Eingang der Treuhandanstalt (Aufnahme von Januar 1991)
Eingang der Treuhandanstalt im Januar 1991 Bildrechte: imago/Detlev Konnerth

Privatisierung Wie Beraterfirmen die Treuhand beeinflusst haben

25 Jahre lagen die Treuhand-Akten unter Verschluss. Jetzt werden sie nach und nach für Wissenschaftler und Journalisten freigegeben. "Plusminus" durfte Einsicht nehmen – und stieß auf ein einflussreiches Beratergremium, das bisher kaum bekannt ist.

Eingang der Treuhandanstalt (Aufnahme von Januar 1991)
Eingang der Treuhandanstalt im Januar 1991 Bildrechte: imago/Detlev Konnerth

Von Ostdeutschlands einstigem größten Kühlschrankbauer Foron sind heute nur noch Ruinen übrig. Der ehemalige VEB in Neuschmiedeberg im Erzgebirge stand nach der Wende unter der Verwaltung der Treuhandanstalt. Der Betrieb produzierte zu teuer, die Produkte waren veraltet. Es sah schlecht aus für Foron. Doch im Januar 1993 gab es einen Paukenschlag: Foron stellte mit Greenpeace den ersten FCKW-freien Kühlschrank vor. Es war eine technische Revolution – und das Produkt Weltspitze. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gab der Erfolg Grund zur Hoffnung. Doch die Treuhand beeindruckte das nicht. Das Werk wurde dichtgemacht.

historische Aufnahme des von Foron entwickelten ersten FCKW-freien Kühlschranks
Der erste FCKW-freie Kühlschrank der Welt: Hoffnung bei Foron. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Längst beschlossene Sache

25 Jahre lang lagen die Treuhand-Akten unter Verschluss. Nun werden sie von Historikern ausgewertet. Auch "Plusminus" darf sie erstmals sichten, darunter Akten zu Foron. In einem Dokument heißt es, das Unternehmen sei nicht sanierungsfähig. Selbst detaillierte Pläne zum Arbeitsplatzabbau wurden schon ausgearbeitet. Es ist ein Todesurteil, datiert auf den November 1991 – mehr als ein Jahr vor der Präsentation des Öko-Kühlschranks. War das frühe Urteil entscheidend für das Sterben von Foron? Die Treuhand hielt an diesem Plan trotz des neuen modernen Produkts fest. Als "Plusminus" das Dokument dem ehemaligen Foron-Mitarbeiter Dieter Scharschmidt zeigt, wird klar: Die Belegschaft kannte diese Pläne nicht. "Das habe ich nicht gewusst", sagt Schaarschmidt. "Man konnte zwar ahnen, wie das dort so abläuft in der Treuhand, aber dass so schnell schon der Stempel drunter ist, habe ich nicht gewusst." "Von der Treuhand redet niemand positiv", sagt seine frühere Kollegin Margitta Franke.

Einflussreiches Berater-Gremium im Hintergrund

In den Dokumenten finden sich Hinweise auf ein Gremium, das bisher weitgehend unbekannt ist: den sogenannten "Leitungsausschuss". Dieser Ausschuss hat über die Zukunft von FORON und 4.500 weitere DDR-Betriebe bestimmt. An seine Empfehlungen hat sich der Treuhand-Vorstand weitgehend gehalten, wie der Historiker Prof. Dr. Dierk Hoffmann vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) festgestellt hat: "Die Kaufgespräche, die Verkaufsentscheidungen sind im Vorstand getroffen wurden. Damit hatte der Leitungsausschuss auch nichts zu tun, aber er lieferte sozusagen Basisinformationen, wichtige Grundlagen, an denen sich der Vorstand weitgehend, soweit wir das bis jetzt sehen können, auch orientiert hat."

der Historiker Prof. Dr. Dierk Hoffmann vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) München
Recherchiert Treuhandakten: Historiker Prof. Dr. Dierk Hoffmann vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) München Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch wer war dieser "Leitungsausschuss"? Es war nicht die Treuhand-Spitze um Birgit Breuel, sondern ein Team von etwa 100 externen Beratern der großen deutschen Unternehmensberatungsfirmen: Roland Berger, McKinsey, KPMG, PWC. Ihre Aufgabe: In kürzester Zeit alle Ostbetriebe bewerten – ein riesiges Geschäft.

"Zeltlager-Atmosphäre"

Dr. Tobias Engelhardt war damals Mitarbeiter der Beratungsfirma Roland Berger, als er zum "Leitungsausschuss" wechselte. Dort wurde er Teamchef und sollte die komplette DDR-Leichtindustrie – Schuhe, Textil und Bekleidung – auf Überlebensfähigkeit prüfen. Er erinnert sich: "Zeltlager-Atmosphäre, ständig kamen neue Leute, alt, jung, Ost, West, Kaufleute, Techniker: Das war wie so ein Melting Pot, wie ein Taubenschlag."

Engelhardt war damals gerade dreißig Jahre alt, einige Kollegen waren noch jünger, kamen teilweise frisch von der Uni. IfZ-Historiker Hoffmann ordnet die Situation ein: "Das waren eben junge Leute, die nicht über die entsprechende Berufserfahrung verfügt haben und auch nicht verfügen konnten. Das war natürlich mit Risiken verbunden, und vermutlich hingen damit auch einige Fehlentscheidungen zusammen."

