Erziehung Eltern im Stress – wenn Kinder zu viel zocken

Tablet, Smartphone, Spielkonsole – moderne Bildschirmmedien sind aus dem heutigen Familienleben nicht mehr wegzudenken. Kinder wachsen damit auf, gehen frühzeitig ganz selbstverständlich mit Computer oder Smartphone um. Das stellt Eltern vor eine Herausforderung, die noch keine Generation vor ihnen kannte: Wie werden kleine 'Digital Natives' in einer Zeit ins Leben begleitet, in der das Internet mit all seinen Möglichkeiten aber auch Gefahren den Alltag bestimmt?

Schulkind sitzt am Tisch vor Laptop und löst Aufgaben aus dem Homeschooling
Für das Homeschooling ist der sichere Umgang mit der nötigen Technik Voraussetzung. Bildrechte: imago images / Fotostand / K. Schmitt

Früher ging’s doch auch ohne Handy

Schaut man nur 20 Jahre zurück, so könnte man meinen, unsere Kinder kamen in der Steinzeit zur Welt. Es gab kein Instagram und kein WhatsApp. Unvorstellbar fühlt sich das heute an.

Das Smartphone ist ständiger Begleiter: um kurz zu lesen, zu fotografieren, die Einkaufsliste zu tippen, Kinderarzttermine zu machen oder sich mit Freunden auszutauschen. Es ist Wecker, Kalender, Adress- und Notizbuch – und natürlich auch ein mobiles Kleinkind-Unterhaltungs-Programm.

Wird der dreijährige Sohn an der Straßenbahnhaltestelle quengelig, wird das Smartphone zum Bilderbuch oder Bauernhoftiere lassen sich im Handumdrehen in den für sie vorgesehenen Stall sortieren. Dafür können sich gestresste Eltern schon mal verächtliche Blicke und Kommentare einfangen: Typisch, diese Smartphone-Mamas und -Papas von heute.

Zwischen Erleichterung und schlechtem Gewissen

Und trotzdem erleichtert das Smartphone das Leben der heutigen Elterngeneration in vielerlei Hinsicht. Nicht zu unterschätzen sind dabei auch die sozialen Kontakte zu anderen Müttern und Vätern, der unmittelbare Austausch von Tipps und Erfahrungen.

Dazu kommt die Unterhaltung, die das Smartphone ermöglicht. Sind die Kinder mal wieder im Arm eingeschlafen, kann man Podcasts hören, Videos schauen, Blog-Artikel lesen – und all das, ohne sich nur einen Millimeter von dort wegzubewegen, wo man gerade ist.

Begleiten statt überwachen

Familienexpertin Nora Imlau, selbst Mutter von vier Kindern zwischen 17 Monaten und 13 Jahren, hält nicht viel vom Abgesang auf die Jugend von heute, die nur noch Zocken im Sinn hat. Schließlich haben sich Kinder und Jugendliche zu allen Zeiten für neue Medien begeistert. Auch nach der Erfindung des Buchdrucks oder der Einführung des Farbfernsehens blieben Erwachsene eher skeptisch.

Ein Mädchen tippt auf einem Tablet
Tablets für Kinder haben einen schlechten Ruf, dabei entscheidet der richtige Umgang. Bildrechte: Colourbox.de

Die junge Generation hat sich Technik und Fortschritt dagegen schneller erschlossen. Heute warnen besorgte Stimmen also vor digitalen Medien im Kinderzimmer. Natürlich bedeutet der Umgang damit auch Stress für die Eltern: Ist es wirklich schlimm, den Dreijährigen beim Zähneputzen mit einem Videoclip auf dem Smartphone abzulenken? Und macht ein eigenes Tablet Kinder tatsächlich dick und dumm?

Schrumpft das Hirn von frühkindlichem Medienkonsum?

