Nah dran | 26.11.2020 Glasbläser: Wenn die Existenz von Christbaumkugeln abhängt

Für den Glasbläser Helmut Bartholmes fällt mit dem Weihnachtsgeschäft die wichtigste Einnahmequelle weg. Es geht nicht nur um seine persönliche Existenz, sondern auch um den Betrieb. Um beides abzusichern versucht er, sich online zu etablieren:

Helmut Bartholmes versucht jeden Tag, sich auf seine Arbeit als Glasbläser zu konzentrieren. Und doch denkt er immer an Corona: "Ich habe schlaflose Nächte. Wir hängen mit der ganzen Familie an diesem Betrieb. Und wenn da Märkte und Einnahmen wegbrechen, dann hat man Angst."

Handarbeit in fünfter Generation 

Kunsthandwerk Christbaumkugeln Glasbläser
Helmut Bartholmes sorgt sich um seinen Handwerks-Betrieb. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und zwar Angst um seinen Familienbetrieb in Thüringen, den er in fünfter Generation führt. Seine Kunden schätzen die kunstvolle Handarbeit. Bis zur Pandemie waren die Auftragsbücher voll. Nun sind Ausstellungen, Messen und Weihnachtsmärkte abgesagt. Die Folgen reichen weit. "Normalerweise erzielen wir in der Vorweihnachtszeit Einnahmen, mit denen wir noch im Januar und Februar unsere Leute bezahlen. Das bricht in diesem Jahr weg. Dazu kommt, dass wir Kunden haben, die von uns beliefert worden sind, die auch wieder auf Weihnachtsmärkten wären, und ihre Waren nun auch nicht loswerden. So werden die bei uns auch im nächsten Jahr keinen Weihnachtsbaum-Schmuck kaufen", sagt Helmut Bartholmes.

Auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt hätte er in diesem Jahr das 18. Mal verkauft. Ein Highlight, direkt am Dom. Jetzt ist dort alles leer und grau. Nur eine Tanne und die Pyramide, wo es sonst blinkte und strahlte, wo das vorweihnachtliche Geschäft boomte.

Weihnachtsmärkte: Existenzsichernd und emotional

Der Ursprung der Weihnachtsmärkte liegt im Mittelalter. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es in der dunklen Jahreszeit Messen und Märkte. Ursprünglich dienten sie dazu, sich über den Winter mit dem Nötigsten einzudecken. Im Laufe der Zeit entwickelten sich daraus Märkte, auf denen Handwerker etwa Spielzeug für den Nikolaustag verkauften. Und ab ungefähr dem 17. Jahrhundert wurden daraus Vergnügungsmärkte im heutigen Sinne.

Dass Weihnachtsmärkte abgesagt werden mussten, ist bereits in früheren Zeiten vorgekommen. Etwa als im 17. Jahrhundert die Pest wütete. Die Folgen damals wie heute: existenzielle Sorgen bei Händlern und Schaustellern. Und große Enttäuschung bei den Besuchern. "Ein ganz wichtiger Aspekt der Weihnachtsmärkte ist der emotionale Aspekt. Und der geht direkt über die Sinne. Da werden auch kindliche Erinnerungen einfach geweckt, die einen in eine gewisse besondere Stimmung versetzen", erklärt Juliane Stückrad, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Jena.

Online-Handel als Alternative

Kunsthandwerk Christbaumkugeln Glasbläser
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese emotionale Bindung hat auch Helmut Bartholmes immer gespürt. In diesem Jahr empfindet er jedoch vor allem Angst und Ungewissheit. Wann es wieder Märkte geben wird, ob er die geplante Hausmesse veranstalten kann und ob er Mitarbeiter entlassen muss, kann er nicht beantworten: "Wir reden in der Familie sehr viel über Corona, weil das ein Familienproblem ist. Und versuchen, neue Wege zu finden." Der Versuch, einen Online-Handel aufzubauen, gehört dazu.

Aber es gibt auch andere Stimmen. Eine Zeit ohne Weihnachtsmarkt-Rummel könne Ruhe bedeuten, eine Zeit der Besinnung. Davon hält Helmut Bartholmes nichts: "Wenn ich finanziell abgesichert bin, kann ich von so was reden. Aber wenn ich mit meinem ganzen Tun und Lassen da dranhänge, dann ist das für mich zynisch."

Jetzt bleibt ihm nur, mit Mut und Hoffnung in die Zukunft zu sehen und durchzuhalten.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 26. November 2020 | 22:50 Uhr