Haushaltsbuch liegt neben Geld und Taschenrechner auf dem Tisch.
Viele Selbstständige müssen besonders genau haushalten. Bildrechte: imago/MiS

Anfrage der Grünen Vielen Selbstständigen in Sachsen droht Armut

Auch wenn viele von einer Selbstständigkeit träumen: Sie ist eine große Herausforderung. Vor allem bei Klein- und Solo-Selbstständigen reicht das Geld oft kaum zum Leben. In Sachsen sind Tausende Menschen betroffen, zeigt die Antwort des Sozialministeriums auf eine Kleine Anfrage.

von Kristin Kielon, MDR AKTUELL

Haushaltsbuch liegt neben Geld und Taschenrechner auf dem Tisch.
Viele Selbstständige müssen besonders genau haushalten. Bildrechte: imago/MiS

Kevin Hochler hat jahrelang für die Bundeswehr gearbeitet. Doch dem sicheren Sold, der verlässlich jeden Monat kommt, hat er das Risiko vorgezogen: Vor gut einem Jahr hat er sich mit einer Marketing-Agentur selbstständig gemacht. Seitdem muss er sich selbst darum kümmern, dass Monat für Monat genug Geld reinkommt.

Er erzählt, dass ihm das glücklicherweise keine Probleme bereite. Er treffe aber im Arbeitsalltag immer wieder auf Selbstständige, die zu kämpfen hätten. Der Umsatz sehe zwar bei vielen Selbstständigen auf den ersten Blick anständig aus. Nach Abzug aller Kosten bleibe aber deutlich weniger hängen.

Man darf nicht vergessen, dass jedes Blatt Kopierpapier oder jeder Liter Benzin den Umsatz schmälert und dafür sorgt, dass der eigene Geldbeutel am Ende des Monats etwas kleiner wird.

Kevin Hochler, selbstständig mit einer Marketing-Agentur

Armutsgefährdet: Jeder zehnte Selbstständige

Bei manch einem Selbstständigen reicht das Geld kaum zum Leben. Wer als Alleinstehender im Monat weniger als 900 Euro zur Verfügung hatte, galt 2017 sogar als arm. Die grüne Landtagsabgeordnete Petra Zais wollte genau wissen, wie viele das in Sachsen waren.

Jobcenter vom Arbeitsamt der Landeshauptstadt in Magdeburg
7.400 selbstständige Sachsen stocken auf - und müssen damit regelmäßig zum Jobcenter. Bildrechte: IMAGO

Ihre Anfrage beim Sozialministerium zeigt: Im Jahr 2017 waren nach Angaben des Statistischen Landesamtes rund 18.200 Selbstständige armutsgefährdet – immerhin fast zehn Prozent aller Selbstständigen in Sachsen. Und manch ein Selbstständiger konnte von dem, was am Monatsende übrig blieb, überhaupt nicht leben, sagt Zais. Rund 7.400 der 18.000 hätten Anspruch auf Hartz IV. "Das ist eine relativ hohe Zahl."

Niedrigere Krankenversicherungsbeitrage als erster Schritt

Bei diesen Aufstockern reicht das erwirtschaftete Einkommen dementsprechend noch nicht einmal für den Mindestlohn. Petra Zais von den Grünen fordert deshalb auch von der Politik, hier regulierend einzugreifen. Sie möchte, dass die Auftraggeber Mindesthonorare zahlen. "Die sollen eine Höhe haben, die es ermöglicht, sowohl ein angemessenes Einkommen zu erzielen, als auch die Abgaben in die Sozialversicherungssysteme leisten zu können."

Ein alter Mann zählt Geld in einer Geldbörse.
Selbstständige beziehen im Alter doppelt so häufig Grundsicherung wie sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Bildrechte: dpa

Das sei insbesondere in Hinblick auf die Altersabsicherung wichtig. Die zu Jahresbeginn in Kraft getretene Neuregelung der Krankenversicherungsbeiträge sei da ein guter erster Schritt. Seit diesem Jahr ist der Mindestbeitrag mit 171 Euro im Monat um etwa die Hälfte niedriger als früher. Ähnliche Neuregelungen müssten auch für die Renten- und Arbeitslosenversicherung gelten: In beide Kassen können die meisten Selbstständigen freiwillig einzahlen.

Verpflichtende Altersvorsorge soll kommen

Das ist aber mit hohen Kosten verbunden: Der Regelbetrag für die Rentenversicherung lag im vergangenen Jahr bei rund 530 Euro monatlich in den neuen Bundesländern, für eine freiwillige Arbeitslosenversicherung sind etwas mehr als 70 Euro fällig. Auf Nachfrage von MDR AKTUELL erklärt Sozialministerin Barbara Klepsch schriftlich:

"Die Altersvorsorgepflicht für alle Selbstständigen ist bereits seit Jahren Gegenstand der politischen Diskussion, insbesondere wegen der Armutsgefährdung der Klein- und Solo-Selbstständigen. Ich unterstütze deshalb ausdrücklich das Vorhaben der Bundesregierung, eine Altersvorsorgepflicht auch für die Selbstständigen einzuführen. Dabei geht es um Selbstständige,  die nicht bereits anderweitig abgesichert sind. Im Koalitionsvertrag auf Bundesebene hatte man sich darauf verständigt, dass Selbstständige künftig wählen können, ob sie sich in der gesetzlichen Rentenversicherung oder einer anderen geeigneten Vorsorgeart versichern. Dies soll auch existenzgründerfreundlich ausgestaltet werden." Sozialministerin Barbara Klepsch

Für den selbstständigen Marketing-Strategen Kevin Hochler ist das Schwierigste an der Selbstständigkeit, dass die Einnahmen sehr schwanken können. Denn nur weil er eine Rechnung verschickt, heißt das ja nicht, dass der Kunde auch sofort bezahlt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Januar 2019 | 07:08 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2019, 07:22 Uhr

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44 Kommentare

13.01.2019 15:19 wwdd 44

Zu 38, Die meisten Selbständigen machen sich um Eigenverantwortung ihres Lebens und Altersvorsorge mehr einen Kopf, als der Rest in der Gesellschaft. Den von ihnen genannte Teil gibt es sicherlich auch. Bitte ziehen Sie das Leben nicht von den Rändern auf.

