Nah dran | 21.11.2019 | Jetzt in der Mediathek Damit du weißt, wer ich war: Wenn junge Eltern sterben

"Wer war mein Vater?", diese Frage wird Giulia eines Tages stellen, wenn sie größer ist. Andrea Bizzotto hat sein Leben selbst für sie aufgeschrieben, damit sie sich an ihn erinnern kann. Diese Möglichkeit gibt dem Familienvater Kraft und macht der ganzen Familie Mut. Und nicht nur der ...

Andrea Bizzotto schrieb vor seinem Tod eine Autobiografie für seine kleine Tochter.
Andrea Bizzotto schrieb vor seinem Tod eine Autobiografie für seine kleine Tochter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Andrea Bizzotto erfährt, dass er eine unheilbare Krebserkrankung hat, ist seine Frau Maria gerade im fünften Monat schwanger. Heute ist seine Tochter Giulia zwei Jahre alt, doch der 33-jährige Italiener wird nicht miterleben, wie sie aufwächst. Ihm bleibt nur noch wenig Zeit, er muss sich und seine Familie auf sein Lebensende vorbereiten.

Etwas hinterlassen

Bunte Briefumschläge
Auch Briefe hat Andrea seiner Tochter hinterlassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Andrea will Giulia etwas Bleibendes hinterlassen, damit sie sich an ihn erinnert. Im Krankenbett tippt er seine Lebensgeschichte innerhalb von drei Monaten ins Handy, Kapitel für Kapitel entsteht seine Autobiografie. "Ich hoffe, dass meine Tochter eines Tages dieses Buch in den Händen hat. Damit sie weiß, wer und wie ich war."

Die Möglichkeit, trotz Krankheit in den letzten Monaten noch etwas bewirken zu können, gibt dem Familienvater Kraft und macht der ganzen Familie Mut.

Schreiben war gut, um die Angst rauszunehmen aus meinem Herz.

Andrea Bizzotto
Andrea Bizzottos Frau Maria
Andrea Bizzottos Frau Maria Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Maria weiß aus eigener Erfahrung, wie belastend die Situation für Kinder ist, die 35-jährige hat schon ihre Eltern beim Sterben begleitet. Nicht nur für die inzwischen zweijährige Tochter, auch für den 13-jährigen Stiefsohn Fynn wird es in dem Buch ein Kapitel geben.

Für Maria ist das, was Andrea versucht, mehr als ein Buch oder eine Hinterlassenschaft:

Das ist für mich die reinste Form von elterlicher Verantwortung, die man zeigen kann, zu versuchen, seiner Verpflichtung als Vater auch noch über seinen Tod hinaus nachzukommen.

Maria, Ehefrau

Die letzte Reise nach Hause oder: Leben bis zum Schluss

Seinem Vermächtnis gibt Andrea den Titel "Geschichte eines Tollpatsches auf dem Fahrrad". Es beginnt mit seiner Kindheit, seinen Hobbys, seiner Leidenschaft fürs Fahhradfahren und den Fußball, aber auch das Gitarre spielen. Seine italienische Freundin Rebecca Frasson, die Korrektur liest, ist so begeistert, dass sie es an einen Verlag schickt, ohne sein Wissen. Als es dann tatsächlich veröffentlicht werden soll, überschlagen sich die Ereignisse. Andrea Bizzotto soll noch einmal in seine norditalienische Heimat nach Bassano del Grappa reisen, für eine Lesung!

Mann
"Geschichte eines Tollpatsches auf dem Fahrrad" nennt er sein Buch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Obwohl sich Andreas Zustand verschlechtert, stimmen seine Ärzte dem Flug nach Italien zu. Andrea will sich überwinden, will zeigen, dass er sich nicht verkriechen muss, weil er krank ist. Dass er lebt bis zum Schluss! Auch in Italien ist der Tod ein Tabuthema und wird verdrängt, sagt Rebecca und findet Andreas Buch umso wichtiger:

Das Buch ist wichtig, weil uns eine Kultur der Sterbe-Begleitung fehlt, vor allem was Kinder angeht. Der Tod scheint etwas Gefährliches zu sein, vor dem man sie beschützen muss. Wir sollten den Kindern aber beibringen, mit ihm umzugehen. Andreas Buch ist eine Bedienungsanleitung, um mit einer Krankheit klarzukommen. Aber es ist auch ein schönes Märchen für Kinder.

