Nah dran Wie viel Schutz braucht ungeborenes Leben?

Wann fängt Leben an? Wo hört die Selbstbestimmung der Frau auf? Auch darüber wird wieder gestritten, seit mit der Debatte um den Paragrafen 219a "das Thema Abtreibung" plötzlich auf die Tagesordnung zurückkehrte.

Es begann mit der Verurteilung einer Frauenärztin, die auf der Internetseite ihrer Praxis auch über den Schwangerschaftsabbruch als Leistung informiert hatte. Es folgte der politische Streit um den fast vergessenen Paragrafen 219a, auf dessen Basis sie sanktioniert worden war. Danach muss der, der "öffentlich eigene oder fremde Dienste zur Vornahme eines Schwangerschaftsabbruchs anbietet oder ankündigt" mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe rechnen.

Worum geht es in diesem Konflikt?

Szene aus der Reportage: Wieviel Schutz braucht ungeborenes Leben
Christina Agerer-Kirchhoff vom Verein "Lebensrecht für Alle"(Alfa) auf dem Katholikentag in Münster Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Inzwischen steht "das Thema Abtreibung" insgesamt wieder auf der Tagesordnung. Die politische Debatte zieht längst weitere Kreise. Abtreibungsgegner machen mobil und fordern nicht nur, den Paragrafen 219a beizubehalten, sondern die Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch zu verschärfen. Dagegen positionieren sich vor allem Frauen, die auf ihre Selbstbestimmung pochen, sie fordern die Abschaffung des Paragrafen 218. In Frage gestellt wird in diesem Streit auch der mühsam ausgehandelte juristische Kompromiss, der seit der Wiedervereinigung für eine gesamtdeutsche Regelung sorgte: Wonach eine Abtreibung grundsätzlich verboten ist, aber unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt, nämlich wenn der Abbruch bis zur 12. Woche und nach einer Beratung erfolgt.

Welche Positionen gibt es?

Szene aus der Reportage: Wieviel Schutz braucht ungeborenes Leben
An einem Stand Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dagegen laufen selbsternannte Lebensschützer Sturm. Sie verweisen auf 100.000 Embryonen, die in Deutschland jedes Jahr abgetrieben würden. Manche ihrer Vertreter sprechen von Massenmord und versteigen sich so sogar zu Vergleichen mit dem Holocaust. Betend treten sie auf vor Beratungsstellen oder auf Veranstaltungen wie dem Katholikentag in Münster. An ihren Ständen liegen kleine Embryonen aus Plastik, die zeigen sollen, wie "das ungeborene Kind" in der 10. Schwangerschaftswoche aussieht: "Es kann schon alles: am Daumen lutschen, strampeln, Purzelbäume schlagen", sagt die Biologin Christina Agerer-Kirchhoff.

Szene aus der Reportage: Wieviel Schutz braucht ungeborenes Leben
Alexandra Maria Lindner, Vorsitzende der Aktion Leben für Alle e.V. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alexandra Maria Lindner, Vorsitzende der Aktion Leben für Alle e.V., sieht Abtreibung als "Tötung eines Menschen". Frauen, die selbstbestimmt entscheiden, kein Kind zu wollen - "von dieser Sorte" gäbe es zum Glück "praktisch keine". Nicht die Frau, sondern "die gesellschaftspolitische Lage" bringe einige wenige auf die Idee, dass Abtreibungen "normal" seien: Da müssten wir sehr aufpassen, "damit eben nicht immer mehr Frauen dazu gedrängt werden", warnt sie.

Demonstrative Verbrennung von Ermittlungspapieren in Hamburg
Hamburg 1972: Etwa 30 Frauen und junge Mädchen, die sich öffentlich zu einer Abtreibung oder Hilfeleistung dazu bekannten, verbrennen Ermittlungspapiere. Bildrechte: dpa

Frauen wie Sybilla Flügge, die in den Siebziger Jahren in der Bundesrepublik auf der Straße und als Jurastudentin vehement gegen das Abtreibungsverbot kämpfte, fühlen sich nun an die alten Schlachten erinnert. Damals als es praktisch noch keine Verhütungsmittel gab bzw. die Pille erst aufkam, ging es noch um viel mehr, betont sie: "Frauen, die verheiratet waren, durften Sexualität nicht verweigern, auch Schwangerschaft nicht, nach Zivilrecht!" Das bedeutete, dass viele Frauen trotz des Verbotes abtrieben: "Alle kannten Frauen, die abgetrieben haben, einschließlich meiner pietistischen Großmutter, die als Predigergattin mit sieben Kindern in den Zwanziger Jahren abgetrieben hat."

Szene aus der Reportage: Wieviel Schutz braucht ungeborenes Leben
Sybilla Flügge kämpfte in den Siebzigern gegen den Paragrafen 218 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Ende reichte der Kampf um die Selbstbestimmung 1976 nur bis zur "Indikationslösung", wonach eine Abtreibung möglich ist, aber nur wenn ein Arzt oder eine Ärztin der Frau triftige Gründe bescheinigt. Schon vier Jahre früher räumte die DDR-Gesetzgebung Frauen das Recht ein, sich innerhalb der ersten zwölf Wochen für oder gegen die Schwangerschaft zu entscheiden. Weltweit ein Novum. Bettina Röder, die grundsätzlich für ein liberales Abtreibungsrecht eintritt, arbeitete zu DDR-Zeiten als Journalistin für die Wochenzeitung "Die Kirche" in Ost-Berlin und erinnert sich auch an die negativen Folgen der Regelung, die in einen "technisierten, durchorganisierten Betrieb" mündete, der die Frauen letztlich aber mit ihrem Problem allein gelassen und Elend tabuisiert habe.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 28. Juni 2018 | 22:50 Uhr

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