Erziehung Stress bei Kindern: Was Eltern tun können

Nora Imlau
Bildrechte: Maria Herzog

Ein Jahr Pandemie. Viele Familien sind am Limit. Eltern machen sich Sorgen, wie ihr Kind den Schulstoff überhaupt aufholen kann und fragen sich manchmal sogar, ob ihr Kind das Schuljahr wiederholen soll. Erziehungsexpertin Nora Imlau weiß, welche Ängste damit verbunden sind und gibt Tipps, wie Eltern das Selbstvertrauen ihrer Kinder in dieser Situation stärken können.

Homeschooling, während des Lockdowns im Januar 2021, Kinder lernen zuhause für die Schule, ihre Mutter ist im Homeoffice und arbeitet am Laptop mit Videochat.
Homeoffice und Homeschooling sind für viele Familien eine Belastungsprobe. Bildrechte: imago images/Jochen Tack

Die Corona-Krise trifft alle Bevölkerungsgruppen hart, doch für Kinder und Jugendliche waren die vergangenen anderthalb Jahre besonders belastend: Die wiederholten Schul- und Kitaschließungen haben es ihnen schwer gemacht, entwicklungsgerechte Erfahrungen außerhalb des eigenen Elternhauses zu machen. Und gerade die jüngeren Kinder können sich oft schon kaum noch an die Zeit "vor Corona" erinnern und tun sich nach Monaten des Zuhausebleibens mit der Rückkehr in ihre Betreuungseinrichtungen schwer.

"Wir können von unseren Kindern und Jugendlichen nach über einem Jahr Ausnahmezustand nicht erwarten, dass sie sofort wieder funktionieren", betont Familienexpertin Nora Imlau, selbst Mutter von vier Kindern zwischen 1 und 14 Jahren.

Es ist ganz normal, dass der Übergang zurück in den Schul- und Betreuungsalltag nicht reibungslos verläuft, sondern alle Beteiligten erstmal Kraft kostet.

Nora Imlau, Erziehungsexpertin

Kita-Schließung und dessen Folgen

Für Kita-Kinder ist vor allem die brüchig gewordene Bindung zu ihren Betreuungspersonen ein großes Problem. "Nicht umsonst legen wir heute beim Kita-Start großen Wert auf eine gute Eingewöhnung", so Nora Imlau. "Denn wir wissen: Nur wo eine sichere Bindung aufgebaut ist, können Kinder sich entspannen und lernen."

Doch damit Bindung entstehen und wachsen kann, braucht es regelmäßig gemeinsam verbrachte Zeit. Eine Kita-Pause von mehreren Wochen oder gar Monaten kann diesen sensiblen Beziehungsaufbau empfindlich stören. "Für ein einjähriges Kind kann sich ein neuerlicher Betreuungsbeginn nach einer solchen Pause anfühlen, als würde es völlig unvorbereitet wildfremden Menschen überlassen", beschreibt Imlau die Konsequenz längerer Kitaschließungen für Kleinstkinder und warnt: "Das kann zu großem Stress und Verlassensängsten führen."

Was gegen den Trennungsstress helfen kann

Alles, was dem Kind emotionale Sicherheit gibt und es in Ruhe wieder Vertrauen zu seinen Betreuungspersonen fassen lässt, kann jetzt helfen. "Ideal wäre eine zweite kleine Eingewöhnung", so Imlau, "in der Eltern noch einmal mitkommen in die Kita und sich erst schrittweise wieder verabschieden."

Dem stehen vielerorts jedoch die geltenden Corona-Schutzregeln im Weg. Um dem Virus keine Chance zu geben, heißt es: Eltern müssen draußen bleiben. "Umso wichtiger ist es, dann den Übergang an der Tür geduldig und liebevoll zu gestalten", weiß Nora Imlau. "Keinesfalls sollten Betreuungspersonen den Eltern ein weinendes, schreiendes Kind einfach vom Arm pflücken."

Fiele einem Kind der Abschied sehr schwer, helfe es beispielsweise, wenn Eltern und Betreuungspersonen noch einen Moment gemeinsam über den bevorstehenden Tag sprächen. Vielen Kindern helfe es auch, einen vertrauten Gegenstand von Zuhause mit in die Kita nehmen zu dürfen.

Großer Plüschteddy an Tisch; neben ihm ein Junge, der das Gesicht auf die Hand stützt
Teddy darf mit! Nora Imlau empfiehlt, dass Kinder zur EIngewöhnung nach Corona, auch Spielzeug von zu Hause mit in die Kita nehmen dürfen. Bildrechte: MDR/Mathias Streisel

"Da sollten Einrichtungen derzeit unbedingt großzügig sein und allen Kindern, die etwa ein Kuscheltier mit in den Gruppenraum nehmen wollen, dies erlauben", so Nora Imlau. Sie meint: "Was wir Erwachsene als stressige Phase erleben, die unseren gewohnten Alltag durchbricht, bestimmt für unsere kleinen Kinder bereits einen Großteil ihres Lebens. Und gerade, weil sie auch unseren Stress spüren, brauchen sie dringend die Möglichkeit zu entspannen und Rückversicherung zu tanken".

