Nah dran - Das Magazin | 26.09.2019 Gegen den Strom - Frauen und die Friedliche Revolution

Wird von den Helden des Herbstes '89 berichtet, sind es überwiegend Geschichten von Männern. Doch was ist mit den Frauen? Auch sie hatten ihren Anteil. Nur sind ihre Geschichten nicht ganz so laut. Und einige Frauen hatten in diesem Herbst ganz andere Herausforderungen zu meistern.

Rebellion gegen die Eltern und gegen das System: Ines Bartels

Ines Bartels wurde im März 1963 in Hoyerswerda geboren. Ihre Eltern waren im Jahr zuvor aus der Bundesrepublik in die DDR übergesiedelt. Sie trafen damit für ihre Tochter eine Entscheidung, mit der sie ihre gesamte Jugend über haderte.

Ines fühlte sich gegängelt, in ihren Wünschen eingeschränkt. Sie sympathisierte mit der Kirche und der Bewegung "Schwerter zu Pflugscharren", fiel dadurch auf und bekam ihren Studienplatz nicht. Es folgte der Bruch mit den Eltern, der bis heute auf ihr lastet.

Das Symbol "Schwerter zu Pflugscharen" hat mich über die Hälfte meines Lebens begleitet, mir schon viel Ärger bereitet. Und dennoch bin ich der Meinung, es ist wichtiger denn je.

Ines Bartels

Nicht studieren zu dürfen, hatte für sie gravierende Folgen. Statt Ingenieurin wurde Ines Verkäuferin, arbeitet bis heute für einen Niedriglohn. Der Kirche ist sie treu geblieben. Seit vielen Jahren spielt sie im Posaunenchor des Halberstädter Doms. Ihr Lieblingschoral: "Aus tiefster Not schrei ich zu Dir" von Martin Luther.

Tochter eines Bürgerrechtlers: Gesine Lange geb. Gauck

Joachim Gauck gilt als einer der führenden Mitgestalter der Friedlichen Revolution, als Pfarrer in der DDR äußerte er seine Kritik am System laut und vernehmlich. Das wirkte sich auch auf seine Familie aus. Tochter Gesine erinnert sich gut daran; an die Kindheit in Rostock ohne Pionierorganisation, die Jugend in der christlichen Gemeinde, mit Friedensgebeten, Umweltgruppen und Jugendband. Permanent überwacht von der Staatssicherheit.

Gesine ist 22 Jahre alt, als die Mauer fällt. Erst vier Monate zuvor ist sie in die BRD ausgereist. Auch aus Liebe zu einem Westdeutschen. So erlebt sie die Friedliche Revolution nur aus der Ferne.

Das war eben mein Lebensweg. Und den kann ich ja schlecht als ungut darstellen. Ich habe ihn mir selbst so ausgesucht.

Gesine Lange

Als Zeitzeugin reist sie heute zu Vorträgen. In Schulen, Kirchengemeinden und anderswo erzählt sie von ihrer Kindheit und Jugendzeit.

Der unbändige Wunsch nach Freiheit: Renate Werwigk-Schneider

Renate Werwigk-Schneider war schon immer hungrig nach Neuem, begeisterte sich für Theater, Literatur und das Reisen. Im Berlin der 50er-Jahre kann sie das auch als DDR-Bürgerin ein bisschen leben. Sie fährt nach Westberlin mit der S-Bahn und geht dort ins Kino, in die Bibliothek, ins Café. Dann kommt der Mauerbau, Schock darüber wandelt sich in Wut. Sie will unbedingt raus aus der DDR.

Die Flucht durch einen Tunnel scheint ihr der einzige Ausweg. Alles organisiert ihr Bruder von Westberlin aus. Doch der Versuch scheitert, der Tunnel wird verraten. Und Renate kommt in die berüchtigte Stasi-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen. Da ist sie 24 Jahre alt.

Hohenschönhausen war Psychoterror. Isolationshaft, ewig kein Besuch. Kein Brief, kein Rechtsanwalt, nichts. Totenstille.