13.01.2019 11:30 Theo Clüver 43

von wem dann Dresdner; die familiäre Autowerkstadt die mein 1992er Baujahr alle 2 Jahre durch den TÜV bringt gab es schon zu DDR Zeiten und bietet Service wie Hilfe nach Feierabend oder in der Nacht, den große Ketten wie ATU usw. nicht haben und immer zu fairen Preisen, Ratenzahlungen ohne Zinsen uvm.

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13.01.2019 11:07 Mediator an Sabrina (28) 42

Veränderungen in der Rentenversicherung erfolgen i.d.r. mit großzügigen und gestaffelten Übergangsfristen. Es ist also nicht so, dass bei einer Erhöhung des Renteneintritssalters die kurz vor der Rente stehenden davon überhaupt betroffen sind.

Daraus ergibt sich, dass diejenigen die es betrifft ausreichend Zeit haben sich auf diese Veränderungen einzustellen.

Ansonsten das übliche bla bla von ihnen: Angebliche Gesetzesverstöße bitte ich doch mit Urteilen zu belegen. Weiterhin ist die AL Quote in unserem Land historisch niedrig. Das mögen pauschale Regierungskritiker zwar immer nicht, aber es ist trotzdem ein Fakt!

PS: Seit wann will jeder der einen Minijob ausübt in Vollzeit arbeiten? (Schüler, Studenten, Hausfrauen, Rentner)

13.01.2019 09:33 Dresdener 41

Theo, ich schreibe nicht von einem gutgehenden Handwerkerbetrieb, da ist es in der Tat gut, auch wegen der Niedrigzinspolitik. Geht aber auch nicht ewig gut.

13.01.2019 05:08 Theo Clüver 40

wird hier wieder auf hohem niveau gejammert ob malerfirma dachdecker oder klemptner handwerker zahlen seit 30 jahren spitzenlöhne 2018 waren es 22 euro stundenlohn und machen massenhaft gewinne. chef holt sich jährlich neueste autos. containerdienst baut sich schon 2 nobelhütte. wenns brummt brummts

13.01.2019 00:10 Sabrina 39

@ 12.01.2019 19:32 wwdd 34
Inwieweit haben Sie vorgesorgt für den Fall, dass ihre Lebensversicherung nicht zahlen kann oder will und die Sicherungsfonds ebenfalls nicht?
Werden Sie dann obdachlos oder rufen Sie dann nach dem Staat?
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Was ist, wenn ihre Vorgesorgtheit in der Luft zerplatzt wie eine Seifenblase?
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Die Rentenkürzungen in der Gesetzlichen Rente sind nicht aus wirtschaftlicher Not der Gesetzlichen Rente erfolgt, sondern aufgrund wirtschaftlicher Not der Privaten Versicherung (zuwenig Neuabschlüsse bei Lebensversicherungen).
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Da hat die Private Versicherung nach dem Staat gerufen, wie dies auch schon die Banken getan haben.
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Und der Staat hat der Privaten mit dem Altersvorsorgeanteil aus Rentenkürzungen unter die Arme gegriffen.
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Warum sollte dieses Milieu, dass so viele in der Gesetzlichen Rente in Armut gestürzt hat, Ihnen mal später freiwillig Ihre Rente zahlen?

12.01.2019 21:29 Peter 38

@wwdd: Ich kann Ihre Argumente nachvollziehen.
Ich verstehe "verpflichtende Altersvorsorge" nicht allein in der Form, dass alle Selbständige zwingend Mitglied der gesetzlichen Rentenversicherung werden müssen.
Nur, und da werden Sie mir recht geben, gibt es sehr viele Selbständige, die nach der Devise leben: Heute mache ich mir mit dem verdienten Geld ein gutes Leben. Gedanken an Später mache ich mir nicht. Der Staat wird sich schon um mich kümmern.

12.01.2019 20:35 Peter 37

@32: Gern gebe ich ein paar Tipps für eine erfolgreiche Selbständigkeit:
Ein gutes Produkt oder eine nachgefragte Dienstleistung
Ein durchorganisierter Arbeitstag
Kundenbezogenheit und Kundenfreundlichkeit
Ein straffes Finanzmanagement
Mitgliedschaft in der GKV und freiwillige Zahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung
Und nicht zuletzt: regelmäßig seine Steuern zahlen

12.01.2019 19:35 Sachse43 36

@33: Sehr richtig, aber es sind doch Experten die noch nicht einmal Umsatz und Gewinn trennen können...

12.01.2019 19:34 Sachse43 35

@26: Mich würde es erfreuen, wenn Sie dahingehend auch zum Thema Beamte kommen würden. Die Mähr vom Leben in Saus und Prauß der Selbstständigen Kleinen ist jetzt erst mal realitätsnah zerstört worden.