Erziehung ohne Strafen Starke Eltern-Kind-Beziehung fördert gutes Verhalten

"Wer nicht hören will, muss fühlen" – warum dieses lange gültige Credo in der Kindererziehung nicht mehr nötig ist, erklärt Nora Imlau. Die Autorin und vierfache Mutter gibt Erziehungstipps, die zu einem entspannten Familienleben verhelfen.

Ein Mann hält ein Mädchen auf dem Arm
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Erziehung ohne Unterdrückung und Gewalt

"Wer nicht hören will, muss fühlen" – diesen Satz haben viele Eltern im Kopf, wenn ihr Kind mal wieder nicht tut, was es soll. Denn der Gedanke, dass gutes Verhalten belohnt und schlechtes bestraft werden muss, ist in unserer Gesellschaft tief verankert.

Kein Wunder: Die Geschichte der Erziehung ist geprägt von Unterdrückung und Gewalt.

Nora Imlau, Bestsellerautorin und vierfache Mutter

Doch mit einem menschenwürdigen Miteinander sind Strafen in der Erziehung nicht vereinbar. Hier braucht es einen anderen Weg: Zugewandt und klar sollen Eltern ihre eigenen Grenzen vertreten, ohne zu verletzen und dabei auch die Bedürfnisse und Grenzen ihrer Kinder respektieren.

Kinder wollen mit ihren erwachsenen Bezugspersonen kooperieren. Erfüllen sie unsere Erwartungen nicht, gibt es dafür immer einen guten Grund: Entweder sie sind damit überfordert. Oder es geht ihnen aus irgendeinem Grund nicht gut und sie zeigen es uns auf ihre Weise.

Klarheit anstelle von Druck und Strafen

Gehorsam ist kein erstrebenswertes Ziel: Kinder sollen selbst denken und auch Nein sagen können. Entscheidend ist, ihren inneren Kooperationswillen zu pflegen, anstatt durch Strafen kaputt zu machen.

Die 18 Monate alte Elisa ist 2011 mit ihren Eltern auf einem Spielplatz.
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Mit Weichspüler-Pädagogik und "Laissez-Faire" hat diese Haltung nichts zu tun, genauso wenig, wie Kinder einfach machen zu lassen. Es ist wichtig, dass Eltern Verantwortung übernehmen und wichtige Dinge durchsetzen – im Zweifelsfall auch gegen den Willen ihres Kindes. Entscheidend ist das Wie: Druck und Strafen verletzen Kinder, Klarheit bei gleichzeitiger Zugewandtheit stärken hingegen die Eltern-Kind-Beziehung und die Frustrationstoleranz.

Wenn Eltern aufhören, ihre Kinder mit Drohungen gefügig machen zu wollen, haben sie erstmal oft das Gefühl, damit die Zügel komplett aus der Hand zu geben und gar keinen Einfluss zu haben. Doch in der Erziehung braucht es keine Druckmittel, wenn die Eltern-Kind-Beziehung im Lot ist. Dann hören Kinder nämlich ohne Angst, einfach, weil sie uns vertrauen. Und das ist ein wunderbares Gefühl.

Regeln, Grenzen, Konsequenzen

"Kinder lernen aus den Folgen", lautet der Titel eines echten Klassikers der Erziehungsratgeberliteratur. Und es stimmt: Was worauf folgt, ist für Kinder tatsächlich eine immens wichtige Lernerfahrung. Kinder brauchen Regelmäßigkeit und Rituale: Wenn alles so wie immer ist, fühlen sie sich sicher.

Konsequenzen – wo sie helfen und wo sie mehr schaden als nutzen

Schauen wir uns genauer an, was Konsequenzen eigentlich sind, wie sie uns im Alltag mit unseren Kindern helfen können, und wo sie mehr schaden als nutzen. Dafür müssen wir zunächst einmal eine wichtige Unterscheidung treffen: nämlich die zwischen natürlichen, künstlichen und persönlichen Konsequenzen.

Natürliche Konsequenzen

Natürliche Konsequenzen beschreiben all das, was unwillkürlich auf bestimmte Handlungen folgt: Schneide ich meine langen Haare ab, sind sie danach kurz. Renne ich mit Wucht gegen den Türrahmen, kriege ich einen blauen Fleck. Und räume ich mein chaotisches Zimmer nicht auf, bleibt es unordentlich.

Künstliche Konsequenzen

Künstliche Konsequenzen sind hingegen etwas völlig anderes: Sie passieren nicht einfach ohne Plan oder Intention, sondern jemand sorgt dafür, dass sie passieren. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Kino- oder Theaterbesitzer festlegt: "Wer nicht pünktlich zum Vorstellungsbeginn kommt, wird nicht mehr eingelassen."