Grundschulkinder haben es besonders schwer

Homeschooling
Gerade Grundschüler vermissen im Homeschooling das Spielen mit anderen Kindern. Bildrechte: imago images/Cavan Images

Und die älteren Kinder? Auch ihnen setzt die Corona-Krise natürlich zu. Schließlich besteht die Hauptmotivation zum Schulbesuch für viele darin, dort ihre Freundinnen und Freunde zu treffen und sich mit ihnen zu beschäftigen und auszutauschen. Schmilzt der Schulalltag dagegen auf ein stumpfes Abarbeiten von Arbeitsblättern zusammen, bleiben die sozialen Bedürfnisse auf der Strecke.

Darunter leiden vor allem Kinder im Grundschulalter. Denn während Jugendliche etwa Videochats zumindest teilweise als Ersatz für persönliche Treffen empfinden, wollen jüngere Kinder primär miteinander spielen und unmittelbar miteinander interagieren – was per Webcam nur schwer möglich ist.

Wie stark Kinder und Jugendliche unter den Schulschließungen leiden, ist jedoch höchst individuell. "Wie so häufig hat der Distanzunterricht den Schülerinnen und Schülern am meisten abverlangt, die es ohnehin schon am schwersten haben", so Nora Imlau.

Klar: Wer zu Hause im gut ausgestatteten eigenen Kinderzimmer lernt, hat es leichter als Klassenkameradinnen und -kameraden, die in einer winzigen Wohnung zu dritt oder viert am Küchentisch lernen und sich dabei einen Rechner teilen müssen. Doch auch verschiedene Persönlichkeitstypen kommen mit dem Unterricht auf Distanz unterschiedlich zurecht.

Homeschooling
Im technisch super ausgestatteten Kinderzimmer funktioniert auch Distanzunterricht besser. Bildrechte: imago images/UIG

"Für viele extrovertierte Kinder, die Kraft aus dem Miteinander schöpfen, war der Lockdown gefühlt Höchststrafe", so Nora Imlau. "Für eher schüchterne, introvertierte Kinder, die ohnehin am liebsten in Ruhe und allein lernen, war der Distanzunterricht hingegen teilweise sogar angenehmer als Präsenzunterricht."

Über das Beklagen von Bildungsdefiziten dürfte außerdem nicht vergessen werden, dass längst nicht alle Kinder und Jugendlichen ihre Schulen als gute und sichere Orte erlebten: "Für manche Mobbingopfer war das Aussetzen der Schulpflicht ein wahr gewordener Traum", so Nora Imlau. "Diese Kinder fürchten nichts mehr, als dass irgendwann alle wieder zur Schule gehen müssen."

All das zeigt: Die Folgen der Corona-Krise für Kinder und Jugendliche sind so vielfältig und facettenreich wie die jungen Menschen selbst. Eins hat die "Generation Corona" jedoch gemeinsam: sie hat die Erfahrung gemacht, dass binnen kürzester Zeit ihr Leben, wie sie es bisher kannte, vom Kopf auf die Füße gestellt wurde – ein einschneidendes biographisches Erlebnis, das erst einmal verarbeitet werden muss.

"Deshalb ist es jetzt so wichtig, jetzt nicht als erstes auf die Lerndefizite zu schielen und die Kinder mit Nachhilfe und Extra-Unterricht zu trimmen, damit sie wieder zum Lehrplan aufschließen", so Nora Imlau. "Stattdessen haben unsere Kinder Zeit und Geduld verdient, um in Ruhe wieder anzukommen, das Erlebte zu verarbeiten und später mit Stolz und Selbstvertrauen auf die Corona-Krise zurückblicken zu können in dem Gefühl: leicht war das nicht, aber zusammen haben wir’s geschafft."

Unsere Expertin

Nora Imlau
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Nora Imlau

Nora Imlau

Nora Imlau ist Bestsellerautorin (ihr neuestes Buch "Mein Familienkompass" ist im September 2020 im Ullstein Verlag erschienen) und Journalistin für Erziehungsratgeber. Sie bloggt übers Kinderkriegen und Kinderhaben, hält Vorträge und Workshops.

Foto: Maria Herzog

Quelle: Nora Imlau, MDR um 4

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 17. Mai 2021 | 17:00 Uhr

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