Schnellbenotung mit gravierenden Folgen

Die Bewertungen der Ost-Betriebe erfolgten im Schnelldurchlauf und unter hohem Zeitdruck. Die Berater verteilten Noten wie in der Schule: 1 hieß, ein Unternehmen arbeitet rentabel, 6 bedeutete, es ist nicht sanierungsfähig. Foron wurde schlecht benotet.

Eine 6 erhielt auch die Märkische Faser AG im brandenburgischen Premnitz. 1992 gingen die Arbeiter des größten Chemiefaserproduzenten der DDR auf die Straße. Dem Werk, Hauptarbeitgeber der Stadt, drohte die Schließung. Doch sie waren zu spät. Das Urteil stand auch hier schon 1991 fest. Dabei hatten die Berater sogar eingeräumt, dass die von der Märkischen Faser entwickelten neuen Produkte durchaus marktfähig und gängig sind. 41 Prozent des Umsatzes wurden sogar im Westen erzielt. Warum wurde dann trotzdem zur Schließung geraten. Es gebe zu hohe "Überkapazitäten" im Westen, hieß es als Erklärung. Sollte womöglich die Konkurrenz im Westen geschützt werden? "Plusminus" fragt Prof. Dierk Hoffmann: "Ich kann nicht pauschal ausschließen, dass hier Einflussnahme stattgefunden hat, um sozusagen Marktteilnehmer vom Markt zu verdrängen. Die Frage ist nur, ob man richtig unabhängige Wirtschaftsprüfer … hätte haben können, die keinerlei Verbindungen zu Wirtschaftskreisen, zu Industriekreisen insgesamt haben. Also insofern blieb die Wahl relativ begrenzt auf diesen Kreis von Unternehmensberatungen, Wirtschaftsprüfern, die eben schon in der alten Bundesrepublik aktiv tätig waren."

Ein Aktenblatt zeigt eine Bewertung des Leitungsausschusses für Foron, ehemals DKK Scharfenberg.
Ergebnis der Foron-Bewertung: Nicht sanierungsfähig Bildrechte: Bundesarchiv Berlin, B_412_16219_0283

Erfolgreiche Rettung in Zeulenroda

Auch Christopher Schwarzer hat als Berater im Leitungsausschuss Ostbetriebe bewertet. Später hat er erlebt, wie fragwürdig viele Entscheidungen waren – und wie sehr neben nackten ökonomischen Zahlen auch der Faktor Mensch eine Rolle spielen kann. Als der Excellent GmbH im thüringischen Zeulenroda, dem größten Unterwäscheproduzenten der DDR, die Schließung drohte, erhielten die Alteigentümer in letzter Minute das Unternehmen zurück. Schwarzer wurde Geschäftsführer und schaffte die Rettung. Einen entscheidenden Anteil daran hatte die Belegschaft. "In unserem Fall war es so, dass ich mir diese Leute angeschaut habe und die außergewöhnlich motiviert waren und sich motivieren ließen und begeistern ließen und mitgezogen haben. Ich habe Vergleichbares nie wiedergesehen – so engagierte Leute!"

Nach zwei Jahren machte Excellent zweistellige Millionen-Umsätze und strich Gewinne ein. Die Kollektionen sorgten international für Aufsehen. Excellent wurde zum Stammlieferanten großer Kaufhausketten. Für Schwarzer war das ein Weg, den vielleicht auch andere ehemalige DDR-Unternehmen geschafft hätten: "Es kann durchaus sein, dass andere Betriebe es auch geschafft hätten, zumindest mal erfolgreich noch einen Weg zu gehen, die die Chance nicht bekommen haben."

Auch Teile der Märkischen Faser konnten später gerettet werden. Heute ist das Unternehmen weltweit führend bei der Herstellung umweltgerechter Chemiefasern.

Trotz Ökokühlschrank verweigerte die Treuhand Sanierungshilfen und blieb bei den Plänen, Foron zu schließen. Erst auf öffentlichem Druck erfolgte der Verkauf an einen Hedgefonds. 1996 war Foron pleite.

Zwei Drittel der Arbeitsplätze weg

Vielen anderen Unternehmen ging es ähnlich. Als Birgit Breuel und die Treuhand Ende 1994 die Arbeit beendeten, waren zwei Drittel der früheren Arbeitsplätze im Osten weg und drei Millionen Menschen arbeitslos. Die Auswertung der Treuhandhand-Akten steht erst am Anfang. Sie könnte noch manche Überraschung bringen.

Für die Branche der Unternehmensberater war die Treuhand-Zeit der große Einstieg in das Geschäft mit dem Staat. Von 1991 bis 1995 verdoppelten sich die Umsätze im öffentlichen Sektor, also aus der Beratung von Staat, Ländern und Kommunen. Nach einem kurzen Knick geht es seitdem steil aufwärts. 3,5 Milliarden Euro verdient die Branche heute allein an Aufträgen aus der Politik.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR um 11 | 28.08.2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2019, 05:00 Uhr

Ein Angebot von

Mehr zum Thema

Die großen Deals der Einheit 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Unternehmer Roland Ernst 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zurück zur Startseite