Der Redakteur | 31.05.2022 Photovoltaik-Anlagen mieten oder kaufen?

Sebastian Schwarz aus Wartenberg bei Fulda ist über eine Anzeige auf die Möglichkeit gestoßen, Photovoltaik-Anlagen zu mieten, statt zu kaufen. Unterm Strich wird ihm vorgerechnet, dass er weniger Miete für die Anlage zahlt als zuvor für den Strom. Er fragt sich: Ist das seriös?

Montage einer Solaranlage auf einem Hausdach
Montage einer Solaranlage auf einem Hausdach - aber lieber mieten statt kaufen? Bildrechte: IMAGO / Rolf Poss

Hohe Nachfrage nach Photovoltaik

Photovoltaik-Anlagen boomen aktuell, die hohe Nachfrage lässt die Preise steigen, in China stockt mitunter der Export der Komponenten und "Bückware" wie Leiterplatten oder Chips sind auch in den Wechselrichtern oder Speichern verbaut. Alles das zusammen genommen, macht eine Anlage derzeit preislich und terminlich schwer planbar.

Hinzu kommt, dass es keine einfachen Antworten darauf gibt, unter welchen Bedingungen sich Mietanlagen rechnen. Solche einfachen Antworten liefern aber die Anbieter von Mietanlagen gern und zwar auf schicken Folien, die man zum Durchklicken bekommt. Das ist auch verbunden mit einem gewissen Druck, man müsse sich schnell entscheiden, denn dieses überaus günstige Angebot sei nicht lange zu halten.

Lassen Sie sich auf keinen Fall zeitlich unter Druck setzen und vergleichen Sie immer mehrere Angebote

Sören Demandt, Experte für Photovoltaik der Verbraucherzentrale NRW

An dieser Stelle kommt ganz klar der warnende Zeigefinger der Verbraucherschützer. "Lassen Sie sich auf keinen Fall zeitlich unter Druck setzen und vergleichen Sie immer mehrere Angebote," sagt Sören Demandt, Experte für Photovoltaik bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (NRW).

Die richtige Anlagengröße finden

Hinzu kommt: Schon mit einer falschen Dimensionierung der Anlage kann man richtig viel Geld versenken. Denn die Leistung der Module, die Größe und Ausrichtung der Dachfläche sowie Lage, Eigenverbrauch und Speicherkapazitäten müssen über die nächsten 15 oder 20 Jahre zusammenpassen.

Werfen Sie daher zuerst einen Blick auf den Thüringer Solarrechner, der von der Thüringer Energieagentur bereitgestellt wird. Die Verbraucherzentrale NRW hat Informationsmaterial zu den Mietangeboten zusammengestellt, auf dieser Seite soll in Kürze ein Rechner zur Verfügung stehen, der Mietmodelle und Kaufmodelle vergleicht.

Wie viel Speicher ist nötig?

Wer perspektivisch mit einem oder gar zwei Elektroautos plant und dazu vielleicht noch E-Bikes laden möchte, wird bei einem normalen Einfamilienhaus mit Eigennutzung kaum Strom übrig haben, der in einen Speicher fließen könnte. Somit stellt sich schon einmal die Frage, ob ein kostenintensiver Stromspeicher überhaupt notwendig ist. Auch hier hilft der Solarrechner Thüringen sehr bei der Entscheidung.

Monteure und Dachklempner bringen 2008 Photovoltaikmodule an einem Gebäude an. 21 min
Bildrechte: dpa
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Sören Demandt ist Experte für Solaranlagen bei der Verbraucherzentrale und hat die Kosten von Miet- und Kauf-Angeboten für Photovoltaikanlagen miteinander verglichen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 31.05.2022 17:10Uhr 21:29 min

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Viele unbekannte Variablen

Und was ist, wenn sich die eigenen Nutzungsgewohnheiten ändern? Kann ein Speicher auch nachgerüstet werden? Hinzu kommen diverse Unbekannte wie Strompreisentwicklung oder Einspeisevergütung, die die Anbieter von Mietanlagen bei der Wirtschaftlichkeit gern schön rechnen.

Welche Zahlen werden in die Berechnung einbezogen?

In eine Berechnung von Ertrag und Kosten zum Beispiel für 20 Jahre Miete sollten immer nur die Zahlen dieser 20 Jahre einfließen, so die Verbraucherzentrale. In der Regel geht nämlich nach dem Mietvertrag die Anlage in das Eigentum des Hausbesitzers über.

Anbieter suggerieren gern, dass die Strompreise weiter künftig sehr stark steigen werden, dadurch erscheint eine Anlage wirtschaftlicher, als sie ist

Sören Demandt, Experte für Photovoltaik der Verbraucherzentrale NRW

Dass anschließend keine Mietzahlungen mehr fällig werden, wird gern in die Wirtschaftlichkeitsrechnung mit einbezogen. Dass aber bei einer dann 20-jährigen Anlage auch die eine oder andere teure Reparatur nötig sein wird, wird hingegen häufig außen vor gelassen.

Steigen die Energiekosten weiter oder nicht?

"Anbieter suggerieren gern, dass die Strompreise weiter künftig sehr stark steigen werden, dadurch erscheint eine Anlage wirtschaftlicher, als sie ist", so Sören Demandt.