Renate Werwigk-Schneider
Abfotografiertes Familienfoto
In Teupitz südlich von Berlin wächst Renate mit ihrem Bruder auf. Das Elternhaus liegt idyllisch direkt an einem See. Bildrechte: Renate Werwigk-Schneider
Abfotografiertes Familienfoto
In Teupitz südlich von Berlin wächst Renate mit ihrem Bruder auf. Das Elternhaus liegt idyllisch direkt an einem See. Bildrechte: Renate Werwigk-Schneider
Renate mit ihrem Bruder
Doch Renate und ihr Bruder möchten als junge Erwachsene auch das Westberliner Leben genießen. Als der Bruder nach Westberlin flieht, will er die restliche Familie nachholen. Bildrechte: Renate Werwigk-Schneider
Renate Werwigk-Schneider
Zwei Fluchtversuche von Renate scheitern. Bildrechte: Renate Werwigk-Schneider
Abfotografiertes Foto, Ortseingang von Herleshausen
1968 wird Renate von der Bundesrepublik freigekauft. Bildrechte: Renate Werwigk-Schneider
Abfotografiertes Familienfoto
Dort arbeitet sie als Kinderärztin und lernt, mit der Vergangenheit abzuschließen. Bildrechte: Renate Werwigk-Schneider
Eltern sitzen auf Sofa und schauen zur Kamera.
1970 darf sie ihre Eltern in der DDR besuchen. Bildrechte: Renate Werwigk-Schneider
Abfotografiertes Foto der Grenze
Bildrechte: Renate Werwigk-Schneider
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Auch Renates zweiter Fluchtversuch scheitert, 1968 wird sie von der BRD freigekauft. Der Mauerfall bedeutet für sie großes Glück. Sie kann fortan auch wieder Orte besuchen, die ihr aus der Jugend vertraut sind und lange Zeit gefehlt haben.

Viele andere dagegen bezahlen ihren Fluchtversuch mit dem Leben. Heute wird in der Gedenkstätte Berliner Mauer an sie erinnert; namentlich an jeden Einzelnen während der Andachten in der Kapelle der Versöhnung.

Kapelle der Versöhnung in der Gedenkstätte Berliner Mauer
Ort des Gedenkens: Die Kapelle der Versöhnung. In ihr ist der Altaraufsatz aus der Versöhnungskirche aufgestellt. Die Kirche befand sich direkt an der Grenze in der Bernauer Straße und wurde 1985 gesprengt. Bildrechte: MDR/Susann Reich

Andachten für die Todesopfer an der Berliner Mauer März bis Dezember
dienstags bis freitags 12.12:15 Uhr

Kapelle der Versöhnung
Berlin, Bernauer Straße 4

Buchtipps Maria Nooke: "Der verratene Tunnel. Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin"
Bremen: Ed. Temmen 2002

Hans-Hermann Hertle, Maria Nooke: "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989. Ein biographisches Handbuch"
Berlin: Ch. Links Verlag 2019

Ein Leben als Spitzensportlerin in der DDR: Marlies Göhr

In der 70er- und 80er-Jahren gehört Marlies Göhr zu den schnellsten 100-Meter-Läuferinnen der Welt. Für die DDR gewinnt sie olympische Medaillen, Welt- und Europameister-Titel. Sie ist dadurch privilegiert. Sie sieht die Welt und fühlt sich selbst keineswegs eingesperrt.

1988 beendet Marlies Göhr ihre Sportkarriere. Da ist sie 30 Jahre alt. Nebenbei hatte sie ein Psychologie-Studium begonnen, will nach dem Abschluss damit zurück zum Sport. Dann, 1989, ist sie schwanger - und im Land brodelt es. Die Unzufriedenheit der Menschen spürt auch sie. "Wir waren 1989 im Urlaub am Balaton, und da waren wir die einzige Familie, die in die DDR zurückgefahren ist", erinnert sie sich. Und als schließlich um sie herum die Menschen beginnen, auf die Straße zu gehen, liegt sie mit vorzeitigen Wehen in der Jenaer Frauenklinik.

Im Vordergrund stand immer meine Tochter und die Geburt und nicht der Mauerfall. Das habe ich im Nachhinein erst so richtig registriert.

Marlies Göhr

Wie viele andere muss auch sie ihren Weg in einer neuen Gesellschaft finden.

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2019, 10:06 Uhr

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