Wie groß die Angst vor den kleinen Bildschirmen ist, erlebt Nora Imlau bei ihren Vorträgen und Workshops immer wieder. Die nettesten Eltern können nämlich ganz schön ungemütlich werden, sobald ihr Kind ihrer Ansicht nach zu viel Zeit im Internet verbringt. Da werden Tablets weggesperrt, W-LAN-Passwörter geändert, radikale Verbote verhängt – alles aus Sorge natürlich. Schließlich kursieren Aussagen von Experten, dass moderne Spiele-Apps wie Heroin wirken.

Angesichts solcher Schreckensszenarien ist es kein Wunder, dass Kontroll-Technologien zur punktgenauen Überwachung des kindlichen Medienkonsums boomen. Dann schaltet sich das Handy nach 20 Minuten ohne Diskussion einfach von allein aus, das Tablet schickt über jede Aktivität eine Meldung ans elterliche Smartphone und selbst Chatverläufe und Suchhistorien auf Kinderhandys können über das Master-Passwort auf einem anderen Gerät mitgelesen und nachverfolgt werden. Klingt genial einfach – hat aber einen Haken: So überwacht zu werden, vermittelt Kindern schnell das Gefühl, Mama und Papa würden ihnen nicht vertrauen.

Lassen wir Kinder mit der Mediennutzung nicht allein

Mit ihren eigenen Kindern geht die Familienexpertin deshalb einen anderen Weg: Sie dürfen weitgehend selbst entscheiden, wie lange sie welche Medien nutzen wollen – werden bei diesem Prozess aber eng von ihren Eltern begleitet.

Eine Mutter und ein Kind sitzen in einem Spielzelt und schauen einen Film auf einem Tablet.
Eltern sollten Kinder bei der Mediennutzung begleiten, sodass sie sicher damit umgehen. Bildrechte: imago images / Westend61

Das kann durchaus bedeuten, dass sie einen ganzen Nachmittag lang mit dem dreijährigen Sohn die Maus-App erkunden müssen. Ihn allein von einem YouTube-Video zum nächsten klicken zu lassen, ist dagegen keine Lösung. Und wenn der Medienkonsum tatsächlich einmal zu viel wird? Dann sollte Eltern mit ihren Kindern sprechen und gemeinsam nach einer Lösung suchen.

Vertrauen statt Angst – für dieses Medien-Motto macht sich die Bestseller-Autorin Nora Imlau stark. Die Wissenschaft scheint ihr dabei Recht zu geben. So legen mehrere aktuelle Untersuchungen nahe, dass an fatalen Folgen der modernen Mediennutzung für die kindliche Entwicklung wenig dran ist.

Die wichtigste stammt von Dylan B. Jackson von der Universität Texas (2018) und besagt: Es gibt zwar tatsächlich Hinweise darauf, dass intensiver Medienkonsum für Kinder ungesund sein kann, doch das gilt vor allem in Kombination mit anderen problematischen Faktoren. Zugespitzt könnte man sagen: Ein Kind, das ohne Gespräche, ohne Kuscheln, ohne Vorlesen, ohne Spielen und ohne Naturerfahrung quasi allein vor nicht kindgerechten Sendungen aufwächst, hat ein echtes Problem.

Ein Kind hingegen, das in einem liebevollen, kommunikativen Elternhaus mit vielfältigen Sinneserfahrungen groß wird, also im Alltag jede Menge spielt, liest, singt, lacht und rennt, kann kaum so viel Unsinn anschauen, als dass es ihm schaden könnte.

Auf die Mischung kommt es also an. Medienkonsum – tageweise auch relativ viel – schadet Kindern nicht, wenn sie insgesamt ein von Spiel und Spaß erfülltes Leben haben. Problematisch wird es erst dann, wenn vor lauter Gucken und Wischen keine Zeit mehr zum Matschen und Toben bleibt.

Zwei Kinder balancieren im Wald auf einem Baumstamm
Wenn Kinder viel toben und spielen, schadet auch tageweise viel Medienkonsum nicht. Bildrechte: Colourbox.de

Checkliste zur Medienkompetenz

Eltern stehen ständig vor der Herausforderung, zwischen einem Schutzauftrag und der Förderung ihrer Kinder durch die vielfältigen Möglichkeiten digitaler Medien abzuwägen.

