Ein Mann legt Tomaten in den Kühlschrank
Heute ist der FCKW-freie Kühlschrank längst Standard - damals war er eine Senation. Bildrechte: Colourbox.de

Erfindung aus dem Erzgebirge Der erste FCKW-freie Kühlschrank der Welt

Der erste FCKW-freie Kühlschrank der Welt wurde vom VEB "DKK Scharfenstein" und Greenpeace entwickelt. Das Produkt wurde ein Verkaufsschlager, trotz Gegen-Kampagnen der Konkurrenz. Pleite ging die Firma dann trotzdem. Das Unternehmen hatte auf Verlangen von Greenpeace darauf verzichtet, seine bahnbrechende Entwicklung zum Patent anzumelden. 30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es im Erzgebirge noch Zeitzeugen, die von der Abwicklung durch die Treuhand erzählen.

von Sven Kochale, MDR AKTUELL

Ein Mann legt Tomaten in den Kühlschrank
Heute ist der FCKW-freie Kühlschrank längst Standard - damals war er eine Senation. Bildrechte: Colourbox.de

Die Treuhandpolitik hat im Erzgebirge tiefe Spuren hinterlassen. Zum Beispiel bei Albrecht Mayer, der seine Gefühle kaum verbergen kann. Der heute 77-Jährige war als Ingenieur maßgeblich an der Entwicklung des Wunder-Kühlschranks beteiligt.

Es gibt schon Schicksale hier. Denen hat es schwer mitgespielt. Aber das hat bei der Treuhand keine Rolle gespielt.

Albrecht Mayer, Ingenieur

Innovation aus dem Erzgebirge

Scharfenstein bei Chemnitz ist das Herz der DDR-Kühlschrank-Produktion. Im Bahnhofsgebäude erinnert eine kleine Ausstellung an die Kältetechnik-Tradition im Erzgebirge, die fast 100 Jahre zurückreicht. Da steht er, der erste Kühlschrank der Welt ohne den Ozon-Killer Fluorchlorkohlenwasserstoff (FCKW). Damals war das eine Sensation.

Doch fast 30 Jahre später beschäftigt Albrecht Mayer nicht mehr so sehr der Kühlschrank. Er muss immer wieder an die Treuhand denken und an die Gespräche, die er geführt hat. Darunter waren viele Warnungen:

Die haben immer gesagt: Nehmt euch vor dieser Treuhand in acht! Das sind alles eure Feinde. Das konnte man zwar nicht laut äußern. Letzten Endes hat es sich aber so ergeben.

Albrecht Mayer, Ingenieur

Die Treuhand - "graue Eminenz"

Das Erzgebirge war plötzlich Teil der Marktwirtschaft. Es ging um neue Absatzregionen, Technologien und um Kosten - und mittendrin die Treuhand. Dass von den Privatisierern in Berlin nicht viel zu erwarten sein würde, schwante dem ehemaligen DKK-Kältetechniker Dieter Rochhausen ziemlich schnell: "Da war ich bei der Treuhand. Und ich war 1977 im damaligen Haus der Ministerien. Das war ja dann die Treuhandanstalt. Da war ich emotional erschrocken. Die Honecker-Bilder hingen zwar nicht mehr da. Aber ansonsten hatte ich den Eindruck, dass ich in einer riesigen Institution war, einer grauen Eminenz", erinnert er sich.

Tatsächlich wollte die Treuhand den DDR-Betrieb wegen fehlender Kaufinteressenten abwickeln. Erst als Greenpeace auf den Plan trat, drehte sich der Wind. Die Öko-Pioniere aus dem Erzgebirge heckten gemeinsam mit Greenpeace einen Geheimplan aus und entwickelten den FCKW-freien Prototypen. Auf einer Pressekonferenz im Sommer 1992 machten sie ihr Projekt dann öffentlich und schockten die West-Konkurrenz.

