Nah dran - Reportage | 08.08.2019 Wir hatten nichts zu verlieren – Die Dombesetzer von Erfurt

Erfurt am 5. Juni 1988: Mehrere Familien aus Sömmerda und Erfurt besetzen den Mariendom und bitten um Kirchenasyl. Sie fordern die Genehmigung ihrer Ausreiseanträge und wollen ein Zeichen gegen Behörden- und Stasi-Willkür setzen. Nun sprechen Zeitzeugen über diese lang verschwiegene Aktion. Der Film ist ein bewegendes Stück Zeitgeschichte, das von Mut und Verzweiflung, von Selbstbehauptung und Heimweh handelt.

Die Idee zur Besetzung des Doms hat Rainer Römhild aus Sömmerda. Bereits vier Jahre wartet er mit Frau und Sohn auf die Genehmigung des Ausreiseantrags. Vier Jahre auf gepackten Koffern, immer darauf gefasst, verhaftet zu werden.

Sich gegenseitig Mut machen

In Sömmerda sind sie nicht die einzigen Ausreisewilligen, insgesamt 90 hiesige Familien haben zum damaligen Zeitpunkt einen Ausreiseantrag gestellt. In der thüringischen Kleinstadt solidarisieren sich die Ausreisewilligen. Unter den Augen der Staatssicherheit treffen sie sich regelmäßig auf dem Marktplatz, um sich gegenseitig Mut zu machen. Aber auch, um zu provozieren. Denn "alle Querulanten hatten die größte Chance rauszukommen", weiß auch Rainer Römhild damals.

Rainer Römhild
Rainer Römhild, Mitinitiator der Dombesetzung. Bildrechte: MDR/Heimatfilm

Als Jugendlicher schon konnte ich mir nicht vorstellen, in diesem Land alt zu werden. Ich wollte mein Leben nicht dem Experiment Sozialismus opfern. Ich wollte irgendwann mehr sehen von der Welt.

Rainer Römhild

Letzte Etappe auf dem Weg in die Freiheit

Dann steht der Evangelische Kirchentag in Erfurt vor der Tür, und in Rainer Römhild reift der Plan zur Besetzung des Doms. Denn auf dem Kirchentag werden auch westdeutsche Politiker und Medien sein. Der Dom soll die letzte Etappe auf dem Weg in die ersehnte Freiheit, in den Westen sein. Gemeinsam mit anderen Familien aus Sömmerda und Erfurt wollen die Römhilds den Dom besetzt halten, bis sie die DDR legal verlassen dürfen.

Das war für uns die einmalige Chance, was zu bewirken, unsere Interessen durchzusetzen. Und der Gedanke war, dass uns die Kirche dann das Asyl gewährt und die Behörden dann unter Druck kommen und unserem Ersuchen zustimmen.

Rainer Römhild

"Aus technischen Gründen geschlossen"

Auf unterschiedlichen Wegen reisen die Familien nach Erfurt und besetzen am Sonntag vor Beginn des Kirchentages den Dom. Der wird sofort abgeriegelt - und bleibt "aus technischen Gründen geschlossen". Nichts soll nach außen dringen, um nicht Nachahmer auf den Plan zu rufen.

Einzig die Kirchenleitung mit Weihbischof Joachim Wanke, dem Generalvikar und auserwählten Mitarbeitern dürfen die Kirche betreten. Sie versorgen die Familien mit Decken, Kleidung, Lebensmitteln und Spielzeug.

Bischof Joachim Wanke
Joachim Wanke, damals Weihbischof von Erfurt. Bildrechte: MDR/Heimatfilm

Für mich war das ein völlig überraschendes Ereignis. Denn mit diesem Phänomen der Besetzung, das uns heute ja ein wenig vertrauter ist, auch gesellschaftlich, hatten wir damals gar keine Erfahrungen.

Bischof Joachim Wanke

Erfolgreiche Verhandlungen

Nach drei Tagen harter Verhandlungen zwischen Besetzern und Vertretern des Staatsapparates wird den Besetzern schließlich ihre Ausreise zugesichert. Die Bedingungen: Sofortige Räumung des Doms, Rückkehr in die Wohnungen, absolutes Stillschweigen gegenüber Dritten.

Also war das für uns klar, dass wir für ewig schweigen.

Rainer Römhild

Nacheinander werden die einzelnen Familien mit Taxis nach Hause gefahren. Bis zum Ende der DDR bleibt die Dombesetzung in Erfurt der einzige Fall, in dem politisches Asyl in einer Kirche gesucht wird. Viele Jahre bis weit noch nach der Wende schweigen die Beteiligten über das Geschehen in diesen dramatischen Tagen.

Abschlussveranstaltung zum Erfurter Kirchentag 1988 am Mariendom. Bildrechte: MDR/Böhm

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2019, 12:00 Uhr