Medientage Mitteldeutschland 2021 Alles anders, alles neu?

Christin Schulz von MDR next
Bildrechte: MDR next/Alina Simmelbauer

Alles anders, alles neu? - mit dieser Frage eröffnen Jochen Fasco und Claudius Nießen die MTM 2021 auf dem Spinnereigelände in Leipzig. Wie sehen die Kongresse der Zukunft aus? Analog? Digital? Hybrid? Überhaupt geht es viel um Zukunft in diesen beiden Tagen. Ich schau mir das Ganze entspannt auf dem Balkon an und finde das (erstmal) super so.

Medientage Mitteldeutschland vom Balkon
Bildrechte: Christin Schulz, MDR next

Hier sind meine Meine TOP 3 Erkenntnisse der Medientage Mitteldeutschland 2021:

1. Die Pandemie beschleunigt Kreativität und Miteinander- behalten wir das bei!

Keine Produktionen, keine Akquise, keine Einnahmen und leere Kinosäle.

“Corona Update: Auswirkungen auf Film, Fernsehen und Kultur” heißt das erste Panel, welches ich besuche. 

Mit aller Deutlichkeit zeigt es auf, wie sehr die Filmbranche leidet und wie von Senderseite versucht wird, dagegen zu steuern. Gemeinsam mit den Sendern und bspw. der Mitteldeutschen Medienförderung sind zahlreiche Projekte gestartet, oft unkompliziert und schnell wurden gemeinsam Möglichkeiten geschaffen, um den Verlust etwas abzumildern. Doch die Mediathek kann das Kino natürlich nicht ersetzen. Die Politik muss handeln und auch jeder einzelne Zuschauer kann dazu beitragen unsere Kunst- und Kulturszene zu schützen und wieder aufleben zu lassen.  

Und da lohnt es sich ganz sicher, die positiven Lehren der Sender aus der Pandemiezeit auch in Zukunft zu nutzen: Mehr Risikofreude und aufeinanderzugehen stärkt das Verständnis füreinander und man wird gemeinsam kreativ(er), bilanzieren die Teilnehmer:innen der Runde. Und auch wenn uns gerade keine Pandemie im Nacken sitzt, lohnen sich Mut und schnelles Handeln, um neue und innovative Ansätze zu entwickeln. Ein Mut, der sicher auch der jüngeren Zielgruppen gut gefallen würde.

Hier könnt ihr das Panel nochmal nachschauen!

2. Problem: Zukunft - Weg vom Profit und wieder hin zum Inhalt! 

Wir jammern zu viel und Technologie allein ist keine Lösung. Und wenn wir nicht aufpassen, dann werden wir zermahlen zwischen den großen Konzernen der USA und den transhumanistischen Modellen Chinas. Offene Märkte gibt es schon längst nicht mehr, sondern Konzerne wie Google und Apple halten die großen Plattformen in der Hand (Suchmaschine und App-Store zum Beispiel). All das passiert, während wir mit unseren Hirnen teilweise noch in den 90ern feststecken. Das nehm ich erstmal mit aus dem Impuls von Markus Heidmeier (Beyond Platforms Initiative, Kooperative Berlin)

Und stimme in vielen Punkten zu: Wir, die Macher digitaler Medien, wir Konsumenten von Streamingdiensten, wir Nutzer sozialer Plattformen, wie Europäer. Wir müssen uns mehr Gedanken machen über die Zukunft! In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Wie sieht der Medienkonsum der Zukunft aus und welche Rolle wollen wir als Medienmacher dabei spielen? Ein bisschen Fridays for Future-Kultur würde den Medien hierzulande ganz gut tun, ein bisschen gesellschaftlichen Druck braucht es, damit sich was ändert, erklärt Heidmeier in der 9. seiner 12 Thesen. 

