Analyse der Treuhandakten Treuhanderbe macht AfD stark

Wie die Arbeit der Treuhand noch heute Einfluss auf die Wahlergebnisse im Osten hat

Thüringen, Sachsen, Brandenburg – drei ostdeutsche Bundesländer, drei Landtagswahlen 2019, ein großer Gewinner. Keine Partei konnte so viele Stimmen hinzugewinnen wie die AfD. Im Wahlkampf der AfD ging es auch um die Rolle der Treuhandanstalt. Sie hat damit ein Thema aufgegriffen, dass die Linken schon seit Jahren öffentlich diskutieren. Eine Analyse von Treuhandakten, die jetzt zugänglich sind, deutet auf offenkundige Zusammenhänge zwischen der Arbeit der Treuhand und den Wahlergebnissen hin.

Besetzung der Treuhand Niederlassung in Suhl, Thüringen, Demonstration in Suhl, aufgenommen am 01.07.1991.
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Die AfD erreichte bei den drei Landtagswahlen in Ostdeutschland 2019 jeweils mehr als 20 Prozent, in Sachsen waren es sogar mehr als 27 Prozent. Die Suche nach einer Erklärung führte nach jeder dieser Wahlen fast zwangsläufig zu einem Schluss: Die Ostdeutschen sind mit der Entwicklung seit der Wiedervereinigung unzufrieden. In einer Infratest-Umfrage vor der Thüringen-Wahl sagten das auch 31 Prozent der Wähler. Unter den AfD-Wählern waren es sogar 56 Prozent.

Auch wenn es nicht die einzige Erklärung ist: Die Arbeit der Treuhandanstalt sorgt bis heute für besonders viel Frustration. Sie wird bis heute mit negativen Erfahrungen der Ostdeutschen verbunden, auch mit dem Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein. Der Bochumer Historiker Marcus Böick spricht von einer "erinnerungskulturellen Bad Bank", in der sich alle negativen Erfahrungen der Transformationszeit sammeln. Auch andere Forscher sehen einen Zusammenhang mit den Protestwahlergebnissen der letzten Jahre.

Daten belegen: Hohe Abwicklungsquote, starke AfD

Durch eine Analyse der Treuhandakten, die seit kurzem für Wissenschaftler und Journalisten zugänglich sind, ist es nun möglich, diesem Zusammenhang in den drei Bundesländern nachzugehen. Eine eigens angelegte Regionaldatenbank aller Treuhandbetriebe zeigt, wo die größten Industriebetriebe abgewickelt wurden. In den Daten zeigt sich: Gerade in jenen Städten und Landkreisen, die mit Arbeitslosigkeit und Werksruinen, mit Abwanderung und Perspektivlosigkeit zu kämpfen hatten, war die AfD am erfolgreichsten.

Im Vergleich der drei Bundesländer sticht Sachsen hervor: Hier, wo die Treuhand besonders viele Industriebetriebe in ihrer Verwaltung hatte und entsprechend stärker wahrgenommen wurde, ist die AfD am stärksten. Das betrifft auch die ländlich geprägten Landkreise, die den Verlust von Industriejobs schwieriger ausgleichen konnten.

Zusammenhang in Thüringen am stärksten

Vergleicht man die Städte und Kreise innerhalb eines jeden Bundeslandes, zeigt sich der Zusammenhang zwischen Treuhand und Wahl besonders stark in Thüringen. So gab es in Jena, wo die AfD mit 12,7 Prozent am schwächsten abschnitt, auch den geringsten Anteil an Abwicklungen. Der Landkreis Altenburger Land hingegen hat eine der höchsten Quoten abgewickelter Industriejobs – hier erreichte die AfD mit 28,7 Prozent ihr zweitstärkstes Ergebnis.

Im benachbarten Gera zeigt sich allerdings auch, dass es Ausreißer gibt und dass die Arbeit der Treuhand nicht allein die Antwort auf die Frage nach den hohen AfD-Ergebnissen sein kann. Die AfD erreichte hier mit 28,8 Prozent ihr Spitzenergebnis, die Quote abgewickelter Industriejobs ist mit rund zehn Prozent jedoch eher gering.

Nach 30 Jahren Transformationsprozess beeinflussen viele Faktoren die regionalen Unterschiede in der Wahlentscheidung, zum Beispiel auch gewisse Traditionen, populäre Landespolitiker oder unterschiedliche wirtschaftliche Perspektiven. Vielerorts mögen diese gut sein und die Probleme abgewickelter Betriebe in den Hintergrund treten lassen, die Debatte um das Wirken der Treuhand hingegen wird wohl bleiben.

Methode der Datenanalyse In den Betrieben der Treuhand arbeiteten 1990 noch etwa vier Millionen Menschen. 1994, als die Treuhand den Großteil ihrer Arbeit beendete, waren es noch 1,5 Millionen. Auf Kreisebene fehlen solche Zahlen.

Grundlage der Analyse ist eine Treuhand-Liste von 1994 mit rund 8.000 Industriebetrieben. Landwirtschaftsbetriebe oder Dienstleistungsfirmen, die von der Treuhand ebenso privatisiert wurden, sind bei der Analyse nicht berücksichtigt worden. Von diesen 8.000 Betrieben waren 2.500 im Jahr 1994 schon abgewickelt oder in Abwicklung befindlich. Um die Frage nach der Zahl der abgewickelten Arbeitsplätze zu beantworten, wurden die Betriebe nach Betriebsgröße sortiert. Da in der Treuhand-Liste lediglich nach Größenklassen von "unter 50", "51 bis 100" usw. bis "über 1.000" Mitarbeitern unterschieden wird, wurden diesen Angaben Zahlenwerte zugeordnet: 50, 75 usw. bis 1.000. Ein Betrieb mit der Angabe "in Abwicklung" oder "abgewickelt" bedeutete in dieser vereinfachten Berechnung den Verlust dieser Jobs.

Die untersuchten Betriebe wurden Landkreisen und kreisfreien Städten in Ostdeutschland zugeordnet und dann mit den Wahlergebnissen bei den Landtagswahlen 2019 verglichen.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: Wer beherrscht Deutschland - Was den Osten anders macht | 31.10.2019 | 21:15 Uhr

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