Hilfe zur Selbsthilfe Wenn die Psyche krank ist: Wie bekomme ich Hilfe?

Auf den ersten Blick sind sie nicht zu erkennen und doch können sie verheerender sein als ein Beinbruch: psychische Erkrankungen wie etwa Angststörungen oder Depressionen. Jeder vierte Deutsche erkrankt innerhalb eines Jahres, so die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Dennoch warten Betroffene monatelang auf einen Therapieplatz. Warum ist das so? Und sind digitale Selbsthilfe-Angebote wie Apps eine Lösung? Diplompsychologin Beverly Jahn aus Leipzig erklärt, was hilft.

Stellen Sie sich vor, sie brechen sich das Bein und die Ärztin sagt zu ihnen: "Tut mir leid, aber ich kann sie erst in sechs Monaten behandeln". So ergeht es vielen psychisch Kranken. Durchschnittlich sechs Monate müssen sie auf einen Therapieplatz warten – Tendenz steigend.

Warum sind Wartezeiten für Therapieplätze so lang?

Die Anzahl der Psychotherapeutinnen- und -therapeuten ist nicht das Problem. Das Problem sind die sogenannten Kassensitze, die nicht ausreichend vorhanden sind. Kurz: Es gibt zwar genug sehr gut ausgebildete Kräfte, aber nicht alle können die Behandlung mit der Krankenkasse abrechnen. Die Zahl der verfügbaren Therapieplätze war schon vor der Pandemie knapp. Das ist so, als wenn Sie immer mehr Wasser durch einen stets gleich dicken Schlauch schütten müssten, da kommt es zum Stau.

Die Engstelle ist die Anzahl der zugelassenen Kassensitze, die durch die Berufsverbände und das Gesundheitsministerium vor fast 25 Jahren festgelegt wurde. Damals wurden die Psychotherapeutinnen und -therapeuten den Ärztinnen und Ärzten gleichgestellt und Psychotherapie wurde somit eine Kassenleistung. Die Zahlen stammen also aus einer Zeit, in der die Entscheidung für eine Psychotherapie dem Gang nach Canossa glich und psychische Erkrankungen noch stark stigmatisiert wurden. Damals war die Schamgrenze, sich zu offenbaren, somit sehr hoch.

Zu lange Wartezeiten auf eine Therapie In Deutschland leiden etwa 18 Millionen Erwachsene pro Jahr an einer psychischen Erkrankung. Dabei sind Angststörungen, Depressionen und Suchterkrankungen am häufigsten vertreten. Nach wie vor ist es jedoch schwierig, an einen Behandlungsplatz zu kommen – jedenfalls nicht ohne eine Wartezeit von derzeit etwa sechs Monaten, Tendenz steigend. Jeder Vierte wartet sogar ein Jahr und länger.

Die Nachfrage ist inzwischen stetig gestiegen – auch durch mehr Aufklärung und zum Beispiel Outings von Prominenten wie Nora Tschirner oder Kurt Krömer. Und die Nachfrage wird weiter steigen, was auch mit unserer heutigen Lebensweise was zu tun hat.

Kurt Krömer
Kurt Krömer spricht öffentlich über seine Depression. Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Dabei lohnt sich Psychotherapie auch für die Kassen: Studien von Krankenkassen zeigen, dass jeder Euro, den man in Psychotherapie investiert, sich bis zu siebenfach auszahlt, z. B. bei den Krankheitstagen, die man dadurch minimiert. Und natürlich sind auch Klinikaufenthalte richtig teuer.

Nicht jede depressive Verstimmung ist auch eine Depression

Die bisherige Situation und der Mangel an Therapieplätzen haben also vor allem politische Gründe. Aber auch das fehlende Bewusstsein für die Macht der Psyche sorgt immer noch dafür, dass mehr Geld in die Versorgung von körperlichen Erkrankungen fließt. Gleichzeitig ist psychisches Leid jedoch auch Teil eines jeden Lebens und hat nicht immer einen Krankheitswert. Nicht jede depressive Verstimmung ist gleich eine Depression und nicht jeder Liebeskummer eine Krankheit. Hier können auch andere Systeme greifen.

Sie fühlen sich betroffen? Hier erreichen Sie die Telefonseelsorge der Deutschen Depressionshilfe rund um die Uhr telefonisch:

0800/ 11 10 111
0800/ 11 10 222

Ganz gleich, welche Behandlungsform gewählt wird, notwendige Voraussetzung für den Erfolg ist die Bereitschaft, aktiv etwas verändern zu wollen. Die Therapie findet auch zwischen den Sitzungen statt. Reden alleine reicht nicht!

Im Rahmen einer Sprechstunde können Psychotherapeutinnen und –therapeuten Patientinnen und Patienten dazu beraten. Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen hilft zum Beispiel bei der Vermittlung von Terminen für psychotherapeutische Sprechstunden.

Apps auf Rezept – Hilfe zur Selbsthilfe

In diesem Punkt ist Deutschland weltweit Vorreiter: Zur Überbrückung der Wartezeiten auf einen Therapieplatz, zur Unterstützung einer laufenden Therapie oder auch für die persönliche Anwendung und Prävention gibt es inzwischen viele digitale Gesundheitsanwendungen (DIGA). Hier sind sie gelistet:

Seit dem 27. Mai 2020 ist es möglich, eine DIGA auf Rezept von Ärzten und Ärztinnen oder Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen verschrieben und somit von Krankenkassen finanziert zu bekommen. Voraussetzung dafür ist eine wissenschaftliche Fundierung, sprich eine Wirksamkeit.

