Nah dran - Das Magazin | 26.04.2018 Schuld und Vergebung

Wie lebt man mit Schuld? Und wann ist eine Schuld getilgt? Das "Nah dran"-Magazin im April geht diesen Fragen nach, erforscht die Haltung dreier Weltreligionen dazu und befragt Menschen, die mit Schuldgefühlen leben. Auch ein Pfarrer i.R. kommt zu Wort, der durch seine Erlebnisse nicht vergeben kann.

Wie gehen die drei großen Weltreligionen mit Schuld und Vergebung um?

Eine aufgeschlagene Bibel liegt auf einem Altar in einer Kirche.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für das Judentum, das Christentum und den Islam sind die zehn Gebote die Basis ihrer Religion und ein Kompass für das Zusammenleben der Menschen. Wer gegen sie verstößt, lädt Schuld auf sich. Doch was bedeutet das für die Gläubigen? Und wie können sie Vergebung erhalten? "Nah dran" hat erstaunliche Antworten erhalten.


Schuldig wegen Abtreibung?

Susanne Westphal, Leiterin der "pro familia"-Beratungsstelle Halle/Saale
Susanne Westphal, Leiterin der "pro familia"-Beratungsstelle Halle/Saale Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Schwangerschaft zu beenden, ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich, ansonsten macht sich die betroffene Frau strafbar. Ein Fakt, der viele Frauen verunsichert. Selbst wenn sie alle Voraussetzungen für den Abbruch erfüllen, bleibt bei manchen Frauen das Gefühl, sich schuldig gemacht zu haben. Und mit Vorwürfen müssen sich inzwischen alle, die an dem Prozess beteiligt sind, auseinandersetzen. "Nah dran" erfuhr von einer Beraterin des Vereins "pro familia", dass trotz jahrzehntelangem Kampf für ihre Rechte heute Frauen wieder sehr verunsichert sind.

Die Erfahrung ist, egal wie Gesetze gestrickt sind, dass sich die Frauen die Entscheidung von Natur aus nicht einfach machen, weil es einfach eine Lebensentscheidung ist.

Gedanken einer Frauenärztin zur Abtreibung

Dr. Christine Mau-Florek, Frauenärztin
Frauenärztin Dr. Christine Mau-Florek Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Frauenärzte sind derzeit sehr verunsichert. Grund ist die geringe Bereitschaft von Gesundheitsminister Spahn zur Lockerung des Paragraphen 219a, dem Werbeverbot für Abtreibungen. Frauenärzte betonen, wie schwierig es dadurch ist, betroffene Frauen ausreichend über die Möglichkeiten und Risiken zu informieren. Und sie sehen sich massiver Kritik von Abtreibungsgegnern ausgesetzt.

Ich würde mir wünschen, dass man die Frauen ernst nimmt in ihrer Not. In ihrer Not, in der sie sich befinden... Hier geht vor allem um sachliche Informationen.

Dr. Christine Mau-Florek

Wie schwer es ist zu vergeben

Reinhard Weidner ist Pfarrer in Ruhe und erst seit kurzem zurück in seiner thüringischen Heimat. In Dittersdorf war er schon 18 Jahre vor der Wende Pfarrer und gründete dort den Umweltkreis Dittersdorf, der sich gegen die massive Verschmutzung seiner Heimat durch eine Schweinemastanlage engagierte.

Fortan wurde der Pfarrer bespitzelt, von engsten Freunden. Die vier Kinder bekamen Probleme in der Schule. Auch versagte ihm die Landeskirche Schutz. Ihm blieb nur die Chance, aus der DDR auszureisen. Er verlor alles, Wurzeln, Heimat, Freunde. Und das Vertrauen in seine Kirche. Kann und will er den Verrat vergeben?


Kann man schuldig sein am Selbstmord eines Angehörigen?

Mario Dieringer
Mario Dieringer verlor seinen Freund durch Suizid. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mario Dieringer hat seinen langjährigen Lebensgefährten im März 2016 durch Suizid verloren. Mario fühlte sich schuldig, hatte er doch seinem Freund ein Ultimatum gestellt: Er sollte seine Depression behandeln lassen, oder zwischen beiden sei es aus. Um dem Freund Zeit zum Nachdenken zu geben, verreiste Mario, schaltete sein Handy aus. Als er nach vier Tagen wieder einschaltete, erfährt er, dass der Freund sich das Leben genommen hat. Mario fühlt sich schuldig. Wie kann er damit leben?

Man muss das Wort 'Schuld' aufgeben und austauschen gegen das Wort 'Verantwortung'. Und wenn man sich dann fragt, bin ich verantwortlich, dass sich jemand das Leben nimmt, dann kommt man schnell drauf, dass das nicht sein kann.

Um aus dem schwarzen Loch herauszukommen, etwas Sinnvolles für sich selber und für andere zu tun und auch um das Thema Suizid aus der Tabuzone zu holen, gründet Mario Dieringer das Projekt "Trees of Memory". Der Plan: Suizid-Hinterbliebene auf der ganzen Welt besuchen und mit ihnen einen Baum der Erinnerung pflanzen. Der eigens gegründete Verein "Trees of Memory e.V." unterstützt ihn bei seiner Arbeit und hilft Betroffenen, die einen geliebten Menschen durch Suizid verloren haben.

Mittlerweile sind 16 Bäume in Deutschland und 40 Bäume weltweit bestellt. Und Mario Dieringer hat sich auf den Weg zu Hinterbliebenen gemacht - zu Fuß.

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2018, 10:02 Uhr

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