Kohleausstieg und Strukturwandel Truppenübungsplatz wird zur Hoffnung für die Oberlausitz

Tausende Soldaten trainieren jedes Jahr auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz – manche kommen sogar aus Singapur bis nach Sachsen. Für den Moment hat Corona zwar auch dort den Betrieb verringert. Doch wenn irgendwann die Braunkohle geht, könnten die Militärübungen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region werden.

Zwei Kampfpanzer der Bundeswehr vom Typ Leopard 2 fahren 2018 auf dem Truppenübungsplatz Altmark an einer Stellung der niederländischen Heeres vorbei.
Auch ausländische Armeen mieten den Truppenübungsplatz Oberlausitz wochenlang für ihre Manöver (Symbolbild). Bildrechte: dpa

Aus der Luft sieht es aus, als ob tiefe Narben den Truppenübungsplatz Oberlausitz durchziehen. Seit Jahrzehnten wird dort geschossen, graben sich Kettenfahrzeuge durch den sandigen Boden ganz im Osten der Republik. Lärm gehört für die Anwohner mit dazu.

Bis zum März dieses Jahres. "Dann war erst mal Ruhe", sagt Andreas Lysk dem MDR. Seit 18 Jahren ist er Bürgermeister der kleinen Gemeinde Weißkeißel nur wenige Kilometer nördlich des Truppenübungsplatzes. An die Schießübungen der Leopardpanzer und die Flüge der Hubschrauber hatte er sich längst gewöhnt, wie er sagt.

Doch im März war plötzlich Schluss mit den Gefechtsübungen. Die Corona-Pandemie hatte Europa erfasst, überall wurde das öffentliche Leben heruntergefahren, auch auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz, dem drittgrößten in Deutschland. Damals sei kurzerhand alles abgesagt worden, berichtet der stellvertretende Kommandant des Truppenübungsplatzes, Sven Rahn. Die Soldaten aus Singapur, die zu der Zeit in der Oberlausitz ausgebildet worden seien, hätten abreisen müssen.

In einer Region wie der Oberlausitz ist der Truppenübungsplatz ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Gerade jetzt, wo das Ende der Braunkohle absehbar ist, zählt jeder Arbeitsplatz. Doch es ist auch eine Gradwanderung: Die übenden Armeen bringen zwar Geld, aber auch Lärm und Verkehr.

Regelmäßig Soldaten aus dem Ausland

Ausländische Soldaten sind seit 2016 regelmäßig in der Oberlausitz stationiert. In dem Jahr mieteten Armeen aus anderen Ländern Teile des Platzes für insgesamt 23 Wochen, danach ging die Nutzung leicht zurück. 2017 wurde der Truppenübungsplatz 20 Wochen von ausländischen Streitkräften genutzt, 2018 waren es 13 Wochen, 2019 insgesamt 17 Wochen. Das geht aus einer Antwort der Bundeswehr an den MDR hervor. Den jeweiligen Mietern, also den ausländischen Armeen, werden die Betriebskosten in Rechnung gestellt.

Wie viele ausländische Soldaten für den jeweiligen Übungszeitraum in die Region an der Grenze zu Polen kommen, ist unterschiedlich. Laut Bundeswehr bewegt sich deren Zahl zwischen 50 und 800. Sie kommen vor allem aus den Niederlanden und Österreich, aber auch aus Singapur. Zwei Mal im Jahr sind Truppen aus dem südostasiatischen Land in der Oberlausitz. In dem kleinen Stadtstaat, der nur rund vier Mal so groß ist wie der Truppenübungsplatz, ist kein Platz für Militärmanöver oder größere Schießübungen.

Grundlage für die Vermietung ist ein bilaterales Abkommen zwischen Deutschland und Singapur aus dem Jahr 2009. Anfang des Jahres sollten die Truppen des kleinen Landes eigentlich für acht Wochen in Sachsen bleiben, doch das Coronavirus zwang sie zur vorzeitigen Abreise.

Seit Jahrzehnten Übungsgebiet

In der Oberlausitz wird schon lange geschossen: Die Rote Armee fing dort nach dem Zweiten Weltkrieg an, Truppen auf einen möglichen Krieg vorzubereiten. Später übernahm die NVA den Platz. Lothar Höfchen erinnert sich noch an die Zeit vor der Wende. Damals sei es lauter gewesen als heute. "Es wurde mehr geschossen, und außerdem waren die Straßen manchmal gesperrt", sagt Höfchen dem MDR. Höfchen betreibt mehrere Bäckereien in den Ortschaften rund um den Truppenübungsplatz. Rund 40 Menschen arbeiten in seinen Filialen.

