Nah dran | 29.04.2021 | In der Mediathek Kindheit mit dominantem Vater: Wie die Stasi Familien prägte

Insgesamt beschäftigte die Stasi rund 250.000 offizielle Mitarbeiter. Es waren hauptsächlich Männer, darunter viele Familienväter. Sie wurden mit einem lebenslangen Eid auf die Staatssicherheit eingeschworen. Von ihnen und ihren Familien wurde unbedingte Linientreue verlangt. Das prägt auch ihre Kinder fürs Leben.

An den einzigen innigen Moment mit seinem Vater erinnert sich hatte Ric Barkawitz gut. Auf dem Leipziger Hauptbahnhof nahm er vor über 30 Jahren Abschied von seinem Vater,  um in dessen Fußstapfen zu treten: "Er hat mich umarmt, was quasi einzigartig war. Dann hat mir einen kühlen Kopf und ein heißes Herz gewünscht. So emotional nah waren wir vorher nie gewesen und auch danach nie wieder."

"Fehler wurden nicht akzeptiert"

Der Abschiedswunsch nach einem "kühlen Kopf und heißen Herz" ist das Motto der sowjetischen Geheimdienste. Rics Vater war Stasi-Offizier. Mit 18 Jahren soll Ric Barkawitz den Wehrdienst im Wachregiment der Staatssicherheit antreten. Rückblickend bezweifelt der 50-Jährige, dass es seinem Vater in diesem Moment um den Sohn ging: "Ich glaube, was ihn damals so bewegt hat war, dass ich anfing, in seine Fußstapfen zu treten."

In der Familie war Kindererziehung die Sache der Mutter. Den Vater erleben Ric Barkawitz und seine vier Geschwister als streng, unnahbar und kalt: "Fehler wurden überhaupt nicht akzeptiert." Deckten die Kinder zum Beispiel den Tisch und stellten dem Vater eine Tasse mit Sprung hin, sorgte das für einen Eklat. Hielt der Vater Mittagsruhe, mussten sich die fünf Kinder absolut ruhig verhalten.

Die Familie muss linientreu sein

Der Beruf des Vaters ist für die Kinder normal. Dass an der Flurgarderobe stets eine Pistole hängt und dass sie keine Freunde mit nach Hause bringen dürfen, hinterfragen sie nicht. "Die politische Bildung war klar vorgegeben. Mein Vater hat darauf geachtet, dass man im Fach Staatsbürgerkunde eine Eins hatte und seinen Lebensweg möglichst dem System entsprechend plante."

Unter dem ständigen Druck, auf Linie zu bleiben, leiden viele Kinder, deren Eltern bei der Staatssicherheit gearbeitet haben. Das Klima in den Familien prägt sie ein Leben lang. Margitta Wonneberger, Psychologische Psychotherapeutin erklärt: "In diesen Familien spielten oft Lüge, Verleugnung und Verharmlosen oder Bespitzelungen eine Rolle. Das wirkt sich auf die Kinder aus: Kann ich einer Person vertrauen? Will die mich nur aushorchen?" Auf diese Weise setze sich das Erbe fort und könne alle Beziehungen belasten, betont die Psychologin.

Mauerfall entzweit Vater und Sohn endgültig

Als Kind war Ric Barkawitz regelmäßig in der Kreisdienststelle der Staatssicherheit in Döbeln, um dem Vater bei langen Diensten Essen zu bringen. Ursprünglich war sein Vater Melker in einem Kuhstall. Als Stasi-Offizier kostete er offenbar seine Position aus. Die Macht des Vaters war für Ric nicht nur in der Familie, sondern überall in der DDR gegenwärtig. Bei Polizeikontrollen schützte ihn der Familienname.

Seine eigene Stasi-Laufbahn endet nach nur fünf Wochen durch den Mauerfall. Nach der Wende steht Ric Barkawitz Leben auf dem Kopf. Er fühlt sich ausgespuckt in eine Welt, in der alles vollkommen neu ist: Bunt, grell, laut und selbstbestimmt. Zum ersten Mal versucht er, mit seinem Vater Klartext über die Staatssicherheit und dessen Rolle darin zu reden: "Da prallten zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite er mit seinem Betonkopf, der alles für Teufelszeug hielt, was  gerade passierte. Auf der anderen Seite ich, der genau das in vollen Zügen genoss."

Der Tochter ein warmherziger Vater sein

Wie zuvor schon seine Geschwister, wendet sich Ric von seinem Vater ab. Viele Kinder von MfS-Mitarbeitern täten das aus Selbstschutz über kurz oder lang, sagt die Psychologin Margitta Wonneberger: "Um den eigenen Weg zu gehen, bleibt manchmal gar nichts anderes übrig, als den Kontakt abzubrechen. Ich vermute, dass eine wirkliche Auseinandersetzung oft erst gelingt, wenn der Vater verstorben ist. Wenn es die Generation also gar nicht mehr gibt."

2016 stirbt Ric Barkawitz Vater. Zu diesem Zeitpunkt hat der Sohn längst mit ihm abgeschlossen. Statt zurück zu blicken, wendet er sich der Zukunft zu: Seiner Tochter Frieda möchte er ein besserer Vater sein. "Ich möchte es so machen wie meine Mutter. Also sehr viel Wärme und Liebe geben und für meine Tochter da sein."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 29. April 2021 | 22:40 Uhr