Nah dran | 26.11.2020 Freie Musiker: Den Wert der (Gesangs-)Kunst geltend machen

Freie Musiker werden häufig von Auftritt zu Auftritt engagiert. Die Einnahmen brechen vielfach ersatzlos weg. Auch Online-Proben und musikalisch gestaltete Gottesdienste helfen nur bedingt. Doch die Krise kann eine Chance für freie Künstler sein, sich stärker zu vernetzen. Das nimmt die Sopranistin Susanne Haupt aus der Krise mit:

Normalerweise bereitet sich die Sopranistin Susanne Haupt auf einen Konzertmarathon aus Weihnachtsoratorien vor. Doch dieses Jahr hat sie fast keine Engagements. Das Publikum fehlt ihr:

Ich möchte bei meinem Gegenüber eine Emotion, eine Reaktion, eine Gemütsbewegung hervorrufen. Ich möchte jemanden berühren. Und das läuft gerade ins Leere.

Susanne Haupt Sopranistin

Nur halb so viele Einnahmen

Nicht auftreten zu können ist auch ein finanzielles Problem. Glücklicherweise hat die 47-Jährige schon immer mehrere Standbeine. Nebenbei gibt sie Stimmbildung und Gesangsunterricht. Durch die Corona-Pandemie fällt ungefähr die Hälfte ihrer sonstigen Einnahmen weg. "Also uns wird für Weihnachten ein großer Teil fehlen. Ich habe meinen Jungs schon gesagt, dass es dieses Jahr nur gestrickte Socken gibt."

Ohne Zweitjobs arbeitet Andreas Schmidt. Der Kontrabassist hat in diesem Jahr drei Viertel seiner Aufträge verloren. Die Probe für den Gottesdienst am Ewigkeitssonntag in der Quedlinburger Nikolaikirche ist einer seiner wenigen Termine: "Das ist eine komische Leere, die kann ich kaum beschreiben. Man hängt irgendwie in der Luft. Aber in welcher Luft?" Um wirtschaftlich über die Runden zu kommen, lebt der 59-Jährige so sparsam wie möglich. Und er hat etwas Überbrückungshilfe bekommen.

"Brauchen musikalische Veranstaltungen“

kleiner Chor singt in einer Kirche.
Chorproben mit Abstand. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kantor Markus Kaufmann weiß um die Situation seiner freien Kirchenmusiker und versucht, sie so viel wie möglich für Musik im Gottesdienst zu engagieren. Denn einen Advent ohne Musik in der Kirche kann sich der Kantor nicht vorstellen. Er ist froh, dass die Gemeinden in Sachsen-Anhalt unter den aktuellen Hygieneauflagen noch selbst entscheiden können, ob geprobt wird: "Wenn wir nur einen Gottesdienst anbieten würden, würden wir dem Bedürfnis der Menschen einfach nicht gerecht werden. Wir brauchen die musikalischen Veranstaltungen in Verknüpfung mit dem geistigen Wort, genauso wie die Gottesdienste."

Zu diesem Zweck darf auch der Laien-Chor proben und singen. Aber nur mit so vielen Menschen, wie der Raum zulässt. Eigentlich bilden 80 Sängerinnen und Sänger den Kirchenchor. Aber sie haben seit Monaten nicht mehr alle zusammen gesungen. Zum Teil proben sie nur zu zehnt. Wenn so wenige Stimmen singen, bekommt jede einzelne großes Gewicht. Professionelle Sänger sind dafür ausgebildet, aber Laien müssen viel üben. Das merkt auch Chormitglied Burga Timmler: "Man hat viel mehr Verantwortung, hört den anderen schlechter und muss sich besser vorbereiten auf die Chorprobe, wenn man was Anspruchsvolles singt."

Lied-aus-Stille_136973751.mxf 5 min
Bildrechte: MDR KULTUR.

Freie Sendezeit für freie Künstler "Lied aus Stille"

"Lied aus Stille"

Susanne Haupt | Projekt "Lied aus Stille" | Leipzig
Kategorie 3: Klassik, Chor und Co.

Mo 23.11.2020 16:40Uhr 05:20 min

https://www.mdr.de/unternehmen/kommunikation/pressevorfuehrraum/saal/video-467856.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Verbindliche Strukturen fehlen

Eine Frau gebaerdet vor einem Laptop.
Mit ihrem Ensemble probt Susanne Haupt online. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In anderen Bundesländern singen Laien-Chöre derzeit gar nicht. Wo musikalische Gottesdienste organisiert werden können, übernehmen Solisten wie Susanne Haupt den Chorpart. Die Sopranistin arbeitet derzeit viel online. Auch ihr eigenes Ensemble, das Musik von Bach in Gebärdensprache interpretiert, probt in einer Videokonferenz. Das alles kostet Zeit und Mühe. Ebenso wie das Beantragen der nötigen Finanzhilfen. Herauszufinden, welche Regelungen jeweils gelten und die entsprechenden Nachweise zusammenzutragen koste viel Zeit und Mühe, sagt die Sopranistin: "Was viele aus der Krise mitnehmen, ist, dass wir uns besser absichern müssen, besser zusammentun müssen, in Gewerkschaften beispielsweise."

Auf dem Markt für freie Künstler fehlen verbindliche Strukturen. Die Krise ist eine Chance, sich zu organisieren, den eigenen Wert und den der Kunst geltend zu machen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 26. November 2020 | 22:50 Uhr