Abstand zwischen Banksteigkante und Gleis.
Wie hoch soll sie sein? Der Streit um die Bahnsteigkanten in Mitteldeutschland geht weiter. Bildrechte: dpa

Bahn Bauprojekte wegen Streit um Bahnsteigkanten gestoppt

Der Streit um die Höhe der Bahnsteigkanten in Mittdeutschland geht weiter. Die Bahn pocht auf 76 Zentimeter, regional gibt es ein eigenes 55-Zentimeter-Konzept. Das Gezerre legt nun erste Bauprojekte lahm.

Abstand zwischen Banksteigkante und Gleis.
Wie hoch soll sie sein? Der Streit um die Bahnsteigkanten in Mitteldeutschland geht weiter. Bildrechte: dpa

Über die Bahnsteighöhen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wird weiter gestritten. Die Nahverkehrsgesellschaften in Mitteldeutschland haben nun MDR-Recherchen zufolge ein eigenes Konzept für die künftigen Höhen der Kanten vorgelegt, das von den Plänen der Deutschen Bahn abweicht. Eine Einigung darüber, ob die Bahnsteige in den nächsten Jahrzehnten einheitlich 55 oder 76 Zentimeter hoch sein werden, steht noch in weiter Ferne - und das kann Milliarden kosten.

Ausgangspunkt des Streits ist die Deutschen Bahn. Diese plant in einer Erneuerung ihres sogenannten Bahnsteighöhenkonzeptes eine Anpassung der meisten Bahnkanten auf deutschlandweit einheitliche 76 Zentimeter. Im Osten Deutschlands wird allerdings seit Jahrzehnten in den meisten Fällen auf 55 Zentimeter Höhe gebaut und saniert. Der MDR hatte bereits im August des vergangenen Jahres über den Streit berichtet.

Eine Umrüstung würde nach Ansicht der mitteldeutschen Nahverkehrsgesellschaften allein für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen rund eine Milliarde Euro Mehrkosten verursachen – für Infrastruktur und neue Züge. Außerdem würde durch den Umbau jahrzehntelang keine Barrierefreiheit an den betroffenen Stationen möglich sein, da Fahrzeuge und Bahnkanten nicht aufeinander abgestimmt sind.

Deutsche Bahn ist gegen das mitteldeutsche Konzept

In dem nun ausgearbeiteten mitteldeutschen Konzept sollen die Bahnsteige im betroffenen Verbundsystem auch künftig 55 Zentimeter hoch sein. Ausgenommen sind 76 Zentimeter hohe Bahnsteige für den Fernverkehr. Das spare Geld und bringe eine schnellere Barrierefreiheit, sagt der Geschäftsführer des Zweckverbandes für den Nahverkehrsraum Leipzig (ZVNL), Oliver Mietzsch, dem MDR. Er sehe nach wie vor keine Notwendigkeit für das neue Konzept der Bahn.

Bei dem Vorschlag der Gesellschaften aus Mitteldeutschland müssten lediglich 850 Bahnsteige an die Höhe von 55 Zentimeter angepasst werden, nicht 1.660 auf eine Höhe von 76 Zentimeter. Damit würden rund 850 Millionen Euro eingespart. Die Variante der Deutschen Bahn koste hingegen etwa 1,7 Milliarden Euro.

Die Deutsche Bahn lehnt das mitteldeutsche Konzept kategorisch ab. Es widerspreche den Vorgaben der aktuellen Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung, hält die zuständige DB Station & Service in einer Stellungnahme, die dem MDR vorliegt, dagegen. Eine Bahnsteighöhe von 55 Zentimetern sei auf zahlreichen Strecken nicht möglich. Als Grund wird unter anderem der länderübergreifende Verkehr genannt. Die Deutsche Bahn selbst antwortet, zum mitteldeutschen Konzept befragt, sehr wortkarg. Die einheitlichen Regeln würden derzeit mit dem Bundesverkehrsministerium abgestimmt.