Ein Smartphone in der Hand einer Frau
Apps sind leicht verfügbar, können aber eine Psychotherapie nicht ersetzen. Bildrechte: Colourbox.de

Vorgestellt: "Somnio" und "HelloBetter"

Zwei dieser Anwendungen sind zum Beispiel "Somnio", eine App zur Behandlung von Schlafstörungen, und "HelloBetter", ein Anbieter von Online-Therapieprogrammen zu Themen wie Burn-out & Stress, Diabetes, Depression, Vaginismus oder chronischem Schmerz. Diese Programme kann man am Computer oder per App am Smartphone oder Tablet ganz selbstständig durchführen. Dabei erhalten Sie zum Teil auch Unterstützung von ausgebildeten Psychologen und Psychologinnen.

Manche der Anwendungen laufen nur mit Zugang von der Krankenkasse, einige funktionieren nur als App, andere nur am Computer. Eine Psychotherapie können diese Anwendungen jedoch nicht ersetzten!

Der Vorteil dieser Anwendungen ist hingegen: Sie sind wirksam, leicht zugänglich, ermöglichen somit mehr Menschen den Zugang zu einer Behandlung und sie erfordern kein großes technisches Know-how. Ebenso wie bei Psychotherapie ist aber auch hier die aktive Arbeit und die Bereitschaft zur Veränderung notwendig.

Tipps für Angehörige

Und was können Angehörige tun? Die Begleitung von Menschen mit psychischen Erkrankungen kann eine schwierige Aufgabe sein und mit Ratlosigkeit, Ohnmacht oder Schuld einhergehen. Als Angehörige ist es wichtig zu wissen: Damit Hilfe wirkt, muss sie auch angenommen werden. Dabei ist es notwendig, Halt zu bieten und gleichzeitig Selbstständigkeit zuzulassen.

Wichtig ist es auch, auf sich und die eigenen Grenzen zu achten. Wenn Hilfe nicht ankommt, kann das frustrierend sein und in Gereiztheit umschlagen. Falls es selbst zu belastend wird, gibt es auch professionelle Unterstützung, beispielsweise Selbsthilfegruppen für Angehörige psychisch Erkrankter.

Eine junge Frau steht allein am Fenster und schaut hinaus.
Beim Umgang mit psychisch Erkrankten ist es wichtig, auch auf die eigene Psyche zu achten. Bildrechte: imago images/Petra Schneider

Für Menschen, die an Depression leiden und für deren Angehörige gibt es eine Ratgeber-Reihe von Matthew und Ainsley Johnstone. Hier werden auf berührende und humorvolle Weise in Form eines Comics Ratschläge und Ideen vermittelt, zum Beispiel mit dem "schwarzen Hund" der Depression umzugehen. Aber auch seine Bilder zu Stress und Resilienz bringen sinnvolle Tipps humorvoll auf den Punkt. Auch eine Art Anker: Schon Komiker Charlie Chaplin und Ex-Premierminister Winston Churchill  erkannten Humor als Rettungsring.

Auf dem Cover "Mit dem schwarzen Hund leben" wirft eine augenscheinlich depressive Person einen Schatten in Form eines Hundes.
Bildrechte: Kunstmann Verlag, Matthew Johnstone

Buchtipp Matthew und Ainsley Johnstone:  "Mit dem schwarzen Hund leben"
Kunstmann Verlag, 80 Seiten
Preis: 16 Euro
ISBN: 978-3-88897-594-3

Betroffene helfen Betroffenen

Manchmal enthält ein Problem, das wir haben, bereits die Lösung: Stellen Sie sich vor, dass das, wofür Sie sich jahrelang geschämt haben, plötzlich Ihre Stärke wird – und dass Sie sogar Geld damit verdienen können. So ähnlich verhält es sich bei dem Berufsbild des Genesungsbegleiters oder der Genesungsbegleiterin. Wieder stabile psychisch Kranke helfen Menschen, die sich akut in der Krise befinden.

Meine Krankheit hat mir den Weg in die Zukunft geebnet.

Dietmar Elsner, Genesungsbegleiter

EX-IN nennt man das, was Genesungsbegleiter Dietmar Elsner macht. Ausgeschrieben: "Experienced Involvement", unter diesem Begriff arbeiten Experten aus Erfahrung. Gemeint ist die Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener. Dietmar Elsner koordiniert die neue EX-IN-Ausbildungsgruppe in Gotha. Die Trainer kommen aus Mitteldeutschland. Die Ausbildung dauert zwölf Monate, findet an drei Tagen im Monat statt und umfasst 320 Stunden. Die Kosten dafür werden unter anderem von der Arbeitsagentur übernommen.

Unsere Expertin

Psychologin Beverly Jahn lächelt.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beverly Jahn

Beverly Jahn

ist Diplom-Psychologin mit Praxis und Lehrpraxis in Leipzig. Die Verhaltenstherapeutin ist spezialisiert auf das sogenannte Embodiment, die Auswirkung der Körperhaltung auf Gefühle.

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Quelle: MDR um 4

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 29. März 2022 | 17:00 Uhr

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