterei – ebenfalls mit vielen Werkvertragsarbeitern.

Reinhild Benning vom Verein Germanwatch fordert deshalb: "Kerntätigkeiten gehören in die Verantwortung der Schlachthöfe." Bestimmte Ausreden, die Vion nutze, wären so nicht mehr möglich – etwa, dass man nicht in die Unterkünfte der Mitarbeiter von Subunternehmen hinein dürfe. "Aber es gehört sich, dass sie die Angestellten selbst auf ihrer Lohnliste haben und damit auch verantwortliche Unterbringungen ermöglichen", fordert Benning.

Tönnies selbst findet die aktuellen Vorwürfe allerdings nicht gerechtfertigt. Man halte sich an die Gesetze und minimiere die Infektionsgefahr. Die Ergebnisse der Tests aus Weißenfels sollen Anfang kommender Woche vorliegen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. Mai 2020 | 05:00 Uhr

11 Kommentare

Critica vor 23 Wochen

Das Ganze erweckt nun bei "Otto Normalverbraucher" den Eindruck, dass das Virus mit Fleischfabriken in Verbindung gebracht werden kann oder muss oder wie auch immer.
Mal abgesehen davon, dass Fleisch viel zu billig ist und Tiere dabei gequält werden, ist doch wohl eher davon auszugehen, dass das Virus in den schlechten Unterkünften der ausländischen Fleischverarbeiter ausgebrochen ist.
So würden die Gesundheitsämter gut daran tun, dringend und schnell die Unterkünfte der ausländischen Spargel- und Erdbeerernter zu überprüfen. Die werden nicht viel besser sein.

ossi1231 vor 23 Wochen

Nicht nur mit Arthritis urea sind über 90% der angebotenen Fleischwaren für den Stoffwechsel eher unverträglich.
Dieses Medikamenten- und Stressfleisch ist die "Hölle".
Ebenfalls verdienen ein Großteil der sonstigen angebotenen Lebensmittel die Bezeichnung Leben nicht mehr.

KlausTh vor 23 Wochen

Natürlich kann man sich über die Leute aufregen, die Billigfleisch kaufen. Aber ich bitte zu bedenken, dass es viele Arme bzw. Geringverdiener gibt, die es sich einfach nicht leisten können, hochwertiges Fleisch oder Biofleisch zu kaufen. Hier dann Verzicht oder den Kauf höherwertigen Fleisches zu verlangen, wenn man selbst besser verdient, fände ich anmassend und überheblich,