Ein erster Check

  • Können Kinder mit einem Touchscreen umgehen?
  • Kennen Kinder die wesentlichen Funktionen eines PCs, Laptops oder Tablets?
  • Haben Kinder schon häufiger ein Smartphone oder Tablet bedient?
  • Haben Kinder in der Schule bereits mit digitalen Medien gelernt?
  • Lernen Kinder gern eigenständig?
  • Sind Kinder informiert über das Thema Sicherheit im Internet?
  • Können Kinder Werbung von anderen Inhalten unterscheiden?

Können die Fragen mit "Ja“ beantwortet werden, können Kinder digitale Medien grundsätzlich nutzen und damit lernen.

Wichtig! Überprüfen Sie regelmäßig, wie viel Zeit Kinder mit Tablet und Laptop verbringen und wofür die Geräte genutzt werden.

Gemeinsam Medienkompetenz stärken

1. Risiken offen ansprechen!Anstatt Verbote im Umgang mit dem Internet aufzustellen, ist es sinnvoll, sich mit Kindern über die Gefahren des Internets auszutauschen und gemeinsam Regeln festzulegen.

2. Interesse an den neuen Medien zeigen! Die größte Sorge hinsichtlich der Nutzung digitaler Medien ist die Sicherheit der Kinder. Eltern sollten offen über die Risiken sprechen und ihren Kindern beibringen, Gefahren selbst zu erkennen. Zeigen Erwachsene selbst Interesse an digitalen Medien und deren Inhalten, begegnen sie den Kindern hier auf Augenhöhe. Dass hilft dem Nachwuchs beim Aufbau der eigenen Medienkompetenz.

Tipp 1: Bleiben Sie auf dem Laufenden Fragen Sie aktiv nach, was es Neues auf dem Markt gibt und welche App gerade angesagt ist: Stichwort "Co-Learning". Lassen Sie sich erklären, warum eine App oder ein Programm so faszinierend ist. So behalten sie den Überblick und können gegebenenfalls eingreifen oder zur Vorsicht mahnen.

Tipp 2: Nicht gleich ablehnen Seien sie nicht zu streng oder kritisch. Damit zeigen Eltern ihrem Kind, dass es sich mit jeglichen Fragen, Anregungen und Wünschen an sie wenden kann.

3. Begleitung! Unabhängig davon, wie routiniert sich ein Kind im Netz bewegt, sollte man es begleiten, wenn es online spielt oder lernt. Das bedeutet nicht, dass Eltern jedes Mal daneben sitzen müssen, sobald das Kind das Tablet oder den Computer startet. Besonders am Anfang ist es wichtig, dass man gemeinsam Accounts eröffnet und Profile mit ausreichender Privatsphäre-Einstellung anlegt.

So lässt sich den Kindern sofort erklären, warum es nicht ratsam ist, Fotos und ausführliche Profildaten zu veröffentlichen. Sprechen sie darüber, wie ihre Kinder - z.B. in einer WhatsApp-Gruppe - Mobbing erkennen und was dagegen zu tun ist. Wer seinen Kindern frühzeitig erklärt, wie das Netz funktioniert, warum es bestimmte Regeln zu beachten gilt, hilft ihnen beim Auf- und Ausbau der Medienkompetenz.

4. Vorbildwirkung! Alles, was Eltern ihren Kindern an Risiken und Regeln beim Thema Internet und Handy-Nutzung mit auf den Weg geben, sollten sie auch selbst verinnerlicht haben.

Unsere Expertin

Nora Imlau
Bildrechte: Maria Herzog

Nora Imlau

Nora Imlau

Nora Imlau ist Bestsellerautorin (ihr neuestes Buch "Mein Familienkompass" ist im September 2020 im Ullstein Verlag erschienen) und Journalistin für Erziehungsratgeber. Sie bloggt übers Kinderkriegen und Kinderhaben, hält Vorträge und Workshops.

Foto: Maria Herzog

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 04. Januar 2021 | 17:00 Uhr

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