Die Beyond Platforms Initiative will ein Ökosystem entwerfen, in dem alle ihren Platz haben, eine Meta-Infrastruktur, in der verschiedene Systeme miteinander kommunizieren. Ich habe noch keine Vorstellung, wie das funktionieren soll und ob es funktionieren kann. Und das spiegelt sich für mich auch in der Runde wieder: Vertreter von TV Now, Spotify, Netflix und ARD finden das Thema wichtig, doch jeder bleibt in seinem eigenen Kosmos. Die Vernetzung nach außen oder miteinander spielt im Gespräch keine große Rolle. Jeder tut was, von Diversität bis Nutzerzentrierung, von Investition in die Macher bis Auffindbarkeit stärken. Doch so richtig gemeinsame Zukunft als Gegenpol (oder Ergänzung) zu den großen Playern wird nicht gesponnen.

Am Ende gibt es also keine Lösung - wie auch, das Problem ist ja viel zu groß. Aber dass die Zukunft und die Frage nach unserem Platz darin Aufmerksamkeit bekommt, finde ich unfassbar wichtig. Es ist allerhöchste Zeit, dass wir aus unserem Dornröschenschlaf aufwachen und neue Visionen schaffen. Um unabhängiger von den großen Profit-orientierten Konzernen zu werden und uns wieder auf das zu konzentrieren, was wir gut können: relevante, gute und digitale Inhalte schaffen. 

Hier gibt´s das Panel zum nachschauen!

Und wenn ihr mehr über die Beyond Platforms Initiative wissen wollt, dann schaut mal hier vorbei!

Disclosure: Christoph Rieth und Bertram Gugel haben als MDR-next-Teammitglieder an der Beyond Platforms Initiative mitgearbeitet. 

3. Das Internet ist nicht länger Technologie, sondern Werkzeug- nutzen wir es!

Die Keynote von Jeff Jarvis lenkt den Blick ebenfalls Richtung Zukunft und setzt den Fokus  auf ein “mehr” im Journalismus. Er unterstreicht den Wert des Journalismus als ein Service für die Gesellschaft, für unser Publikum. Die Pandemie habe das Bedürfnis nach Expertise deutlich aufgezeigt und verstärkt. Kanäle wie twitter, instagram und andere Plattformen sind dafür gute Netzwerke, die wir nutzen sollten. Am Beispiel von George Floyd habe man gesehen, dass soziale Medien Menschen eine Stimme geben, die wir sonst nicht hören würden. Ohne das Video von der Festsetzung Floyds und dessen Verbreitung auf sozialen Kanälen, hätte vermutlich niemand etwas davon mitbekommen und die Black Lives Matter Bewegung hätte es in der Form vielleicht nicht gegeben. 

Wir leben in einem Zeitalter, so Jarvis,  wo die Menschen nach Orientierung suchen, wo der “weiße Mann” langsam fällt. Das führe zu Orientierungslosigkeit, zu dem Gefühl nicht zu wissen, wo man hingehört und stärke so letztlich die Extreme. Er ruft dazu auf, das Journalismus sozialer werden muss. Mehr hinhören, mehr verstehen, mehr lösungsorientierte Beiträge, die Gemeinsamkeiten aufzeigen, statt Unterschiede. Es brauche Produkte, die Bindungen kreieren, die Nutzern das Gefühl geben dazu zu gehören. 

Wir sollten aufhören das Internet als Technologie zu sehen und es stattdessen als Werkzeug zu verstehen. Was können wir damit tun? Wie können wir es nutzen, um Menschen wieder einander näher zu bringen und so Extreme wieder kleiner werden zu lassen? Stehen wir am Anfang einer Reformation, fragt der Journalistikprofessor und Medienblogger am Ende. Und spätestens jetzt nervt es dann doch auf dem Balkon zu sitzen und nicht beim nächsten Kaffee all diese Fragen weiter zu spinnen und zu diskutieren. 

Klar gibt es auch auf den Medientagen die Möglichkeit der virtuellen Vernetzung. Doch dazu müsste ich permanent am Bildschirm kleben bleiben: “Och nö, nicht schon wieder!” schreit mein Videokonferenzgeplagtes Hirn und auch mein restlicher Körper will sich zwischen den Panels lieber mal eine Runde bewegen. Also nächstes Jahr gerne wieder vor Ort. Denn die Kaffeepause und der direkte Austausch, die spontane Diskussion oder die zufällige Begegnung mit alten Kolleg*innen fehlt dann doch sehr.