Covid-19 Wegen Coronavirus: Streit um Tariflohn im Einzelhandel

Ein Vorschlag des Handelsverbandes HDE sorgte Anfang der Woche für große Aufregung: Das für dieses Jahr vereinbarte Lohnplus im Einzelhandel sollte wegen der Corona-Krise verschoben werden. Sollen also zum Beispiel auch die Kassiererinnen an der Supermarktkasse auf Geld verzichten? Ganz so war der Vorschlag wohl nicht gemeint. Die Gewerkschaft Verdi ist trotzdem sauer.

eine Verkäuferin in einem Supermarkt. Beim Regale einräumen, an der Kasse. Ein Mann mit Einkaufswagen nach dem Verlassen des SM. Die Wagen-Sammelstelle mit Schildern. Ein großes Nahkauf-Schild.
Die Beschäftigten im Supermarkt leisten angesichts der Corona-Krise gerade besonders viel. Müssen sie nun auch noch auf ihr Lohnplus verzichten? Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

In ihrer TV-Ansprache zur Corona-Krise Mitte März hatte Kanzlerin Angela Merkel die Beschäftigten in den deutschen Supermärkten noch ausdrücklich gelobt:

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), spricht bei einer Pressekonferenz
Ein Lob für die Arbeit in den Supermärkten. Bildrechte: dpa

Wer in diesen Tagen an einer Supermarktkasse sitzt oder Regale befüllt, der macht einen der schwersten Jobs, die es zurzeit gibt. Danke, dass Sie da sind für Ihre Bürger und den Laden buchstäblich am Laufen halten.

Angela Merkel

Arbeitsminister Heil fordert Lohnerhöhung

Zuletzt hatte auch Arbeitsminister Hubertus Heil mehr Lohn für die Beschäftigten in Supermärkten gefordert. Das lässt sich aber nicht verordnen, sondern ist Sache der Tarifpartner. Und die Arbeitgeberseite will von Heils Vorschlag nichts wissen.

Der mächtige Handelsverband HDE schlägt sogar vor, ein schon vereinbartes Plus beim Tariflohn im Einzelhandel zu verschieben. Mit dem so eingesparten Geld könnten existenziell bedrohte Firmen das Kurzarbeitergeld dann aufstocken, so die Idee.

Tariflohnaufschub nicht für alle Unternehmen

Soll also das Kassenpersonal sogar noch zur Kasse gebeten werden? "Nein", heißt es vom HDE. Der Vorschlag ziele auf die kriselnden Firmen etwa im Textil- oder Elektronikbereich ab.

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth: "Es war nie so gedacht, dass die Kassiererin auf ihre Lohnerhöhung verzichten soll." Dem Verband sei es darum gegangen, von der Krise bedrohten Unternehmen zu helfen und sie zu unterstützen. Man habe das Ganze im "Kontext der Forderungen von Verdi gesehen, dass wir einen Kurzarbeiter-Tarifvertrag machen sollen, der Aufstockungsleistungen bis zu 100 Prozent vorsieht für alle Unternehmen. Das ist schlechterdings nicht möglich", erklärt Genth.

Kritik von Verdi

"Ist es doch", sagt die Gewerkschaft Verdi, die die Beschäftigten in ihrer Existenz bedroht sieht. Die Bundesregierung investiere Milliarden, um die wirtschaftlichen Auswirkungen für die Unternehmen aufzufangen. Dazu bekämen die Unternehmen bei Kurzarbeit in Krisenzeiten ihre Sozialabgaben ersetzt.

Außerdem hätten die Firmen durchaus Spielraum, sagt Jörg Lauenroth-Mago vom Verdi-Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Er sieht die "Möglichkeit von zinslosen Krediten. Oder man muss in die einzelnen Förderprogramme einsteigen. Das ist doch die Möglichkeit, wo die Unternehmen Alternativen haben, wie sie mit dieser schwierigen Situation umgehen". Im Gegensatz zum Beschäftigten, der auf kein Förderprogramm zurückgreifen könne. Nach Ansicht von Lauenroth-Mago hat die Bundesregierung für die Unternehmen genug Förderprogramme, um die Krise zu überstehen.

In seinem Vorschlag vermische der HDE zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun hätten, findet der Verdi-Vertreter. Die Gewerkschaft jedenfalls hält am Tarifplus im Einzelhandel im Frühjahr fest – genauso wie an der Forderung, das Kurzarbeitergeld in der Branche deutlich aufzustocken.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. April 2020 | 05:00 Uhr