Kein Patent

Diese reagierten auf die Weltneuheit aus Sachsen gereizt und streuten Gerüchte. Der Kühlschrank sei ein Stromfresser und es bestehe Explosionsgefahr, bekam Ingenieur Dieter Rochhausen zu hören. Die Vorwürfe erwiesen sich zwar als haltlos, sie öffneten dem heute 69-Jährigen aber die Augen: "Man hat geglaubt, man ist 40 Jahre beschissen worden. Und jetzt kommt man in eine heile Welt. Das war der größte Denkfehler", sagt er.

Eine Frau begutachtet mehrere Akten.
Nach Bekanntwerden der Erfindung aus Scharfenstein zog die Treuhand die Schließungspläne für den VEB DKK-Betrieb vorerst zurück. Bildrechte: dpa

Trotz aller Widerstände begann die Produktion und es gingen tausende Bestellungen ein. Die Treuhand zog daraufhin die Schließungspläne zurück. Gleichzeitig begannen aber auch die West-Konzerne damit, serienmäßig FCKW-freie Kühlschränke zu produzieren. Diesem Wettbewerb waren sie letztlich im Erzgebirge nicht gewachsen. Auch deshalb nicht, weil sie kein Patent auf ihre Technologie angemeldet hatten.

Das entsprach allerdings der Vereinbarung mit Partner Greenpeace. Die Umweltschützer wollten dafür sorgen, dass sich die Technologie möglichst schnell durchsetzt. Ein Patent wäre da hinderlich gewesen. Und so, erzählt der Ingenieur im Ruhestand Albrecht Mayer, ist der FCKW-freie Kühlschrank heute Standard. Er sei froh, dass sich der Kühlschrank in der Welt durchgesetzt hat. Für die Welt sei es ein kleiner Vorteil gewesen, den Kühlschrank hätte es sonst nie gegeben.

Ich bin aber betrübt, dass nichts mehr da ist. 5.000 Leute wurden hier entlassen. Da interessierte es nicht, ob das FCKW war oder irgendein Kältemittel. Wir sind entlassen worden und wollen nichts mehr damit zu tun haben.

Albrecht Mayer, Ingenieur

Ganz verschwunden ist die Kältetechnik aber nicht aus dem Erzgebirge. Mehrere Firmen setzen die Tradition fort und stellen Kühlsysteme her. Und der erste FCKW-freie Kühlschrank der Welt? Er steht noch heute in einigen Haushalten. Und im kleinen Museum in Scharfenstein.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. September 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. September 2019, 11:15 Uhr

4 Kommentare

deBernd vor 4 Wochen

Die damalige sogenannte Treuhand erinnert mich an die derzeitige sogenannte Regierung. Die schafft es sogar die Deutsche Automobilindustrie zu zerschlagen.
Gute Nacht mein gelobtes Land, es geht bergab...

W.Merseburger vor 4 Wochen

Was da im Artikel steht ist nicht nachvollziehbar. Zunächst haben VEB DKK Scharfenstein und Greenpeace den Kühlschrank gemeinsam entwickelt. Das glaube ich nicht, denn Greenpeace ist keine Firma. Die Forderung von Greenpeace, diese Innovation patentrechtlich nicht abzusichern, ist absurd. Hier waren offensichtlich Falschspieler und "V-Männer" der Wettbewerber extrem aktiv, um den Fortschritt mit allen Kräften zu verhindern. Vorstellen kann ich mir allerdings, dass 1992 in Scharfenstein kein ausgebildeter Patentingenieur tätig war, der sich im Patentrecht deutschlandweit, der EU und der Welt auskannte und auch über entsprechende finanzielle Möglichkeiten verfügte, um die Erfindungen umfangreich zu schützen. Wer damals dabei war, weiß wohl, dass man der Treuhand nicht vermitteln konnte, hier ist etwas Richtungsweisendes; wir brauchen Geld. Die Gegenfrage war immer, wenn sie so gut sind, warum reißen die westlichen Marktführer ihre Erfindungen ihnen nicht sofort aus der Hand?

kennemich vor 4 Wochen

Was wir sollen Konkurrenz bekommen, das geht nicht.

Also weg damit.