Nah dran | 09.07.2020 | In der Mediathek Der Einsamkeit zum Trotze: Vom Kampf gegen ein lähmendes Gefühl

Die alte Schauspielerin Marlies wollte nie in ein Heim, "zu den Mumien". Markus wollte Volkswirtschaftler werden, heute hilft er anderen, ihre Einsamkeit für einen Moment zu vergessen. Durch Kuscheln. Auch die alleinerziehende Mutter Ulrike kennt das Gefühl, kein Gegenüber zu haben. Was diese drei Menschen von anderen unterscheidet: Sie setzen sich aktiv mit diesem Gefühl, das wir wohl alle kennen, auseinander. Das ist ein harter Kampf. Ihre Erfahrungen und Gedanken in der Reportage ...

Nah dran: Der Einsamkeit zum Trotze
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Einsamkeit greift um sich, gerade im Alter. Die 95-jährige Marlies fühlt sich von ihrem Körper betrogen und sehnt sich nach Austausch mit Gleichgesinnten, der nicht mehr stattfinden kann:

"Na, wer spielt mit mir Halma?"

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Marlies ringt mit sich und dem Allein-Sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"In so einem hohen Alter haben alle mit ihren Schmerzen und Krankheiten zu kämpfen und wollen lieber in Ruhe gelassen werden." Marlies wollte nie in ein Altenheim, auch wenn sie im Weimarer Marie Seebach-Stift, in dem ehemalige Schauspieler ihren Lebensabend verbringen, sozusagen unter Kollegen ist. Seit einem Schlaganfall vor fünf Jahren wohnt sie im Stift, das Leben dort empfindet sie als stetigen Kampf zwischen ihrem wachen Geist und ihrem müden Leib: "Was ich in den fünf Jahren, die ich jetzt hier bin an Kraft verloren habe, das ist ..., warum bin ich denn nicht schon weg?"

Zu den Mumien gehe ich nicht, habe ich immer gesagt. Nun bin ich hier.

Marlies
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Jahrzehnte lang stand sie als Schauspielerin auf der Bühne. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Trotzdem ist Marlies nicht lebensmüde, es gibt noch einige Dinge, die ihr Freude bereiten. Mit ihrer Freundin Beate, die sie hin und wieder besucht, die letzten Sonnenstrahlen des Altweibersommers genießen beispielsweise. Immer, wenn es ihr besonders schlecht gehe, tauche die Freunding unerwartet auf, sagt Marlies. Und Beate fällt zu Marlies immer wieder eine Geschichte ein: "Als du hier eingezogen bist, da warst du noch ein bisschen fitter und hast ganz gern gespielt. Da bist du einmal hier vor lauter Einsamkeit auf den Flur gegangen und hast ganz laut gerufen: "Na, wer spielt mit mir Halma?" Marlies lächelt und sagt, sie habe nicht mehr so viel Kraft, andererseits "möchte ich gern noch so viel tun". Eins kann sie noch sehr gut: Anderen zuhören und ihnen das Gefühl geben, dass sie deren schöne Seiten sieht, wie Beate es formuliert: "Das tut wirklich gut!"

Kämpfen und Kuscheln

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Markus versucht, in Einklang mit sich zu kommen ... Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

Nicht nur Alte und Kranke fühlen sich einsam. Junge Menschen, die - wie man so sagt - mitten im Leben stehen, scheinen zunehmend betroffen. Markus studierte Volkswirtschaft. Hoch motiviert, wie er sagt. Am Ende seiner Doktorarbeit sei einiges zusammengekommen, erinnert er sich. Nur scheinbar findet er Halt und Sinn in einer neuen Beziehung, um noch tiefer zu fallen. Obwohl Freunde und Familie sich immer um ihn kümmern, fühlt er sich unverstanden, empfindet eine große Sinnlosigkeit. Gefangen in einem Karussell aus Gedanken, entfernt er sich immer weiter aus der realen Welt, steht kurz vor dem Suizid. Irgendetwas hält ihn zurück ... Nach vielen Jahren der Einsamkeit verbringt Markus heute gerne Zeit alleine.

