Sven Lüdecke baut mit seinem Verein "little home" Wohnboxen für Obdachlose.
Sven Lüdecke baut mit seinem Verein "Little Home" Wohnboxen für Obdachlose. Bildrechte: MDR/WDR/Good Karma Productions

Nah dran - Reportage | 17.01.2019 Wohnbox für Obdachlose - Was aus einer guten Idee wurde

Sven Lüdecke baut mit seinen Mitstreitern kleine, wetterfeste Unterkünfte, in denen Obdachlose Schutz vor Regen und Kälte finden. Über 40 dieser "Little Homes" in Köln und anderswo gibt es schon. Sie sollen den Obdachlosen einen Neuanfang ermöglichen. Doch bald schon stößt Svens Engagement an Grenzen. Kann er sie überwinden?

Sven Lüdecke baut mit seinem Verein "little home" Wohnboxen für Obdachlose.
Sven Lüdecke baut mit seinem Verein "Little Home" Wohnboxen für Obdachlose. Bildrechte: MDR/WDR/Good Karma Productions

Sven Lüdecke hat ein winziges Haus gebaut. In der kalten Jahreszeit prüft er vor Ort unter einer Autobahnbrücke, wie winterfest es ist. Ein Unterschied wie Tag und Nacht sei es, ein Sechser im Lotto, erfährt er von dem Obdachlosen, der hier Unterschlupf gefunden hat. Zuvor hatte er viele Jahre auf einer Bank in einem Park geschlafen. Dann bekam er von Sven Lüdecke eine selbstgebaute Wohnbox, in der er geschützt vor Regen und Kälte ruhig schlafen kann. "Sven ist mein bester, bester Freund", sagt der Mann und drückt den Kölner an sich.

Nicht mehr wegschauen

Noch ist Sven Lüdecke bei jedem Hausbau selbst dabei und packt mit an.
Sven Lüdecke ist bei jedem Hausbau selbst dabei und packt mit an. Bildrechte: MDR/WDR/Good Karma Productions

Es ist nicht die einzige Wohnbox, die Sven Lüdecke bisher gebaut hat. Begonnen hat sein Engagement für Obdachlose an einem kalten Wintertag 2016. Damals beobachtet er, wie eine obdachlose Frau mit ihren Plastiktüten von Sicherheitsleuten barsch aufgefordert wird, morgens halb vier einen Bahnhof zu verlassen. Sven will helfen und spricht sie an. Schließlich baut er ihr, inspiriert von einer Idee aus den USA, aus Europaletten und Pressspanplatten einen 3,2 Quadratmeter großen, abschließbaren und wetterfesten Unterschlupf, ein eigenes Mini-Zuhause. Das erste Little Home.

Als ich gesehen habe, wie die Frau am Hauptbahnhof behandelt wurde (...), da habe ich gesagt: Ich will und kann nicht mehr weggucken. Als ich dann noch die einzelnen Geschichten gehört habe, wie schnell das eigentlich geht, dass man an diesem Punkt ist, dass man alles verliert, auf der Straße sitzt. Das kann mir morgen genauso passieren und jedem anderen. Deswegen ist das der Ansporn zu zeigen: Nein, es muss da nicht enden.

Sven Lüdecke

Ein Ort, sich neu zu sortieren

Die Sache mit der Wohnbox spricht sich herum. Plötzlich bitten Obdachlose ihn ebenfalls um eine Wohnbox. Und Sven Lüdecke hilft, unermüdlich. Mitstreiter finden sich, und so wird 2017 der Verein Little Home gegründet. In einer angemieteten Werkstatt bauen Sven und seine freiwilligen Helfer weitere Wohnboxen. Bald nicht nur in Köln, sondern auch in Berlin, Bonn und Frankfurt.

Sven Lüdecke und eine ehrenamtliche Helferin bringen ein Regal an der Wand an. Auf 3,20 Quadratmetern ist die mobile Wohnbox im Idealfall ein Übergang zu einer festen Wohnung.
Sven Lüdecke und eine ehrenamtliche Helferin inspizieren eine gerade fertiggestellte Wohnbox. Bildrechte: MDR/WDR/Good Karma Productions

Nebenher sucht Sven Standplätze, die von den Städten genehmigt werden, und organisiert die Übergabe an Obdachlose. Mittlerweile hat der Verein über 40 Little Homes in mehreren Städten aufgestellt. Die Häuser werden den Obdachlosen geschenkt. Danach trägt der Beschenkte die Verantwortung dafür. Im Idealfall soll die mobile Wohnbox ein Übergang zu einer festen Wohnung und zu einem Neuanfang sein.

Es soll kein Hotelzimmer sein. Es soll einen vorübergehenden Schutz vor Nässe und Kälte geben. Man soll die Gelegenheit haben, seine Gedanken neu zu sortieren. Zu gucken, welche Schritte muss ich machen, um hier wieder rauszukommen, wieder ins Leben zu kommen.

Sven Lüdecke

"Ich frage mich oft, ob ich genauso gehandelt hätte, wenn mir alle Konsequenzen schon damals klar gewesen wären", sagt Sven Lüdecke heute. Denn ehrenamtlich hatte er sich zuvor nie engagiert, sein Job als Fotograf für eine Hotelkette füllte ihn aus.

Sorgen und Enttäuschungen

Nach kurzer Zeit bekommt er nicht nur Stress mit seinem Arbeitgeber, sondern auch mit seiner Lebensgefährtin, die ihn kaum noch zu Gesicht bekommt. Hinzu kommen Sorgen und Enttäuschungen durch Probleme mit den Obdachlosen, die ihn zusätzlich belasten. Er merkt, ohne Sozialarbeiter geht es nicht. Dann sieht er sich auch noch dem Vorwurf ausgesetzt, in seinem Verein seien angeblich Spendengelder veruntreut worden. Sven Lüdecke ist heillos überfordert und am Ende seiner Kräfte. Trotzdem will er nicht aufgeben: "Wir haben schon so viel erreicht. Ich stehe das durch."

Der aktuelle Stand der Dinge

Heute gibt es den Verein immer noch. 14.000 Obdachlos sollen laut der "Frankfurter Rundschau" im November 2018 bundesweit auf der Warteliste für eine Wohnbox gestanden haben. Und folgt man Sven Lüdecke, haben 22 der bisherigen Bewohner durch die "Little Homes" eine richtige Wohnung gefunden, 17 sogar eine Arbeit. Geplant ist, dass der Verein bundesweit vier Werkstätten betreibt, in denen Obdachlose die Wohnboxen bauen. Sven Lüdecke folgt damit auch dem Rat eines befreundeten Sozialarbeiters, sich wieder mehr auf den Kern des Projektes zu fokussieren - dem Bauen von Wohnboxen.

Sven Lüdecke (l) im Gespräch mit einem Obdachlosen. Die Häuser werden den Obdachlosen geschenkt. Danach trägt der Beschenkte die Verantwortung dafür.
Sven Lüdecke (l.) im Gespräch mit einem Obdachlosen, der eine Wohnbox bewohnt. Bildrechte: MDR/WDR/Good Karma Productions

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2019, 10:48 Uhr

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