Kalihalde Bischofferode
Was das Aus des Kali-Bergbaus in Bischofferode für eine ganze Region bedeutet hat Bildrechte: dpa

Nah dran | 07.06.2018 Schicht im Schacht - Bischofferode 20 Jahre danach

Das Kaliwerk der kleinen thüringischen Gemeinde im Eichsfeld war einer der größten Arbeitgeber der Region. Oft waren ganze Familien dort über Generationen beschäftigt. Nach der Wende kam 1993 das Aus. Trotz verzweifelter Proteste und einem bundesweit für Schlagzeilen sorgenden Hungerstreik wurde das Werk geschlossen. Die Reportage (2013) von Steffi Treuger zeigt, wie sich das Dorf und die Region 20 Jahre später verändert haben.

Kalihalde Bischofferode
Was das Aus des Kali-Bergbaus in Bischofferode für eine ganze Region bedeutet hat Bildrechte: dpa

Das Salz hatte den Bischofferödern über fast ein Jahrhundert hinweg ihre Identität gegeben. Schon um 1900 wurden in der Region durch Probebohrungen reiche Kalisalzlagerstätten nachgewiesen und mit dem Aufbau erster Schachtanlagen und der erforderlichen Infrastruktur begonnen. Für die DDR war der Schacht "Thomas Müntzer" in Bischofferode ein Vorzeigebetrieb und eine sichere Devisenquelle für den chronisch klammen Staatshaushalt. Etwa 1.800 Menschen wurden dort beschäftigt. Das Salz bestimmte das Leben von ganzen Familien über Generationen hinweg, der Schacht war zweite Heimat.

Herbert Kindler
Herbert Kindler bei den Dreharbeiten vor fünf Jahren Bildrechte: MDR/Steffi Treuger

Man war stolz, Bergmann zu sein. Das ist ja ein Betrieb, wo die Großväter schon gearbeitet haben, die Väter und wir, und unsere Kinder sollten hier auch weiterarbeiten.

Herbert Kindler, ehemaliger Schachtarbeiter
Die Reste eines einst 40 Meter hohen Förderturmes liegen nach der Sprengung am 12.09.1996 auf dem Gelände des ehemaligen Kaliwerkes Bischofferode.
Die Reste eines einst 40 Meter hohen Förderturmes liegen nach der Sprengung am 12.09.1996 auf dem Gelände des ehemaligen Kaliwerkes Bischofferode. Bildrechte: dpa

Nach der Wende brach die für sicher gehaltene Welt mit einem Schlag zusammen. Die ostdeutsche Kali-Industrie sollte mit der westdeutschen fusionieren - das Ende von Bischofferode wurde im Dezember 1992 durch die Treuhand besiegelt. So teilte das Kaliwerk das gleiche Schicksal vieler andere Großbetriebe im Osten. Für die Menschen in Bischofferode und der Umgebung war das dennoch ein besonderer Schock: Denn mit der Schließung fielen nicht nur Hunderte Arbeitsplätze weg, es ging genauso eine Ära zu Ende, die Identität der Region wurde erschüttert.

Wut, Verzweiflung und Resignation entlud sich in massiven Protesten. 1993 kämpften die Kumpel ein Jahr lang um ihre Arbeit. Seinen dramatischen Höhepunkt erreichte der Protest im Sommer, als zwölf Bergschachtarbeiter über Wochen in den Hungerstreik traten.

Auch die Kinder klagen an. So wie dieses kleine Mädchen boykottierten am 06.07.1993 Hunderte Kinder mit ihren Lehrern aus dem Kaliort Bischofferode und der näheren Umgebung des Unterricht und zogen mit Transparenten vor die Werktore des besetzten Kalischachtes.
Im Sommer 1993 zogen auch hunderte Kinder mit ihren Lehrern aus Bischofferode und der näheren Umgebung vor die Werktore des besetzten Kalischachtes. Bildrechte: dpa

Das war dann Wahnsinn, da kriegt man Gänsehaut. Und im Nachhinein kommen dann die Politiker, der Vogel, und der sagt dann: Ja, wir unterstützen euch, dass ihr weitermachen könnt. Und im Grunde genommen hat er schon beschlossen, dass wir geschlossen werden. Und diese Lügen und Falschheit der Politiker, das hat allen eigentlich erst die Wut gebracht, dass man so belogen und betrogen wurde.

Herbert Kindler, ehemaliger Schachtarbeiter

Mit ihrem Widerstand gegen die Schließung konnten die Bischofferöder Kumpel den Politikern wenigstens Zugeständnisse abringen: zwei Jahre Beschäftigungsgarantie in einer Auffanggesellschaft für alle. Doch tatsächlich waren die Arbeiten, die jetzt noch zu erledigen waren, für die Mehrheit sehr unbefriedigend: bloße Beschäftigungsmaßnahmen eben. Die, die konnten, zogen weg, dahin, wo es Arbeit gab. Andere verfielen dem Alkohol, einige nahmen sich das Leben. Zum Zeitpunkt der Schließung des Werkes lebten knapp 2.700 Menschen in dem Dorf. 20 Jahre später war ein Drittel weggezogen. Der Verlust der Kali-Arbeitsplätze und der Wegzug vieler bedeutete einen Niedergang der Region.

Besucher im Kalimuseum Bischofferode
Im Kali-Museum Bischofferode Bildrechte: dpa

20 Männer arbeiteten 20 Jahre nach der Schließung noch im Schacht, um das alte Bergwerk zu sichern. Herbert Kindler war einer von ihnen. Seine Perspektive: Noch zwei bis drei Jahre Verwahrungsarbeiten in den Stollen. Dann sollten alle gefährdeten Stellen verfüllt und stabilisiert sein. Was vom Kali-Bergbau bleiben würde? Ein 20 Millionen Kubikmeter großer Hohlraum, ein Labyrinth überwacht von unzähligen Messstellen. Über die stolze Geschichte des Kali-Bergbaus erzählt nun ein Museum, das der Kali-Verein von Bischofferode im Keller der ehemaligen Betriebsambulanz eingerichtet hat.

Irgendwann wird es vielleicht mal so werden, wie im Erzgebirge, dass unsere Nachfahren sich an die Tradition wieder erinnern und das Leben der Bergleute wieder aufblüht.

Herbert Kindler, ehemaliger Schachtarbeiter

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Zuletzt aktualisiert: 02. Juli 2018, 10:27 Uhr