Nah dran | MDR FERNSEHEN | 19.04.2019 | 07:30 Uhr Weder brav noch fromm

Bekenntnisse prominenter Pfarrerskinder

Ist das Pfarrhaus ein besonderer Ort? Wachsen Kinder hier unter anderen Bedingungen auf als in anderen Familien? Diese Fragen beschäftigen die beiden Filmemacher. Sie kommen ins Gespräch mit prominenten Pfarrerskindern, die Auskunft über ihre Kindheit geben.

Fromm, bieder, verklemmt? Pfarrerskinder sind für jede Menge Klischees gut. Der Nachwuchs von Ärzten oder Feuerwehrleuten kennt dieses zweifelhafte Privileg nicht. Unter den einflussreichen und wichtigen Deutschen sind Pfarrerskinder auffallend häufig vertreten.

Aktuell ist Angela Merkel ihre prominenteste Vertreterin. Zur Ahnenreihe berühmter Pfarrerskinder gehören der Philosoph Friedrich Nietzsche, der Schriftsteller Hermann Hesse, der Humanist Albert Schweitzer, aber auch die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin. Auffallend oft waren Pfarrerskinder auch in der DDR-Opposition aktiv. Wird also, wer im Pfarrhaus aufwächst, besonders rebellisch? Oder sind Pfarrerskinder doch in der Regel diszipliniert und pflichtbewusst? Wie erlebten heute prominente Pfarrerskinder ihr Elternhaus?

Erste Ministerpräsidentin im Osten: Christine Lieberknecht

Christine Lieberknecht
Pfarrerstochter und Politikerin: Christine Lieberknecht Bildrechte: Staatskanzlei Thüringen

Thüringens ehemalige Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht war die erste Frau auf dem Chefsessel eines ostdeutschen Bundeslandes. Auch sie ist, wie Angela Merkel, eine Pfarrerstochter, wuchs als ältestes von vier Geschwistern auf und lernte früh, Konflikte auszuhalten. So wurde sie nicht, wie in der DDR üblich, Pionier in der sozialistischen Kinderorganisation der DDR.

Vor ihrer Wahl zur Landeschefin im Oktober 2009 arbeitete Christine Lieberknecht als Pfarrerin, war seit 1990 im Landtag. Im Herbst 2013 stand sie unter öffentlichem Druck. Der Wechsel ihres Regierungssprechers sorgte für Wirbel. Was gibt ihr in stressigen Situationen Rückhalt und Sicherheit? Was hat sie auf  ihrem Weg in die Politik stark gemacht?

Das Wichtigste, was Eltern ihren Kindern geben können, ist Urvertrauen. Keine Angst zu haben, das Gefühl, aufgefangen zu werden... Das habe ich erlebt.

Christine Lieberknecht

Freiheit im Elternhaus: Gerhard Schöne

Gerhard Schöne wuchs mit fünf Geschwistern in einem Pfarrhaus in Coswig bei Dresden auf. Das Elternhaus war eine kleine Insel. In der DDR erzwungene Anpassung und Doppelmoral hatten hier wenig Platz. Schon als Schüler schrieb Gerhard Schöne eigene Texte und Geschichten. In seinen Liedern nahm er die im Elternhaus erlebte Freiheit auf. Hier lernte er Menschen aus aller Welt kennen, Bischöfe aus Afrika oder regimekritische Freunde aus Ungarn oder Polen.

Das gab es bei uns nie, dass meine Eltern sagten: 'Darüber sprichst du nicht in der Schule.' Es gab offene, freizügige Gespräch über alles.

Gerhard Schöne
Gerhard Schöne
Liedermacher Gerhard Schöne Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er empfand das Leben im Pfarrhaus als geschützten Raum, aber nicht als Idylle. Dass Gerhard Schöne in der DDR nicht über den Sieg des Sozialismus, sondern von Kinderträumen sang, hatte auch mit eigenen Sehnsüchten zu tun. Er wollte schon damals mit Liedern und Geschichten Menschen für das Abenteuer Leben begeistern.

Blick über die Mauer: Christiane Gerboth-Jörges

Auch Christiane Gerboth-Jörges gehört zu den Pfarrerskindern. Sie wuchs in Wippra, einem 300-Seelendorf in Thüringen, auf. Der Vater war Gemeindepfarrer, die Mutter Ärztin. Christiane Jörges erlebte ihre Familie als einen Gegenentwurf zum sozialistischen Alltag. Hier wurde über alles und jeden offen diskutiert. Dabei ging der Blick weit über die Mauer hinaus.

