Servicestunde | 30.06.2021 Was ist Cybergrooming - und wie schützen wir unsere Kinder?

Im Internet machen sich Pädophile an Kinder heran - beim "Cybergrooming". Was Eltern und Großeltern wissen sollten, wie sie vorbeugen können und reagieren sollten, wenn sie von solchen Vorfällen erfahren, erläutert Mediencoach Iren Schulz in der Servicestunde bei MDR THÜRINGEN - das Radio am 30. Juni ab 11 Uhr.

Iren Schulz 59 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR+ Mi 30.06.2021 11:10Uhr 59:07 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Anmache im Netz ist an sich schon nicht schön. Wenn sich aber unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Täter und Täterinnen mit sexuellem Interesse an Kindern oder Jugendlichen ("Pädosexuelle" oder "Pädokriminelle") bewusst an Kinder "heranmachen" nennen Fachleute dieses Verhalten "Cybergrooming" (vom englischen "grooming" = anbahnen, vorbereiten).

So gehen die Täter im Internet vor

Ob Instagram, TikTok, Snapchat oder Chaträume von Onlinespielen: Täter suchen im Internet bewusst nach Opfern. Sie legen einen Account an, meist mit einem Foto eines attraktiven jungen Menschen, um den Kontakt aufzunehmen.

Es wird Interesse geheuchelt, über die "blöden Erwachsenen" gelästert und so das Kind gezielt manipuliert. Dadurch blendet es natürliches Misstrauen einfach aus. Manchmal geben sich die Täter auch als Modelagent aus.

Kind Internet Computer
Täter suchen im Netz gezielt nach Opfern. Bildrechte: Colourbox

So entlocken sie ihren Opfern persönliche Daten und nicht selten auch freizügige Fotos - das sogenannte "Sexting". Die Täter fragen die Kinder sehr rasch nach ersten sexuellen Erfahrungen oder Fantasien.

Oft schicken sie den Kindern ungefragt pornografische Bilder oder locken sie in einen Videochat. Schlimmstenfalls droht der sexuelle Missbrauch. Denn oftmals wollen die Täter ihre Opfer im realen Leben treffen.

Sobald das erste sexualisierte Foto verschickt ist, haben die Täter und Täterinnen ein perfektes Druckmittel in der Hand. Sie drohen dem Mädchen oder Jungen, das Bild in seinem Bekanntenkreis zu verbreiten, wenn das Kind nicht tut, was der Täter oder die Täterin verlangt. 

Johannes-Wilhelm Rörig Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Mann schaut Porno auf Tablet.
Dem Täter geht es nur im seine Bedürfnisbefriedigung. Bildrechte: Colourbox.de

Cybergrooming ist eine Straftat

Für die Täter bietet das Internet große Vorteile: Es ist anonym. Zugleich fühlen sich die Kinder oder Jugendlichen sicher in ihren eigenen vier Wänden, sind arglos und sogar neugierig auf neue Kontakte.

Cybergrooming ist eine Straftat, auch wenn es nicht zu direkten sexuellen Handlungen kommt - die Absicht genügt. Strafbar ist also schon der Versuch einer Kontaktaufnahme. Nach § 176 StGB ist es als besondere Begehungsform des sexuellen Missbrauchs von Kindern bei unter 14-Jährigen Personen verboten. Es drohen Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren.

Folgende Tatbestände fallen darunter:

  • Das Kind soll zu sexuellen Handlungen gebracht werden, die es an oder vor dem Täter oder einer dritten Person vornehmen oder von dem Täter oder einer dritten Person an sich vornehmen lassen soll.
  • Der Täter will kinderpornografisches Material herstellen oder in seinen Besitz bringen.
  • Dem Kind wird pornografisches Material gezeigt.

Ob nach dem Verschicken von freizügigen Fotos, dem anzüglichen Chatten mit einem Unbekannten oder sogar dem echten Treffen – Kinder fühlen sich schuldig, weil sie sich schämen. Somit wird es ihnen schwer fallen, sich jemandem anzuvertrauen.

Besorgtes Mädchen, das den Inhalt ihres Smartphones überprüft.
Viele Kinder und Jugendliche schämen sich, nachdem sie ausgenutzt wurden. Bildrechte: imago images/Panthermedia

So schützen Sie Ihre Kinder vor Cybergrooming

  • Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die Risiken des Internets. Fachleute nennen das "Medienkompetenz erwerben".
  • Das Kind sollte nicht jedem im Chat blind vertrauen - nicht jeder meint es gut mit ihm.
  • Das Kind sollte keine persönlichen Daten (Wohnort, Alter, Aussehen, Hobbys) in öffentlichen Profilen preisgeben.
  • Das Kind sollte keine persönlichen Fotos versenden, schon gar keine Nacktfotos von sich, egal wie aufregend das auch sein mag. Einmal online, immer online.
  • Lassen Sie das Kind nicht stundenlang allein vor dem Computer/auf dem Handy chatten.
  • Das Kind sollte immer im öffentlichen Chat bleiben (der wird häufig moderiert), nie in private Chats/zu WhatsApp wechseln.
  • Wenn der Chatpartner nur Interesse an sexualisierten Fotos oder Videos vom Kind hat, sollte es den Chat sofort beenden und den Chatpartner sperren bzw. den Moderator des Chatrooms verständigen.
  • Das Kind sollte sich nie und nimmer allein mit Unbekannten treffen.
  • Gehen Sie zur Polizei und erstatten Sie Anzeige (Screenshots des Chatverlaufs machen).
  • Schuld hat immer der Täter, nie das Kind.

Beratungsstellen und Hilfe:

Hilfetelefon "Sexueller Missbrauch": 0800 – 2255530

Juuuport bietet Onlineberatung von ehrenamtlichen Helfern, auch zum Thema Cybermobbing oder generell zum Datenschutz.

Die "Nummer gegen Kummer" bietet anonyme Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern.

Nummer gegen Kummer für Kinder: 116 111

Nummer gegen Kummer für Eltern: 0800 111 0 550

Die Initiative "Schau hin" vom Familienministerium des Bundes bietet Tipps zur Medienerziehung.

Infos zum Experten Für Mediencoach Iren Schulz von der Initiative "Schau Hin" ist Medienkompetenz das Schlüsselwort der Zukunft. Sowohl für Kinder, als auch für Eltern und Pädagogen. Sie lehrt an der Universität Weimar und der Universität Erfurt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag | 30. Juni 2021 | 11:10 Uhr

Mehr zum Thema Familie

Weitere Ratgeber-Themen