Nah dran | 12.09.2019 Die schwerste Entscheidung meines Lebens

Nur wenige Frauen trauen sich heute, öffentlich über Abtreibung zu reden. Seit sich Lebensschützer vor Beratungsstellen postieren, seit Ärzte und Ärztinnen, die Abtreibungen durchführen, angezeigt und nicht selten bedroht werden. Das "Thema Abtreibung" ist wieder auf der Tagesordnung. Nur reden selten die, die vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens stehen - oder standen.

Nah dran: Die schwerste Entscheidung meines Lebens - Paragraph 2018 gestern und heute
Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

"Das Recht, ein Kind abtreiben zu lassen, ein Schwangerschaftsabbruch, stand mir zu, es hat auch keiner versucht, mich umzustimmen." Margitta Zellmer, Jahrgang 1954, hat bereits einen Sohn, ein Wunschkind, als sie mit 25 und gleich nach Abschluss ihres Philosophie-Studiums erneut schwanger wird. Sie gerät in einen Konflikt:

Ich wollte loslegen. Und da habe ich gedacht, mit einem Kind geht das mal gerade noch, da musst du schon Kompromisse eingehen, dazu war ich auch bereit. Doch noch ein Kind ... Ich hätte den Anschluss verloren. Das wollte ich nicht.

Margitta Zellmer
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Margitta Zellmer traut sich, über ihre Entscheidung zu sprechen. Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

In dieser Lage hilft ihr die eindeutige Gesetzeslage in der DDR, wie sie rückblickend meint. Seit 1972 gilt die so genannte Fristenlösung, danach sind Abbrüche bis zur 12. Schwangerschaftswoche erlaubt, straffrei und kostenlos. Margitta Zellmer entscheidet sich damals Ende der 1970er-Jahre gegen das zweite Kind, und später auch gegen ein drittes. Selbst bestimmen zu können, das fand sie, sei "ein großer Schritt zur Emanzipation der Frau" gewesen.

Rechtslage und Praxis in der DDR - Stimmen

Als Viola Hellmann ihr Medizin-Studium 1979 in Leipzig abschließt, um Gynäkologin zu werden, gehören Abbrüche zum medizinischen Alltag und der Eingriff somit auch zur Facharzt-Ausbildung.

Im Dresdner städtischen Krankenhaus, in dem sie ihre Laufbahn beginnt, werden 1.000 Abbrüche im Jahr vorgenommen.

Aufnahme, Eingriff, Entlassungsgespräch. Es war schon sehr fließbandartig.

Viola Hellmann
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Aus dem Gesetzblatt der DDR zur Legalisierung der Abtreibung Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

Bis zum Ende der 1980er-Jahre wird in der DDR jede dritte Schwangerschaft abgebrochen. Die kostenlose Abgabe der Pille, die das Gesetz von 1972 ebenfalls vorschreibt, tut ein Übriges, um die Geburtenrate dramatisch sinken zu lassen. Eine 1979/80 in zahlreichen Frauenkliniken durchgeführte Studie moniert, dass der ausdrücklich vorgeschriebenen Beratungspflicht zu wenig nachgekommen werde. Doch in Frage gestellt wird die Regelung kaum.

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Wolfgang Böhmer sieht die DDR-Praxis kritisch Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

Einzig die Kirchen kritisieren Rechtslage und Praxis. Der evangelische Christ Wolfgang Böhmer, damals Gynäkologe und später Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, ist 1972 Oberarzt an der Frauenklinik in Görlitz. Er zieht Konsequenzen und geht 1973 in ein christliches Krankenhaus, wo Abbrüche nicht vorgenommen werden müssen. Nach der Wende kämpft er dafür, dass das liberale DDR-Abtreibungsrecht nicht in die gesamtdeutsche Gesetzgebung übernommen, sondern verschärft wird.

Es gab keine medizinische Indikationsstellung mehr, damit wurden die Ärzte, die das machen mussten, zum Handlanger degradiert.

Wolfgang Böhmer

Die Gründe, warum eine Schwangerschaft nicht gewollt ist, sind damals oft die gleichen wie heute, stellt Viola Hellmann fest: "Manchmal wurden finanzielle Gründe genannt. Eigentlich war es meist ein Partnerschaftskonflikt." In ihrer über 30jährigen Tätigkeit als Gynäkologin hat die Dresdner Frauenärztin viele Frauen getroffen, "die nie gedacht hätten, dass sie einmal vor dieser schwerwiegenden Entscheidung stehen, auch Pfarrersfrauen, Pfarrerstöchter".