Der Truppenübungsplatz besitzt die modernste Panzerschießbahn in Europa. Nach Angaben der Bundeswehr kann in der Dünenlandschaft zudem mit dem Kampfhubschrauber Tiger und aus dem Transporthubschrauber CH53 geschossen werden.

Lärm nicht problematisch – Hoffnung auf Ausbau

Für Lothar Höfchen ist der Lärm trotzdem kein Problem. "Wenn geschossen wird, nehmen wir das schon wahr", sagt er. "Aber nur im Hintergrund." Dass der Platz auch durch ausländische Truppen gemietet wird, hält er nicht für problematisch, auch die Bundeswehr müsse wirtschaftlich denken.

So ähnlich hört man es überall in den Anrainergemeinden. Auch von Weißkeißels Bürgermeister Lysk. Er sagt: "Der Lärm wird wahrgenommen." Und es gebe durchaus auch Kritik an den Militärübungen. Andererseits: "In den 18 Jahren, in denen ich hier Bürgermeister bin, gab es nur zwei offizielle Beschwerden bei uns", so Lysk. "Der Lärm ist keine Dauerbelastung."

Ein Tiger Kampfhelikopter startet von der Landebahn des Flughafens Gao bei Camp Castor vor.
Seit Mitte Mai sind Kampfhubschrauber vom Typ Tiger wieder in der Oberlausitz unterwegs. Bildrechte: IMAGO

Für den Bürgermeister ist der wenige Kilometer entfernte Übungsplatz vor allem ein Wirtschaftsfaktor – und die Menschen wüssten, was sie daran haben. Es gebe tarifgebundene Arbeitsplätze, die Kaufkraft in die Region brächten. In der strukturschwachen Oberlausitz ist das ein gewichtiges Argument. Lysk hofft sogar auf eine Modernisierung und einen Ausbau des Platzes, es gebe bereits entsprechende Signale.

In 18 Jahren ist Schluss mit der Kohle

Über fast 40 Kilometer zieht sich der Truppenübungsplatz quer durch die Lausitz. Im Osten fließt die Neiße und markiert die Grenze zum Nachbarland Polen. Im Norden, Osten und Süden haben Schaufelbagger riesige Löcher in den Boden gegraben, schon lange wird dort Braunkohle gefördert. Einige Restlöcher sind bereits geflutet, weite Seen bestimmen die Tagebaufolgelandschaft. Mehrere Türme des Kraftwerks Boxberg ragen direkt neben dem Truppenübungsplatz in die Höhe, die letzten Blöcke sollen nach den Plänen der Bundesregierung erst 2038 abgeschaltet werden.

Der Ort Boxberg liegt im Schatten der Kraftwerkstürme und in Hörweite des Truppenübungsplatzes. Bürgermeister Achim Junker bleibt dennoch gelassen. Auch er hört, wenn wieder mal ein Panzer schießt, doch lauter als das Quietschen eines der langen Förderbänder, die die Kohle zum Verbrennen in das Kraftwerk bringen, sei das auch nicht. "Wir sind eine Industriegemeinde", sagt Junker. Und der Truppenübungsplatz sei ein wesentlicher ökonomischer Faktor.

Braunkohlekraftwerk Boxberg am Baerwalder See Lausitz
Spätestens 2038 steigt auch das Braunkohlekraftwerk Boxberg aus der Kohleverstromung aus. Bildrechte: imago/photothek

Gelegentlich gebe es Anfragen von Bürgern, etwa wenn Hubschrauber besonders niedrig über die Landschaft fliegen. Doch für solche Fälle gebe es eine direkte Telefonnummer zu Lagerkommandantur, so Boxbergs Bürgermeister. Kommandant des Truppenübungsplatzes ist Oberstleutnant René Pierschel. Die Bürgermeister der umliegenden Orte berichten nur positiv über ihn.

Bundeswehr als Konkurrenz

Einmal im Jahr werden sie eingeladen auf den Truppenübungsplatz, erzählt Ralf Brehmer. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Rietschen wenige Kilometer südlich des Bundeswehrgeländes. Der Übungskalender wird vorgestellt. Außerdem gibt es einen Tag der offenen Tür.

