Europäische Union Wappnen für den Chaos-Brexit

Sollte Großbritannien im März 2019 ohne ein Abkommen aus der EU austreten, bringt das gravierende Schwierigkeiten mit sich. Politik und Wirtschaft treffen bereits Vorkehrungen für einen chaotischen Brexit

Mehr Personal für Zollkontrollen

Ohne erfolgreiche Austrittsverhandlungen scheidet Großbritannien am 29. März 2019 von einem Tag auf den anderen aus dem europäischen Binnenmarkt und der Zollunion aus. Nicht nur Personen, sondern auch alle Waren müssen dann vor dem Überschreiten der EU-Grenzen kontrolliert werden.

Der deutsche Zoll will deshalb 900 zusätzliche Beamte neu einstellen. Sie sollen beispielsweise in der Zollabfertigung der Häfen von Hamburg und Bremen, am DHL-Luftfrachtzentrum in Leipzig sowie an den großen Flughäfen wie Frankfurt am Main und Köln/Bonn eingesetzt werden.

Auch andere Länder treffen bereits Vorkehrungen. So braucht beispielsweise Irland nach Regierungsangaben in jedem Fall etwa 600 bis 700 zusätzliche Zollbeamte für Kontrollen an Häfen und Flughäfen, 200 Experten für Ein- und Ausfuhrkontrollen bei Tieren und Pflanzen sowie weitere 120, um die dafür nötigen Zertifikate auszustellen.  

Häfen brauchen Platz für Lkw-Warteschlangen

Die Abfertigung von Warenlieferungen stellt vor allem Häfen vor große Probleme. Die Grenzformalitäten könnten in Frankreich und den Niederlanden für lange Warteschlangen von Lastwagen sorgen.

Im französischen Le Havre fehlt es nach Angaben des Betreibers ganz praktisch an Parkmöglichkeiten für Lkws. Nötig sind auch zusätzliche Räumlichkeiten für die Arbeit von Gesundheits- und Veterinärbehörden.

Autobranche sieht Geschäftsmodell durch Zoll in Gefahr

Der europäische Autoherstellerverband Acea warnt, mit der Zollabfertigung sei das bisherige Geschäftsmodell in Gefahr. Allein die Kosten für Zollabgaben würden voraussichtlich die Gewinnmargen der Hersteller übersteigen. Zudem arbeitet die Autoindustrie derzeit praktisch ohne Lagerzeiten. Zulieferer stellen Teile bereit, die direkt weiterverarbeitet werden. Das wäre nach einem harten Brexit kaum noch möglich. Die Unternehmen arbeiten deshalb bereits an Notfallplänen oder suchen nach Flächen, um Autoteile zwischenzulagern.

Suche nach neuen Lieferanten 

Europäische Unternehmen in stark importabhängigen Branchen versuchten vermehrt, britische gegen europäische Lieferanten auszutauschen, berichtet der Kreditversicherer Euler Hermes. Britische Unternehmen würden im Gegenzug Importware "horten", die sie für ihre Produktion dringend benötigen. Laut Euler Hermes gibt es "Hamsterkäufe wie nach einer Sturmwarnung". Unternehmen wollten so ihre Margen und Produktion absichern, gingen damit aber auch bilanzielle Risiken ein.

Exporte brechen ein

Die deutsche Exportwirtschaft erwartet bei einem harten Brexit ohne Freihandelsabkommen Kosten in Milliardenhöhe. Euler Hermes sieht bei den deutschen Exporteuren im ersten Jahr nach einem Chaos-Brexit Exporte auf die Insel in Höhe von acht Milliarden Euro in Gefahr. Unternehmen mit viel Geschäft in Großbritannien müssten deshalb "starke Nerven haben oder sukzessive auf andere Absatzmärkte umschwenken".

Größter Verlierer wären aber die Briten: Für sie stehen laut Euler Hermes Exporte in Höhe von 30 Milliarden Pfund pro Jahr auf der Kippe. Beim harten Ausstieg würden die Niederländer laut Euler Hermes voraussichtlich vier Milliarden Euro an Exporten einbüßen, Frankreich und Belgien jeweils drei Milliarden.

Fluggesellschaften bangen um Routen

Die britische Billigfluggesellschaft Easyjet gründete bereits 2017 eine Tochtergesellschaft in Österreich, um sich auch nach dem EU-Austritt Großbritanniens Zugang zum EU-Luftraum zu sichern. Der irische Billigflieger Ryanair beantragte wiederum Ende 2017 eine Betriebslizenz bei der britischen Luftfahrtbehörde CAA - für drei Routen innerhalb des Vereinigten Königreichs. Auch andere Fluggesellschaften müssen sich wappnen, denn bei einem harten Brexit dürften britische Flugzeuge de facto erst einmal nicht mehr auf dem europäischen Festland landen.

Quelle: AFP

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Oktober 2018 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2018, 13:58 Uhr