Wenn du dir selbst genug bist, erst dann ist die Einsamkeit überwunden.

Markus
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... und anderen dabei zu helfen. Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

Auch wenn er ahnt, dass die augenblicklich stabile Phase vielleicht nicht von Dauer ist: Markus versucht, mit sich in Einklang zu kommen, praktiziert Yoga und bietet anderen professionelles Kuscheln gegen die Einsamkeit an. Mit klaren Regeln: "Mittlerweile habe ich die ganzen Erfahrungen und alles, was mir gut tat und was ich gelernt habe, möchte ich gerne weitergeben. Körperkontakt, sicherer Körperkontakt im definierten und sicheren Rahmen - das hat mir in einsamen Zeiten geholfen."

Das lähmende Gefühl, kein Gegenüber zu haben

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Ulrike wagte den Schritt aus der Grosßstadt aufs Land. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch nach Trennungen kämpfen viele Menschen gegen das lähmende Gefühl, kein Gegenüber zu haben. Obwohl Ulrike als Alleinerziehende ihren Sohn um sich hat, erzählt sie von ihrem Ringen mit der Einsamkeit. Aufgewachsen in der Großstadt, in Berlin-Friedrichshain am Leninplatz " im ersten Stock über dem Heizungskeller", entschied sie sich vor fünf Jahren, auf dem Land neu anzufangen, vielleicht mit anderen eine Lebensgemeinschaft zu gründen. Daraus wurde bisher nichts. Sie gebe gerne, Geborgenheit und Trost, sagt Ulrike. Nur leider fehle es hier an Menschen, an denen sie diese Gabe ausleben kann, lächelt sie. Heute ist ihr Sohn Juri elf Jahre alt und manchmal denkt Ulrike, auch der Junge fühle sich zuweilen einsam in ihrem Alltag zu zweit. Das merke sie, wenn er telefoniere, um sich zu verabreden und dann schon vorher sage: "'Ach, die wollen ja sowieso nicht'. So wie ich das von mir kenne."

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Als Clown bringt sie andere zum Lachen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ulrike bereut ihre Entscheidung, aufs Land zu ziehen, nicht. Sie liebt den Wald, den Raum, den sie mit ihrem Sohn zum Leben hat. Auch ihre Arbeit als Clown in einem Seniorenheim in Rathenow möchte sie nicht missen. Dort zeigt sie ihre fröhliche Seite und hilft anderen, ihre Einsamkeit für einen Moment zu vergessen. Wie es manchmal in ihr aussehe, wie traurig sie das Alleinsein mache, ahnten wohl weder die Senioren noch ihre Freunde, glaubt sie. Obwohl sie überhaupt nicht religiös erzogen worden sei, helfe ihr manchmal ein Satz, meint Ulrike: "Gott liebt mich!" Dieser Satz, dieses Wort könne vielleicht auch für Universum und Welt und Weltseele stehen und sei für sie "wie so ein Umschalter: Ich bin geliebt, ja." Und noch ein Gedanke begleitet sie oft, ein warnender allerdings:

Meine Oma hat auf ihrem Sterbebett gesagt: 'Ich hab' doch noch gar nicht gelebt". Das war schrecklich, das zu hören - und eine Warnung für mich!

Ulrike

Hilfe bei Suizid-Gedanken Sie haben Selbsttötungsgedanken oder eine persönlichen Krise? Die Telefonseelsorge hilft Ihnen rund um die Uhr: 0 800 - 111 0 111 und 0 800 - 111 0 222. Der Anruf ist anonym und taucht nicht im Einzelverbindungsnachweis auf. Auf der Webseite www.telefonseelsorge.de finden Sie weitere Hilfsangebote, zum Beispiel per E-Mail oder im Chat.