Nah dran - Das Magazin | 03.11.2019 Verklären, verschweigen, verdrängen - Wie wollen wir uns erinnern?

Das Gedächtnis ist uns oft ein freundlicher Helfer. Wir neigen dazu, in unserer Erinnerung alles schönzureden. Verdrängen ist Strategie. Denn Erinnerungen können auch traumatisch sein, sogar über mehrere Generationen hinweg. Ob gut oder schlecht: Erinnerungen beeinflussen unser Leben grundlegend.

Warum Erinnern lebenswichtig ist

Zahnrad 6 min
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Nah dran Do 24.10.2019 22:35Uhr 06:27 min

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Zwei Menschen berichten von ein- und demselben Ereignis. Und sie erzählen verschiedene Dinge. Sie erinnern sich unterschiedlich. Aber warum? Die eigenen Erinnerungen sind subjektiv gefärbt, immer auch ein Teil der persönlichen Erfahrungen. Was passiert mit uns, wenn wir uns erinnern? Warum sind Erinnerungen so unterschiedlich?

"Erinnern ist ein konstruktiver Prozess", sagt Dr. Roland Benoit vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, wo die kognitiven Fähigkeiten und die Prozesse im menschlichen Gehirn erforscht werden. Zuständig für das autobiografische Gedächtnis ist der Hippocampus.

Nah dran Magazin Oktober 2019
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Wenn wir etwas wahrnehmen, entsteht ein bestimmtes Muster im Gehirn. Das macht der Hippocampus. Das ist ein Schnappschuss von diesen Aktivitätsmustern, und dieser Schnappschuss ist im Endeffekt unsere Erinnerung. Wenn wir versuchen, uns zu erinnern, dann versucht der Hippocampus, das ganze Aktivitätsmuster wiederherzustellen.

Dr. Roland Benoit

Die Macht falscher Erinnerungen

Erinnerungen können trügen. Manchmal ist man unsicher, fragt sich: "Erinnere ich mich richtig?" Doch können wir uns an etwas erinnern, was überhaupt nicht stattgefunden hat?

Eine Frau mit Brille 2 min
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Solveig Prass hat sich mit "False Memories", falschen Erinnerungen beschäftigt. Sie erklärt, worum es geht.

Do 24.10.2019 22:35Uhr 01:34 min

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Ein Mädchen bezichtigt den Vater des Missbrauchs, die Erinnerung daran ist aber erst seit einer Psychotherapie da. Könnte der Therapeut mit einem vermuteten Missbrauch diesen zur Tatsache gemacht haben und damit auch zu einer Erinnerung? Inzwischen gibt es viele Fälle, die belegen, dass Vermutungen zu Tatsachen werden können, wenn man falsche Erinnerungen suggeriert bekommt.

Solveig Prass arbeitet bei der Kindervereinigung in Leipzig und kennt das Phänomen dieser "falschen Erinnerung" aus ihrer Arbeit. Sie weiß: "Daran zerbrechen ganze Familien."

Hans Delfs 7 min
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Nah dran Do 24.10.2019 22:35Uhr 06:38 min

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Denn nicht nur die vermeintlichen Opfer leiden unter den falschen Erinnerungen, auch die vermeintlichen Täter. Der Verein False Memory Deutschland e.V. will auf das Phänomen aufmerksam machen, ohne Straftaten abzustreiten. Ziel ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Die Suche nach dem verschollenen Urgroßvater

Nah dran Magazin Oktober 2019
Lara und ihre Großmutter begeben sich auf Spurensuche. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn Erinnerungen das eigene Buch sind, wie ist es dann mit den unbeschriebenen Seiten? Marita Landwehr hat ihren Vater als Kleinkind zwar kennengelernt, aber sie erinnert sich nicht wirklich an ihn. "Ich habe nur Fotos", sagt sie.

Der Vater, Heinrich Evers, ist seit Juni 1944 in Russland vermisst. Da war Marita ein 4-jähriges Mädchen. Es fehlt vieles, nicht nur die persönlichen Erinnerungen an einen wichtigen Menschen. Auch an ein Grab kann sie nicht gehen und trauern. Ihre Enkeltochter Lara Rading bewegt das sehr. Und so macht sie sich auf die Suche nach dem Schicksal ihres Urgroßvaters.

Durch die Gespräche mit ihr habe ich gemerkt, dass sie auch ein Opfer des Zweiten Weltkriegs ist. Sie musste ihr ganzes Leben ohne eine Vaterfigur aufwachsen - was ich mir gar nicht vorstellen kann und will. Und zum Glück mir auch nicht vorstellen muss.

Lara Rading
Lara 7 min
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Nah dran Do 24.10.2019 22:35Uhr 06:47 min

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Lara Rading wendet sich noch einmal an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Bis heute wird hier nach Vermissten des Zweiten Weltkriegs gesucht. Seit 1989 werden auch aus russischen Archiven Akten übermittelt. Und bisweilen kommt tatsächlich Neues ans Licht, so auch im Fall von Heinrich Evers. 

 Die unbekannten sowjetischen Toten von Dresden

Nah dran Magazin Oktober 2019
Jane besucht den "Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Dresdnerin Jane Jannke verbringt viel Zeit auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden. Freiwillig. Sie kümmert sich hier um die Pflege sowjetischer Gräber, vor allem aus der Zeit nach dem Zweiten Krieg. Manchmal sind diese Gräber namenlos. Jane Jannke stöbert in Archiven und sogar in russischen Foren. Sie recherchiert nach einst in Dresden stationierten und hier verstorbenen Soldaten. Oft findet sie auch Angehörige, die lange nach der Ruhestätte des Verstorbenen gesucht haben. Warum tut sie das?

Es ist schön zu sehen, wie man Menschen ein Stück weit zurück in den Kreis der Familie bringen kann.  

Jane Jannke

Sowjetischer Garnisonfriedhof Dresden Marienallee
01099 Dresden

Der Sowjetische Garnisonfriedhof in Dresden entstand ab Mai 1945 als Kriegsgräberstätte der Roten Armee. Von 1946 bis 1987 war er offizieller Standortfriedhof verstorbener Angehöriger der Sowjetarmee.

Seit Mai 2019 ist die Stadt Dresden Träger des Friedhofes.

Jane Jannke 6 min
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Zuletzt aktualisiert: 04. November 2019, 10:00 Uhr

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