Aufgrund des Streits liegen derzeit sogar Bauprojekte auf Eis. Unter anderem geht es bei den Planungen für den Neubau des Haltepunktes Radefeld am Porschewerk zwischen Leipzig und Halle/Saale derzeit nicht weiter, solange unklar ist, in welcher Höhe der Bahnsteig gebaut werden soll.

Bahnkanten sind Thema im Bundestag

Unterdessen ist der milliardenschwere Streit um die Höhe der Bahnsteige im Bundestag angekommen. Das Thema wurde unter anderem in der vergangenen Woche im Verkehrsausschuss behandelt. Dort besteht die Bundesregierung auf die einheitliche Höhe von 76 Zentimetern.

Allerdings tragen das nicht alle Fraktionen mit. Die FDP bringt deshalb derzeit eine Kleine Anfrage auf den Weg, in der sie das bisherige Bahnsteighöhenkonzept der Bahn hinterfragt. "Wir wollen von der Bundesregierung wissen, ob es einen pragmatischen Weg gibt, das Bahnsteighöhenkonzept aus Mitteldeutschland umzusetzen", sagt der Abgeordnete Torsten Herbst (FDP) dem MDR. Niemandem wäre zu erklären, dass weitere Millionen in den Bahnsteigumbau gesteckt werden – und sich dadurch die Barrierefreiheit auf absehbare Zeit verschlechtere.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 01. Juli 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juli 2018, 07:05 Uhr

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11 Kommentare

01.07.2018 16:09 Urlauber 11

@Kümmert Euch um wesentliches
Sagen sie mal gehts noch?
Ich gehe mal davon aus,sie sind Relativ Jung,ein Mann und nicht Behindert.
Jetzt versuchen sie mal nach zu denken,wie es Älteren,Mütter mit Kinderwagen oder Behinderten geht.
Aber so sind se die meisten Deutschen,Ich Ich Ich.

01.07.2018 14:38 Na so was 10

Wenn man die Überschrift dieses Beitrages liest, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. Das steigert sich, wenn man den Betrag von mehreren Milliarden Euro liest, der anfallen würde, wenn die Bahnsteigkantenhöhen einheitlich in Deutschland angepaßt werden. Aber man hat gelernt, Kostenvoranschläge mit einem festgelegten Betrag fallen in Zukunft weg, ebenso ein Hinweis auf die Dauer der Baumaßnahme. Natürlich ist ein einheitliches Maß der "Bahnsteigkantenhöhe " in Deutschland notwendig. Schließlich gibt es nur noch ein einheitliches Deutschland (theoretisch). MDR.DE, ist es Ihnen möglich, herauszufinden, wieviel Damen und Herren aus einen Deutschland in der "Arbeitsgruppe für einheitliche Bahnsteigkantenhöhen für ganz Deutschland" Tag für Tag bis zur Erschöpfung arbeiten. Wenn diese Leute nicht weiterkommen, mein Tipp: Fragen Sie doch mal bei der "Arbeitsgruppe für einheitliches Aussehen der frischen Gurken" nach. Die Schale muß grün, die Wuchsform muß gerade sein. Geht doch!

01.07.2018 14:34 Kümmert Euch um wesentliches 9

Streit um Bahnsteigkanten im BT?

Ich dachte, die würden sich da mit wirklich wichtigen Dingen befassen.

Wenn das Parlament seine Zeit mit so einem Pipifax vertut, bleiben zwangsläufig bedeutendere Sachen unbehandelt.

01.07.2018 12:01 Schilda - Einwohner 8

Kein Wunder das wir immer wieder mit Spiegelbilder des BER konfrontiert werden. wir sind ein Staat wo es keine Verantwortung für vermurkste Entscheidungen zu tragen gilt. Hier wär das Verkehrsministerium ohne Zweifel die entscheidende Stelle gewesen, da die dortigen Beamten auch nicht entschiedene Entscheidungsträger sind ,wird sich sowas über kurz oder lang wiederholen !