Natürlich hatten wir gerade einen sehr starken Anstieg der Energiekosten, aber das hatte auch Ursachen, die sich in hoffentlich naher Zukunft erledigen. Diesen Kostensprung quasi linear in die Zukunft zu verlängern, ist also sehr spekulativ. Eine Anlage, die sich schon mit den aktuellen Strompreisen rechnet, ist also eindeutig ein Pluspunkt.

An wen richten sich die Angebote für Mietanlagen?

In der Regel interessieren sich Menschen für die Mietvariante, die zwar ein Eigenheim besitzen, nicht aber die finanziellen Mittel für eine Photovoltaik-Anlage. Auch locken die Angebote damit, viele Wege und Überlegungen abzunehmen: von der Dimensionierung über die Anträge, die Suche nach dem Anlagentyp, der Speicherart, dem Installationsbetrieb, der Versicherung, dem Wartungsbetrieb ...

Solarthermieanlage auf einem Hausdach
Mietanlagen richten sich meist an Eigenheimbesitzer, denen das Kleingeld für die Finanzierung einer Photovoltaik-Anlage fehlt. Bildrechte: imago/Westend61

Deshalb suggerieren viele Angebote: Sie zahlen ab dem ersten Monat schon weniger als für ihren Strom und haben gar keinen Aufwand. Nun mag es vielleicht Konstellationen geben, bei denen das funktioniert, aber bisher haben die Verbraucherschützer diese noch nicht gefunden.

Kreditfinanzierung als Alternative zur Miete

Nach ihren Berechnungen liegen die Gesamtpreise über den Mietzeitraum gerechnet durchaus bei Faktor zwei bis drei liegen im Vergleich zu einer gekauften Anlage. Die Alternative zur Miete ist auch immer noch eine Finanzierung. Die KfW bietet mit dem Kredit 270 ein durchaus günstiges Programm an.

Wichtig ist auch: Wer glaubt, mit der Miete eine einfache, arbeitsparende Lösung gefunden zu haben, der wird spätestens eines Besseren belehrt, wenn er den Entwurf des Mietvertrags in den Händen hält. Diese Verträge umfassen gut und gern 50 bis 70 Seiten und der Teufel steckt wie so oft im Detail.

Ein Vertrag wird unterschrieben
Beim Lesen des Vetrags gilt: Aufmerksam sein. Bildrechte: colourbox

Zahle ich wirklich nur die Miete?

Zwar sind die regelmäßigen monatlichen Mietzahlungen auf den ersten Blick tatsächlich die einzigen Kosten, die anfallen. Nur verweist Sören Demandt darauf, dass in vielen Verträgen steht, dass Kleinreparaturen - zum Beispiel bis 100 Euro - stets vom Mieter zu übernehmen sind. Auch sollte man sehr genau schauen, zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Bedingungen Elemente der Anlage ersetzt werden.

So wird der Speicher die 20 Mietjahre auf keinen Fall mit voller Kapazität durchhalten und es sich wird in dieser Zeit technologisch einiges tun. Wann genau ist der Vermieter verpflichtet, den Speicher zu ersetzen und welches Gerät wird das dann sein?

An einem Modell ist eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach eines Hauses zu sehen.
Die Miete einer Anlage kann auch steuerliche Folgen nach sich ziehen. Bildrechte: dpa

Wichtig ist auch, dass man als Mieter auch der Betreiber der Anlage ist und damit unter Umständen zum Unternehmer wird, was steuerliche Folgen hat. Dazu zählt auch die Frage nach dem Umgang mit der Umsatzsteuer, die bei einem Kauf und der Anfangsinvestition bekanntlich mit 19 Prozent zu Buche schlägt. Diese als Vorsteuer abziehen zu können, ist eine nette Finanzspritze, die sich aber schon nach wenigen Jahren ins Negative kehren könnte. Betrachten Sie daher ihre steuerliche Gesamtsituation bevor Sie sich für eine Anlage und damit für ein Finanzierungsmodell entscheiden.

Was passiert bei einem Hausverkauf?

Dass eine Solaranlage auf dem Dach den Hauswert erhöht, ist durchaus plausibel. Nur stellt sich die Frage, wie Kaufinteressenten reagieren, die ein Haus kaufen wollen, dessen Dachbedeckung sie zusätzlich mieten müssen. Vor allem, wenn die Anlage nach zum Beispiel zehn Jahren technologisch schon veraltet ist.

Fakt ist, dass die Mietverträge in der Regel die Übernahme des Vertrages durch den nächsten Hauseigentümer einschließen. Zwar ist oft ein Herauskaufen der Anlage aus dem Mietvertrag möglich, aber das ist finanziell auch kein gutes Geschäft – außer für den Vermieter. Deshalb gilt wie bei allen größeren Investitionen der oberste Leitsatz der Verbraucherschützer: Immer mehrere Angebote vergleichen und sich niemals von bunten Grafiken blenden lassen.

"Tendenziell ist es so, dass Mietanlagen so teuer sind, dass sie nicht wirtschaftlich zu betreiben sind", resümiert Sören Demandt.

MDR (thk)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 31. Mai 2022 | 17:10 Uhr

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