Ich habe ganz oft den Satz gehört: Ich war nie für Schwangerschaftsabbrüche, aber… Das Leben ist manchmal anders, als man sich das wünscht.

Viola Hellmann

"Das ist ein hochgradiger Konflikt"

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Kornelia Schmidt berät Frauen bei Donum Vitae in Dresden Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

So verschieden die Frauen, so verschieden sind die Lebensgeschichten, die Kornelia Schmidt jeden Tag in der Schwangerenkonfliktberatung von Donum Vitae in Dresden hört.

Zu ihr kommen Teenager genauso wie Frauen, die Ende 40, Anfang 50 sind und ungewollt schwanger wurden.

Die Schwere der Entscheidung liegt darin, dass es gleichzeitig um das Leben der Frau, um ihren Lebensentwurf, ihre Ziele, ihre Haltung, ihre Kräfte geht - wie auch um die Lebensmöglichkeit des Ungeborenen. Das ist ein hochgradiger Konflikt.

Kornelia Schmidt, Beraterin

Für Frauen mit christlichem Glauben wiegt die Entscheidung besonders schwer, erklärt Kornelia Schmidt, denn für sie sei die Religion Richtschnur ihres Lebens. Aus ihrer Sicht schenke Gott das Leben und nur er dürfe es nehmen: "Und dann da einzugreifen, das ist schon ein schwieriger Schritt."

Der heute gültige Kompromiss - Stimmen

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Ulrike Busch, deutschlandweit erste Professorin für Familienplanung, sieht den heute geltenden Kompromiss kritisch Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

Als es 1995 nach unendlichen Debatten zu dem bis heute gültigen Kompromiss - der Fristenlösung mit Beratungspflicht - kommt, ist Viola Hellmann völlig überrascht: Dass Schwangerschaftsabbrüche einmal unter Strafe gestellt werden könnten, zumindest Strafe angedroht wird, hätte sie sich nie vorstellen können. Positiv findet sie allerdings die Beratungspflicht. Zielorientiert, aber ergebnisoffen sollen die Gespräche verlaufen, erklärt Beraterin Kornelia Schmidt, das Lebensrecht des Kindes dürfe nicht aus dem Blick geraten. Sie berät bei Donum Vitae, einem privaten Verein, der 1999 von deutschen Katholiken gegründet wurde, nachdem Papst Johannes Paul II. katholischen Beratungsstellen das Ausstellen eines Beratungsscheins untersagt hatte. Ulrike Busch, Professorin für Familienplanung, hat auch aus ihrer Biografie heraus eine kritische Perspektive auf den bis heute gültigen Kompromiss. Sie kritisiert:

Der Kompromiss, der gefunden wurde, erinnert nur noch wenig an das freie Entscheidungsrecht von Frauen, insofern, als dass er schon im ersten Satz formuliert: Es handelt sich (bei einer Abtreibung) um einen Straftatbestand und der kann mit Gefängnis oder Geld geahndet werden. Sowohl für Frauen als auch Ärzte.

Ulrike Busch, Professorin für Familienplanung
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Eine Entscheidung - einsam und unwiderruflich Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

Als Margitta Zellmer Ende der 1970-Jahre in der DDR zum Schwangerschaftsabbruch ins Krankenhaus geht, hat sie Angst, wie man ihr begegnen wird. Doch sie wird korrekt behandelt, allerdings nicht beraten. Sie habe das nicht als werdendes Leben betrachtet, was da in ihr wachse, sagt sie. Heute zeigen Frühtests schon nach zehn Tagen an, ob frau schwanger ist oder nicht. Ultraschall oder gar 3-D-Aufnahmen - all das gab es damals noch nicht. Der Wissensstand war ein anderer als heute. Damals habe sie keine Beziehung zu dem werdenden Leben in ihrem Bauch aufgebaut. "Es wurde nicht als Kind gefühlt und gedacht", sagt auch Viola Hellmann. Später gab Margitta Zellmer ihren ungeborenen Kindern Namen. Gemeinsam mit ihrem Mann überlege sie manchmal, wie alt sie heute wären und wie viele Enkel sie haben könnten.

Es ist wie es ist und man denkt schon mal daran. Aber nicht mit Bedauern oder Melancholie.

Margitta Zellmer

Es bleibt die schwerste Entscheidung ihres Lebens.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 04. Oktober 2018 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2018, 10:28 Uhr

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