01.07.2018 11:05 Max W. 7

@01.07.2018 10:08 Uwe Peter (Nicht die Bahnsteighöhe ist das Problem, die 76 cm sind in Ordnung. Das rollende Material ist nicht zeitgemäß. Es gibt noch zu viele Züge und Wagons die nicht Barriere frei betreten werden können, mit Stufen im Zugangsbereich, die auf die 55 cm Bahnsteige angewiesen sind, um Unfallfrei die Wagons besteigen oder verlassen zu können.
Am Erfurter Hbf. sieht man sehr oft Fahrgäste in die Züge oder aus den Zügen fallen, weil die unterste Stufe zu tief liegt.
Parallel zum Bahnsteigumbau sollten auf den Betroffenen Strecken nur noch geeignete Züge eingesetzt werden. Die Politik sollte genügend Geld in die Hand nehmen und zur Verfügung stellen um den Umbau Streckenweise komplett vornehmen zu lassen und nicht dem ständigen Flickwerk der Bahn raum geben. Und die Bahn sollte endlich aus den Eigenen Fehlern lernen!)

Dick unterschreib'!

01.07.2018 10:08 Uwe Peter 6

Nicht die Bahnsteighöhe ist das Problem, die 76 cm sind in Ordnung. Das rollende Material ist nicht zeitgemäß. Es gibt noch zu viele Züge und Wagons die nicht Barriere frei betreten werden können, mit Stufen im Zugangsbereich, die auf die 55 cm Bahnsteige angewiesen sind, um Unfallfrei die Wagons besteigen oder verlassen zu können.
Am Erfurter Hbf. sieht man sehr oft Fahrgäste in die Züge oder aus den Zügen fallen, weil die unterste Stufe zu tief liegt.
Parallel zum Bahnsteigumbau sollten auf den Betroffenen Strecken nur noch geeignete Züge eingesetzt werden. Die Politik sollte genügend Geld in die Hand nehmen und zur Verfügung stellen um den Umbau Streckenweise komplett vornehmen zu lassen und nicht dem ständigen Flickwerk der Bahn raum geben. Und die Bahn sollte endlich aus den Eigenen Fehlern lernen!

01.07.2018 09:51 Klartexter 5

Anscheinend gibt es im Rest der Republik die Probleme nicht. Da stellt sich schon die Frage, warum wieder einige Regionen aus einer einheitlichen Festlegung aussteigen und auf eine extra Regelung bestehen. Dem Föderalismus gehören die Flügel gestutzt. Er entwickelt sich immer mehr und überall zu einer Wirtschaftsbremse!

01.07.2018 08:35 wwdd 4

Wickelt diese unsägliche Bahnreform wieder ab. Eine Bahn, ein Land, eine Verkehrspolitik, denn es ist einfach nicht mehr auszuhalten. Die Hoffnung darauf habe ich noch nicht verloren.

01.07.2018 08:23 Kritischer Bürger 3

@Markus 2: Die 76 cm sind eben alt und daher auch senil, wie einige die solche Vorgaben unterstützen. Da will man neue Züge bauen und irgendwo einsparen und dafür muss anderes wie der Bahnsteig eben leiden oder mehr Kosten am laufendem Band bedeuten. Bei 76 cm muss dann ja für Behinderte diese Höhe wieder einmal verändert werden. Das kostet weiteres Geld. Wie wird dieses Geld erwirtschaftet? Indem man Fahrpreise stetig erhöhen will und muss und wer bezahlt? Die Bürger, KURZ GESAGT: Läuft doch gut für die Bahn immer neue beschie... äh bescheidene Vorschläge, soll ja alles für die Bürger sein und daher/dafür können oder müssen die Bürger eben bezahlen! Alles im grünen Bereich!

01.07.2018 07:57 Markus 2

Deutsche Bahn ist wie ein Märchen: je weiter umso schrecklicher... Die Herren dort, ob die wirklich verstehen, dass die Bahn für Menschen arbeitet (arbeiten sollte) ? Was kostet ein Konzept, wenn dadurch alle Behinderte benachteiligt werden?