Rebecca Frasson, Freundin

Andrea hätte nicht geglaubt, dass es seine Krankheit zulassen würde, noch einmal seine Heimat zu sehen, seine Eltern und seinen Bruder. Ein letztes Mal auch sind Andrea und Maria zusammen in der Taverne an der alten Brücke von Bassano. Am Abend strömen so viele Leute zur Lesung in die Libreria Villa Rina, dass die Sitzplätze knapp werden. Nicht nur alte Freunde sind gekommen. Mit seinem Buch berührt Andrea etwas, das viele Menschen suchen: einen offeneren Umgang mit dem Lebensende:

Das Buch sollte eigentlich privat bleiben, aber ich fragte mich, ob es nicht vielleicht anderen Familien Mut machen könnte. Deshalb habe ich einer Veröffentlichung zugestimmt. Meine Briefe an Giulia bleiben aber ausschließlich für sie. Ich habe auch Videos aufgenommen und ein Lied, "From my star", damit sie sich an meine Stimme erinnern kann.

Andrea Bizzotto

Dass jeder Tag kostbar ist ...

Frau und Kinder malen an einem Tisch
Weiterleben! Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zurück in Deutschland streikt sein Körper – die Schmerzen sind so groß und unberechenbar, dass die Familie zu Hause nicht mehr zurecht kommt. Andrea fasst den Entschluss, in ein Hospiz zu gehen. An einem Freitag im März stirbt Andrea Bizzotto. Wenige Tage zuvor kochte er noch für das ganze Hospiz, erzählt Maria. Sein Grabstein soll in Italien stehen, dort ist zwei Wochen nach Andreas Tod auch die Trauerfeier. Maria trägt an diesem Tag ihr Hochzeitskleid. Sein Tod mache deutlich, wie kostbar jeder einzelne Tag ist, heißt es in der Messe. Inzwischen behandeln italienische Schulen Andreas Buch im Unterricht. Marias Exemplar ist gespickt mit vielen kleinen Nachrichten. "Es ist ein großer Schatz", sagt sie.

Ich könnte erzählen, wie schwer es für mich ist, weiterzumachen, wie schwer es mir manchmal fällt, überhaupt zu atmen, wie meine Brust wie Feuer brennt, weil mir Andrea so fehlt. Drückt den Freund, von dem ihr wisst, dass er eine schwere Zeit hat, sagt Euren Kollegen, dem Chef oder dem Mitarbeiter heute mal, wie gut es ist, mit ihnen zu arbeiten, entscheidet Euch für die Liebe und nicht für Ego.

Aus Marias Trauerrede

Audiobiografien-Projekt: Wer war meine Mutter? Wer war mein Vater? Die Radio-Journalistin Judith Grümmer hatte die Idee: In Hörbüchern hinterlassen schwerstkranke Eltern ihren Kindern die eigene Lebensgeschichte, um ihnen mit der eigenen Stimme zu antworten auf die Frage: Wer war meine Mutter? Wer war mein Vater? Die Geschichten des eigenen Lebens in Worte zu fassen, soll unheilbar Erkrankten helfen, Abschied zu nehmen, und ihren Kindern, den Tod der Eltern zu verarbeiten. Im Moment arbeitet Judith Grümmer mit ihrem ehrenamtlichen Team daran, das Projekt bundesweit kostenfrei zu etablieren.

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Sophie mit einem leuchtenden Malstift.
Sophie mit einem leuchtenden Malstift. Bildrechte: MDR/Filmakademie Baden-Württemberg GmbH

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 21. November 2019 | 22:35 Uhr

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