Mauerbau 13. August 1961 Meine Grenzgeschichte

Sie haben Grenzerfahrungen in vielerlei Hinsicht: Ralf Wolfensteller, Willi Schütte und Meinhard Schmechel erlebten die Folgen der deutsch-deutschen Teilung und des DDR-Grenzregimes hautnah. Als junger Grenzsoldat, der nach einem Fluchtversuch im Stasi-Knast landet. Als Bewohner eines Dorfes, das zum Klein-Berlin wird. Als Bürgermeister eines eingezäunten Ortes. Heute erzählen sie Jüngeren, was der 13. August 1961 für ihr Leben bedeutete und dass Freiheit nicht selbstverständlich ist.

Ralf Wolfensteller im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen.
Im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen Bildrechte: MDR/NDR/Tobias Hartmann

Ralf Wolfensteller wird 1967 bei seinem Fluchtversuch im Harz niedergeschossen und schwer verletzt. Der damals 21-Jährige leistet gerade die letzten drei Wochen seines Wehrdienstes bei den DDR-Grenztruppen ab und ergreift die Chance, als ein Spezialauftrag ihn gemeinsam mit anderen Soldaten hinter die Sperranlagen führt; Grenzpfähle inspizieren: "Man ging immer hintereinander und richtete die gesicherte Kalaschnikov auf den Vordermann."

Ralf Wolfensteller: Fluchtversuch, Haft und langes Schweigen

Ralf Wolfensteller über Mauerbau und Flucht
Heute spricht Ralf Wolfensteller über seine Grenzgeschichte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ralf Wolfensteller nutzt eine Unaufmerksamkeit seiner Begleiter und rennt los, schafft es bereits auf westdeutsches Gebiet. Doch ein Leutnant folgt und stellt ihn .... Einen sonst wohl tödlichen Schuss lenkt das in Plastik verpackte Bild seiner Liebsten in der Brusttasche ab, so seine Theorie. Im Westen wird der schwere Grenzzwischenfall registriert, doch Wolfensteller wird in den Osten zurückgeschleift.

Als ich gemerkt habe, was die hier mit mir im Knast machen wollen, habe ich mir geschworen: 'Hier kommst du wieder raus und zwar halbwegs normal.'

Ralf Wolfensteller Über seine Haft im Stasi-Knast nach dem Fluchtversuch
Foto, Frau
Das Foto der Liebsten rettete ihn, glaubt Ralf Wolfensteller. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seine Flucht endet im Haftkrankenhaus Hohenschönhausen, dann kommt der Strafvollzug unter schärfsten Bedingungen: "Tagsüber durfte ich mich nicht setzen, zwischen 6 und 22 Uhr musste ich stehen, ich rutschte natürlich im Laufe des Tages an der Wand runter, aber in nullkommanix kam wieder einer und forderte: 'Aufstehen!!!'" Nach vier Jahren Stasi-Knast wird Wolfensteller 1971 in den Westen freigekauft.

Heute berichtet er Schulklassen von seinen Erlebnissen. Dabei war er über viele Jahre ein totaler Verdränger, wie er sagt, bis der "Rucksack" mit den Erinnerungen zu schwer wurde. Ihm ist es ein großes Anliegen, vor allem jungen Menschen klar zu machen, wie wertvoll es ist, in einer Demokratie aufzuwachsen.

"Klein-Berlin": Willi Schütte über ein geteiltes Dorf

"Meine Grenzgeschichte" - Zeitzeugen über Mauerbau und Flucht
Willi Schütte setzte sich für das Museum und den Erhalt eines Wachturms ein. Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

Willi Schütte erinnert in einem kleinen Museum an die aberwitzigen Geschichten, die sich zu Zeiten der DDR zwischen den Gemeinden Zicherie in Niedersachsen und Böckwitz in Sachsen-Anhalt abspielten. Als Klein-Berlin macht der Ort von sich reden, weil dort nicht nur ein Zaun, sondern gleich eine Mauer errichtet wird.

Wie sie entsteht und fortan Familien trennt, erlebt der heute 82-Jährige als Zeitzeuge mit. Der Riss geht buchstäblich auch durch Häuser:

In der Gastwirtschaft ging die Grenze mittendurch. In der Stube war man in Böckwitz und wenn man auf Toilette ging, war man in Zicherie. Und sonntags durften wir Böckwitzer uns eine Stunde lang mit den Zicheriern auf Zuruf unterhalten. Anfangs.

Willi Schütte Über die Mauer zwischen Zicherie und Böckwitz

"Meine Grenzgeschichte" - Zeitzeugen über Mauerbau und Flucht
Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

Willi Schütte selbst geht noch vor dem Mauerbau 1961 mit seiner Mutter in den Westen, kehrt aber nach der Wende auf den Hof seiner Eltern zurück.

Meinhard Schmechel: Bürgermeister im eingezäunten Rüterberg

"Meine Grenzgeschichte" - Zeitzeugen über Mauerbau und Flucht
Meinhard Schmechel, Bürgermeister von 1981 bis 2004 Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

Bis zum Ende der DDR verlieren 245 Menschen ihr Leben beim Versuch, in den Westen zu gelangen. Im besonderen Fokus des Regimes stehen all die Jahre die Ortschaften nah an der innerdeutschen Grenze.

Auch Rüterberg in Mecklenburg-Vorpommern direkt an der Elbe. Meinhard Schmechel, Bürgermeister von 1981 bis 2004, erinnert sich so:

Wir waren komplett eingeschlossen. Morgens um 9 Uhr wurde auf- und abends um 23 Uhr wurde wieder abgeschlossen.

Meinhard Schmechel Über das Leben in Rüterberg
"Meine Grenzgeschichte" - Zeitzeugen über Mauerbau und Flucht
Auch in Rüterberg gibt es kleines Museum. Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

Nicht nur zur Westseite versperrt ein zwei Meter hoher Streckmetallzaun den Durchgang, auch um ins eigene Land zu kommen, brauchen die Rüterberger immer ihren Ausweis. Sie leben, finden viele, wie in einer Art Hühnerauslauf. Der ist in ihrem Fall 1,5 Kilometer breit und drei Kilometer lang. In diesem Bereich können sie sich frei bewegen. Freunde und Bekannte von außerhalb dürfen sie nicht empfangen, Verwandte ersten Grades müssen einen Passierschein beantragen. Und abends wird immer kontrolliert, ob alle Rüterberger ihre Leitern gut verschlossen im Schuppen haben, wie Schmechel erzählt.

"Meine Grenzgeschichte" - Zeitzeugen über Mauerbau und Flucht
Neu definierter Wachturm Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

Damit das alles nicht vergessen wird, hat er sich dafür eingesetzt, ein kleines Stück der alten Grenzanlage zu erhalten und ein kleines Museum eingerichtet. Sein größter Schatz ist ein Film, der direkt nach dem Mauerfall entstand. Ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument, das Bernd Borchers aus dem Nachbarort Maliß zu verdanken ist: Als die Mauer im Herbst 1989 fällt, wollen alle sofort in den Westen. Nur er nicht. Er will nach Rüterberg, dieses verdammte Dorf, wo man selbst als DDR-Bürger nie hindurfte. Borchers macht Aufnahmen von den Zäunen, die schon kurze Zeit danach alle abgerissen sind. Sie zeigen Grenzsoldaten, die noch pflichtbewusst ihren Dienst an einer Grenze verrichten, an der es jetzt nichts mehr zu bewachen gibt. Am Ende filmt er, wie die Rüterberger selber den Zaun abbauen und sich neuen Auslauf verschaffen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 13. August 2020 | 22:35 Uhr