Siemenswerk Görlitz
Bislang galt das Görlitzer Siemens-Werk intern als Schnellboot. Wendig, flexibel. Genau deshalb hoffen die Mitarbeiter, ihre Jobs nicht zu verlieren. Bildrechte: dpa

Konzern-Bilanz Ostdeutsche Siemens-Werke vor dem Aus?

In den ostdeutschen Werken von Siemens werden die Worte aus Berlin mit besonderer Brisanz erwartet. Der Mutterkonzern stellt seine Zahlen vor und seit Wochen geistern Gerüchte über Stellenstreichungen vor allem im Osten durch die Medien. Die Mitarbeiter, gerade in Görlitz, wollen das nicht hinnehmen, sie protestieren. Denn ohne das Siemens-Werk werde die Stadt abgehängt, sagt der Chef der IG Metall Ostsachsen. Auch Sachsens Wirtschaftsminister Dulig will das so nicht hinnehmen.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Siemenswerk Görlitz
Bislang galt das Görlitzer Siemens-Werk intern als Schnellboot. Wendig, flexibel. Genau deshalb hoffen die Mitarbeiter, ihre Jobs nicht zu verlieren. Bildrechte: dpa

Jan Otto wird kämpfen. Der Chef der IG Metall Ostsachsen will die Beschäftigten des Siemens Turbinenwerks Görlitz am Donnerstag vor die Werkstore rufen. Er plant lauten Protest in der Stadt. Wieder einmal. Otto kämpft bereits um die Arbeitsplätze von Bombardier in Görlitz.

Wenn nun Siemens hunderte Stellen streichen, das Turbinenwerk vielleicht sogar schließen will, dann werde Görlitz zur abgehängten Stadt, befürchtet Otto: "Wenn Siemens gehen würde, dann würde die Arbeitslosenquote von jetzt schon fast 14 Prozent auf über 23 Prozent steigen. Und von daher hat die Region einfach ein Problem." Otto meint die Kaufkraft, die ganzen anhängenden Unternehmen und die Zulieferer. Aber auch Kitas, Kliniken. Görlitz könne man zuschließen, wenn Siemens und Bombardier nicht mehr da wären, sagt der Gewerkschaftschef.

Siemens will vor allem im Osten Stellen streichen

Siemens baut in Görlitz Industriedampfturbinen für Kraftwerke. Die Beschäftigten haben gut zu tun, aber wie lange noch? Der Trend geht weltweit weg von Großkraftwerken hin zu erneuerbaren Energien. Deswegen stellt Siemens auch Werke in Erfurt und Leipzig infrage.

Das "Manager Magazin" hat die inoffizielle Streichliste veröffentlicht – mit überwiegend ostdeutschen Standorten. Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig ärgert das: "Wir sind in einer Marktwirtschaft, dementsprechend sind das unternehmerische Entscheidungen. Aber auch Siemens muss wissen, dass wir es uns nicht gefallen lassen, wenn Entscheidungen auf dem Rücken von Ostdeutschland ausgetragen werden sollen, bloß weil man glaubt, dass man hier preiswertere Lösungen beim Personalabbau hinbekommt." Das sei unverantwortlich. Und da müsse man auch mit unserem erbitterten Widerstand rechnen.

Politik und Gewerkschaften erhöhen Druck auf Siemens

Dulig erwartet von Siemens ein Konzept, mit dem die Werke zukunftsfähig gemacht werden können. Das Unternehmen selbst äußerte sich bislang nur vage. Mitte November wolle man Pläne vorlegen. Vielleicht sagt Vorstandschef Joe Kaeser aber schon am Donnerstag während seiner Bilanz ein paar Sätze. Der Druck ist groß.

Olivier Höbel, IG-Metall-Chef für Berlin, Brandenburg und Sachsen, verweist auf die besondere Verantwortung von Siemens - und die Wahlerfolge der AfD in Sachsen: "Herr Kaeser hat ja nach der Bundestagswahl von Elitenversagern geredet und hat die in Berlin gemeint. Ich kann ihm nur zurückrufen, er gehört auch zur Elite dieses Landes und er hat da auch eine Verantwortung wahrzunehmen. Und ich hoffe, dass Herr Kaeser sich da noch besinnt in eine andere Richtung."

IG Metall: Görlitz bereit für Zukunft

Siemens-Mitarbeiter versammeln sich vor dem Generatorenwerk Erfurt
Öffentliche Betriebsversammlung vor dem Erfurter Siemens-Werk. Auch hier bangen die Mitarbeiter um ihre Jobs. Bildrechte: MDR/Michael Hesse

Höbel sagt, Siemens verdiene gut. Sollte die Nachfrage für bestimmte Produkte sinken, seien die Beschäftigten bereit, Ideen für Neues einzubringen. So sieht es auch Jan Otto aus Görlitz: "Ich glaube, das zeichnet uns als IG Metall auch aus, dass wir zusammen mit den Arbeitnehmervertretern nicht nur Kampf gegen etwas machen, sondern auch für eine Zukunft sind. Und ich kann Ihnen nur sagen, wenn Sie sich das Werk mal angucken, sehen sie ein top ausgestattetes Werk. Sicherlich sind noch ein paar Investitionen notwendig, aber es wäre ein Riesenfehler, das anzugreifen."

Bei Siemens, sagt Otto noch, bezeichne man das Görlitzer Werk intern manchmal als Schnellboot, weil es so flexibel sei. So ein wendiges Ding, das lasse man doch nicht einfach untergehen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 09.11.2017 | ab 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2017, 19:31 Uhr

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