Nah dran | MDR FERNSEHEN | 14.11.2019 | 22:35 Uhr | online first Die Kinder der Friedlichen Revolution

Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Der Kinder der Bürgerrechtler sind heute so alt wie ihre Eltern damals. Führen sie deren Lebenswerk fort oder sind sie eher unpolitisch? Nadja Klier erzählt von den Folgen der Zwangsausbürgerung ihrer Familie. Und Daniel Böttger erinnert sich an die Zeit, als der Vater im Gefängnis war. Wie haben sie die dramatische Zeit des Umsturzes in der DDR erlebt?

Herbst 1989. Tausende gehen in der DDR auf die Straße und fordern Presse-, Meinungs- und Reisefreiheit. Getragen von den Kirchen, einer unabhängigen Friedensbewegung und einer kleinen Gruppe von Bürgerrechtlern, die auf Worte setzt und brennende Kerzen. Die Friedliche Revolution von 1989/90 führt schließlich zum Sturz des SED-Regimes und zur deutschen Wiedervereinigung.

Was haben die mutigen Männer und Frauen der Revolution erreicht? Was ist von ihrer Aufbruchstimmung, von ihren Idealen geblieben? Darüber geben zwei Vertreter der Friedensbewegung Auskunft: Regisseurin Freya Klier sowie Martin Böttger, damals Mitbegründer des Neuen Forums. Ihre Kinder sind heute so alt wie sie damals. Und die Geschichte ihrer Eltern hat auch sie geprägt.

Keine Zeit für Abschiede

Nadja Klier, die Tochter von Freya Klier, hat die Zwangsausbürgerung ihrer Familie bis heute nicht überwunden. Sie war 11 Jahre alt, als sie über Nacht ihr gewohntes Leben verlor. Freya Klier und Ehemann, Liedermacher Stephan Krawczyk, wollten eine andere DDR. Sie forderten Reformen. Und das in klaren und lauten Worten. Sie bekamen Berufsverbot und fanden ihr Publikum in Kirchen. Anfang 1988 folgten Verhaftung, Ausreiseantrag und Ausbürgerung. Auf einer Pressekonferenz forderten sie ihre sofortige Wiedereinreise in die DDR. Alles mitten hinein in Nadjas Pubertät. Für lange Abschiede blieb keine Zeit.

Hätte die Mutter ihrer Tochter das ersparen können? War der Kampf das wert oder ist Freya Klier ein zu großes Risiko eingegangen?

Sie war so unter Strom, sie hat das ganz weit weggeschoben. Sie hätte den Bruch ja viel eher machen müssen und hätte dann sagen müssen: "Ich darf diese Aktion nicht mehr machen, ich schade uns mit dieser Aktion, vielleicht würde ich auch für die Aktion schon verhaftet werden." Sie hat es auch ausgereizt. Ich persönlich würde nicht so weit gehen. Aber wir wissen es nicht. Wir haben jetzt auch nicht die Situation, wo man so weit gehen müsste. Vielleicht würde ich es tun, vielleicht auch nicht.

Nadja Klier

Öffentlich Haltung zeigen

Martin Böttger (li.) mit seinem Sohn Daniel
Martin Böttger (li.) mit seinem Sohn Daniel. Bildrechte: MDR/rbb/Caterina Woj

Daniel Böttger erinnert sich daran, dass es zu Hause nie so war wie bei anderen Kindern. Die Eltern hatten viele Freunde auch im Westen. Ständig war zu Hause etwas los. Martin Böttger, sein Vater, engagierte sich seit den 1970er-Jahren in der kirchlichen Friedensbewegung, verweigerte den Wehrdienst, organisierte Friedensseminare und Friedensmärsche. Auf staatlich angeordneten Demonstrationen erschien er mit selbstentworfenen Plakaten, auf denen er Abrüstung und die Einhaltung der Menschenrechte forderte. Dafür nahm er auch Stasi-Überwachung, Verhaftung in Kauf. Und er riskierte seine Abschiebung.

Böttgers ließen sich nicht einschüchtern. Aber ihnen war bewusst, was alles hätte passieren können. Man habe mit allem rechnen müssen, aber das Risiko, von den Kindern getrennt zu werden wie bei einem Fluchtversuch sei nicht so hoch gewesen, meint Martin Böttger: "Das war bei uns nicht so gefährlich."

Meine Eltern haben es einigermaßen hingekriegt, uns da rauszuhalten Mein Vater ist jemand, der ziemlich angstfrei ist. (...) Und wenn der Vater keine Angst hat, dann brauchen wir auch keine zu haben.

Daniel Böttger

Freya Klier und Martin Böttger wollten eine freie Welt. Ohne Stasi, Verhaftungen und Berufsverbot. Dafür setzten sie alles auf eine Karte, schoben Vorsicht und Angst beiseite, damit ihre Kinder es einmal besser haben. Sollen die Kinder es ihnen nachtun? "Nein, überhaupt nicht", sagt Nadja Klier, "die Kinder sollen ihre eigenen Erfahrungen machen." Die Fußstapfen des Vaters müsse man erstmal füllen, meint Daniel Böttger: "Die waren zwei von ganz wenigen Leuten, die den Staat kaputt machten. Das muss man erstmal schaffen."

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2019, 14:13 Uhr

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