Ein Mann und ein Mädchen im Sand
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Künstliche Konsequenzen in der Erziehung funktionieren nach demselben Prinzip: Versprechen Eltern ihrem Kind einen Euro für jede Eins in der Schule, versuchen sie, durch eine positive Konsequenz einen Anreiz für eine aus ihrer Sicht erstrebenswerte Verhaltensänderung zu setzen (auch wenn sie dabei wahrscheinlich nicht von einer Konsequenz, sondern von einer Belohnung sprechen würden).

Logische Konsequenzen

Umgekehrt denken sich Eltern für unerwünschte Verhaltensweisen häufig allerlei unangenehme künstliche Konsequenzen aus, von Taschengeldkürzungen über Extra-Pflichten im Haushalt bis zum Tablet-Verbot – also klassische Strafen.

Eine Mutter und ein Kind sitzen in einem Spielzelt und schauen einen Film auf einem Tablet.
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Nun: Der Hauptunterschied zwischen klassischen Strafen und sogenannten logischen Konsequenzen besteht darin, dass versucht wird, den Willkürfaktor zu verringern. Das heißt: Werden beim klassischen Bestrafen oft völlig beliebige Dinge miteinander verknüpft – wie Lügen und drei Wochen lang den Müll runterbringen müssen, oder Frechsein und kein Sandmännchen gucken dürfen –, bemühen sich Erziehende beim Einsatz logischer Konsequenzen, zumindest irgendeine Verbindung zwischen Vergehen und Sanktion herzustellen. Typisches Beispiel: Trödelt das Kind abends im Bad, bleibt leider, leider keine Zeit mehr für eine Gute-Nacht-Geschichte.

Oder: Chattet die Teenie-Tochter mit ihren Freundinnen, statt für die Französischarbeit zu lernen, und schreibt deshalb eine schlechte Note, kommt erstmal nachmittags das Handy weg, weil sie ohne das ja nicht vom Lernen abgelenkt gewesen wäre.

Überprüfen: Wie logisch ist die Konsequenz wirklich?

Je schwieriger es ist, irgendein Druckmittel mit dem unerwünschten Verhalten zu verknüpfen, desto weiter wird dabei der Anspruch einer logischen Folge ausgelegt. So gibt es etwa Menschen, die den Ausschluss vom gemeinsamen Familienfilmschauen am Samstagabend als logische Konsequenz für Nicht-Aufräumen-Wollen mit der gewagten Erklärung begründen, es sei schließlich logisch, dass, wer an den Familienpflichten keinen Anteil haben wolle, auch nicht beim Familienvergnügen dabei sein dürfe.

Die Sache mit den Grenzen

Kinder brauchen Grenzen. Fangen wir also bei der Wortbedeutung an. In der Diskussion, ob Kinder Grenzen brauchen, geht viel durcheinander.

Einer der Gründe dafür ist, dass sehr unterschiedliche Menschen darunter sehr unterschiedliche Inhalte verstehen. "Beim Essen zu schmatzen, ist verboten" ist etwa eine abstrakte, unpersönliche Regel. Versuche ich, sie durchzusetzen, lädt sie regelrecht zum Widerstand ein, und schürt dadurch nahezu unwillkürlich Frust und Konflikte, die nicht selten dazu führen, dass die nettesten Eltern plötzlich zu offenen Drohungen greifen: "Wenn du noch einmal schmatzt, ist dein Teller weg!"

Kinder brauchen Grenzen.

Nora Imlau, Bestsellerautorin und vierfache Mutter

Merke ich hingegen, dass eine schmatzende Tischgesellschaft meine persönliche Wohlfühlgrenze überschreitet, kann ich diese Grenze ganz anders kommunizieren. "Ich will beim Essen kein Schmatzen hören, weil mir das den Appetit verdirbt" ist eine ganz andere Aussage: persönlich, ehrlich, nachvollziehbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder sich zumindest bemühen, den so vorgebrachten Wunsch zu erfüllen, ist dementsprechend viel höher.

Eine Garantie dafür gibt es natürlich trotzdem nicht – sei es, weil sie schlicht noch zu klein sind, um das Gewünschte umsetzen zu können, sei es, weil sie aus einem anderen Grund gerade nicht kooperieren können oder wollen. Dann können wir im Rahmen unserer Familienkultur schauen, wie wir mit der Überschreitung unserer persönlichen Grenze umgehen wollen.

Unsere Expertin

Nora Imlau
Bildrechte: Maria Herzog

Nora Imlau

Nora Imlau

Nora Imlau ist Bestsellerautorin (ihr neuestes Buch "Mein Familienkompass" erscheint im September 2020) und Journalistin für Erziehungsratgeber. Sie bloggt übers Kinderkriegen und Kinderhaben, hält Vorträge und Workshops.

Foto: Maria Herzog

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 24. August 2020 | 17:00 Uhr

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