1990 begann Christiane Gerboth-Jörges als Sprecherin beim Deutschen Fernsehfunk. Sie war die Glücksfee im Telespiel und Mitte der 90er-Jahre Moderatorin der MDR-Talkshow "Riverboat". Hat sie die im Elternhaus erlebte Diskussionslust in die Welt des Fernsehens geführt? Denn "Sendungsbewusstsein" und Selbstvertrauen hatte Christine Gerboth-Jörges schon in Kindertagen verspürt. 

Singender Prediger: Martin Petzold

Opernsänger Martin Petzold ist in vielen europäischen Konzertsälen gefragt. Thomanerchor und Elternhaus prägten ihn. Im Pfarrhaus in Meißen wird er mit unterschiedlichen sozialen Problemen konfrontiert. Immer wohnten in der Familie andere mit, die aufgenommen wurden und um die sich die Eltern kümmerten. Feierabend gab es nicht im Pfarrhaus, denn Seelsorge war selbstverständlich. Freie Zeit für sich hatten die Eltern nicht. Von tatenloser Frömmelei hielt der Vater nichts, er lebte einen praktischen und sozialen Glauben.

Seelsorge ist auch in anderen Pfarrhäusern eine Selbstverständlichkeit. Aber der Alltag im Pfarrhaus ist auch ein Leben im Glashaus. In der DDR stehen die Familien nicht nur unter der Beobachtung der Gemeinde, sondern auch unter der des Staates. Und die christliche Erziehung von Pfarrerskindern machte es ihnen nicht leicht, auch in der Schule akzeptiert zu werden. Die Pfarrerskinder nehmen ihre Außenseiterrolle und das Misstrauen des Staates gegenüber dem Elternhaus bewusst wahr.

Es kommt darauf an, scheitert man an dieser Außenseiterrolle oder nimmt man sie als Motivation, um etwas aus sich zu machen, was anders ist als das Umfeld.

Christine Eichel, Autorin

Geprägt von der Luther-Bibel: Christoph Dieckmann

Christoph Dieckmann
Autor und Theologe Christoph Dieckmann Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Journalist Christoph Dieckmann verbrachte im Pfarrhaus von Dingelstedt seine Kindheit. Respekt wollte er sich mit Sport erkämpfen. Doch Punktspiele und Gottesdienste fanden zeitgleich sonntags statt. Sein Vater hatte aber das letzte Wort, und Christoph Dieckmann fluchte. Die Rockmusik und der Fußball werden aber seine Leidenschaften, um sich aus dem Pfarrhaus und der Enge des Dorfes zu lösen. Sport- oder Hörfunkjournalist wollte er werden, doch das blieb ihm versagt. So studierte er schließlich Theologie - und arbeitet nun als Autor.

Sicher ist mein Sprachduktus und ein gewisses mitschwingendes Pathos vom deutschen 'Sprach-Urmeter' geprägt - nämlich der Luther-Bibel.

Christoph Dieckmann

Das Glück jenseits der Oder: Steffen Möller

Der politische Kabarettist Steffen Möller
Der politische Kabarettist Steffen Möller Bildrechte: imago/Thomas Müller

Steffen Möller wuchs in einer Pfarrersdynastie in Wuppertal auf. Bereits die Großväter sind Pastoren. Irgendwann ging dem Pfarrersohn das Gutmenschentum auf den Geist. Er wollte die festgefügten Familientraditionen mit den gewohnten Denk- und Glaubensbahnen verlassen. 1994 ging der Wuppertaler Pfarrersohn nach Krakau. Hier wurde er vom polnischen Fernsehen entdeckt, und Steffen Möller begann, als Fernsehmoderator und Talkmaster zu arbeiten. Mit Kabarettprogrammen gastierte er im ganzen Land. Dass jemand als deutscher Gastarbeiter in Warschau lebt und gleichermaßen Witze über Deutsche und Polen reißt, begeistert jenseits der Oder.

Der Wuppertaler Steffen Möller hat sich scheinbar weit von seiner alten Heimat, den Prägungen der Familie entfernt. Doch entdeckt er immer wieder erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen Pfarrhaus und Bühne.

Ich glaube, dass Pfarrerskinder die Welt verbessern wollen oder zumindest weniger Scheu haben vor einem gewissen Exhibitionismus, davor, die eigenen Ansichten zu verkünden.

Steffen Möller

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2019, 11:44 Uhr