Brehmer spricht aber auch von einem "schweren Spagat". Denn natürlich bringe die Nachbarschaft zum Truppenübungsplatz Lärm, auch der Boden vibriere manchmal. Aber Brehmer denkt eben auch an das absehbare Ende der Braunkohle, an den Truppenübungsplatz als Wirtschaftsfaktor und an die vielen Menschen aus der Gemeinde Rietschen, die dort tätig seien etwa als Handwerker. Außerdem müsse Deutschland eine gut ausgebildete Armee haben, genauso wie verbündete Staaten.

Der Oberlausitz stehen Veränderungen bevor, spätestens 2038 ist Schluss mit der Kohleverstromung und die Bevölkerung wird im Durchschnitt immer älter – da ist der Truppenübungsplatz so etwas wie eine feste Instanz, die noch Jahrzehnte bleiben könnte. Leise Kritik gibt es aber dann doch, nicht nur am Lärm. Bäckerunternehmen Höfchen sieht die Bundeswehr auch als Konkurrenz – im Kampf um junge Arbeitnehmer. Die Bundeswehr biete gute Arbeitsbedingungen und gute Bezahlung. Alleine aus Daubitz, einem Ortsteil von Rietschen, seien im vergangenen Jahr drei Männer zur Bundeswehr gegangen. Das sei aber auch der einzige Nachteil, sagt Höfchen. Ansonsten sieht er den Truppenübungsplatz nicht negativ.

Großmanöver 2020 abgesagt

Eigentlich sollte das Gelände in der Zeit von Januar bis Mai als Rastplatz vor allem für US-amerikanische Truppen auf dem Weg nach Osteuropa dienen. Der Plan: Im Rahmen des Manövers "Defender 2020" sollten zehntausende Soldaten nach Osteuropa verlegt werden. 20.000 davon aus den USA. Große Truppenverbände hätten in der Oberlausitz campiert, so der Plan. Doch Corona wirbelte auch diese Großübung durcheinander. Sie wurde zusammengestutzt und läuft nun stark verkleinert ausschließlich über das norddeutsche Bergen.

Auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz wird es trotzdem weitergehen. Irgendwann wird auch dort wieder Alltag einkehren – inklusive Schießübungen. Seit einigen Monaten läuft der Betrieb wieder, wenn auch stark eingeschränkt. Und die Aussichten sind nicht besser: Sven Rahn erzählt, dass die Truppen aus Singapur ihr geplantes Kommen im Herbst bereits abgesagt haben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Juli 2020 | 07:30 Uhr

13 Kommentare

Wirtschaft 4.0 vor 1 Wochen

Das ist eine falsche Alternative im Land der Idee. Es scheint mir so, als ob die Oberlausitzer nicht selber nachdenkend wären. Die Zukunft der Region wird wieder von den Kriegslobbyisten bestimmt. Es wäre für alle Schauer, wenn die Kreativit der Einwohner freien Lauf hat.

Bernd1951 vor 1 Wochen

@Antiverhinderer
"@Bernd... sie haben irgendwie überhaupt nichts verstanden oder....aber erstmal Blödsinn schreiben.... Ironie aus."
ich freue mich immer wieder wenn ich auf meine kritischen Einwände so sachliche Antworten wie "Blödsinn" bekomme. Wenn Sie vor fast 30 Jahren die Deindustrialisierung ("blühende Landschaften etc.) ganzer Gebiete in der DDR am eigenen Leib mitgemacht hätten, würden Sie mich vielleicht verstehen. Auch damals gab es große Worte über blühende Landschaften usw. und was ist daraus geworden. Es kommt vor allem darauf an, in der Lausitz gutbezahlte Arbeitsplätze für die kommenden Generationen zu schaffen. Ein Militärübungsplatz ist da nur ein kleiner Bestandteil und sollte nicht zum Hoffnungsanker ausgerufen werden. Es wird große Wirtschaftsberatungsunternehmen geben, die sehr gerne für einen Teil der 40 Milliarden Konzepte für neue Ansiedlungen von Unternehmen erstellen. Bis 2038 sind es noch 18 Jahre und die sind schneller vorbei als man denkt.

wer auch immer vor 1 Wochen

Kein Geld auf der Welt für Waffen ausgeben, dafür dieses in die Wirtschaft stecken, neue Technologien einführen und Erforschen, gerade jetzt um die Umwelt zu schützen ( Schutz ohne Waffen ) . Schon ist der Wirtschaftsfaktor auch gegeben.