Corona Der Stresstest für Paare

Die einen schweißt es zusammen, bei den anderen fliegen die Fetzen: Die Corona-Zeit ist oft eine enorme Belastungsprobe für Beziehungen. Wie können Paare solche Krisen als Chance nutzen? Verhaltenstherapeutin Beverly Jahn aus Leipzig hat die Auswirkungen dieser Krise täglich in ihrer Praxis und erklärt, wie aus einer Krise eine Chance wird.

Eine Grafik zum Thema Stress
Bildrechte: Panthermedia
Eine Grafik zum Thema Stress
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Menschen auf engen Raum geraten schneller unter Stress. Aber auch Monotonie ist ein oft vergessener Stressor! Beides verdichtete sich in der Coronakrisenzeit zu einem explosiven Cocktail. Auch wenn es überdehnt erscheint und fast banal, in Krisen schlummert immer auch eine Chance. Ob wir sie jedoch auffinden und erwecken können, braucht vielfältige Kompetenzen.

Akzeptanz statt Aktionismus!

Eine gute Kommunikation braucht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wertschätzung und Kritik. Und zwar 5:1. Das bedeutet, einer Kritik sollten fünf wertschätzende und zugewandte Bemerkungen gegenüber stehen. Und wir sollten darüber nachdenken: was meinen wir eigentlich GENAU damit, wenn wir sagen: Ich liebe Dich.
Denn diese drei Worte sind eigentlich zu unkonkret.

Ein Paar hält Händchen
Bildrechte: imago images / Westend61

Die Verhaltenstherapeutin Beverly Jahn benutzt das folgende Gedankenbild, um zu illustrieren, wie diese Worte zu Missverständnissen führen können: Ein Paar am Meer bei untergehenden Sonne und vielleicht einer Flasche Wein. Sie flüstern sich die magischen Worte zärtlich zu. Er sagt "ich liebe Dich" und meint damit: "Wie schön, dass Du mir meine Angst vor dem Alleinsein nimmst und sogar das Haus mit abzahlst!". Sie antwortet mit einem gehauchten "ich Dich auch!" und meint: "Du hast immer noch so einen süßen Hintern und ich weiß, wo dieser Abend nachher noch hinführt!". "Ich liebe dich" klingt schön, kann aber für jeden etwas anderes bedeuten. Konkrete Komplimente sind daher besser.

Corona hat unsere Zeitfenster weit geöffnet und uns Ablenkungen genommen. Hier entsteht der Raum für wirklich aufrichtige Gespräche. Wer das nutzen konnte, ist nach der Krise wahrscheinlich stärker verbunden als vor der Krise.
Ist das nicht so ganz gelungen, dann sollten wir nicht bis zum nächsten Lockdown warten, um WIRKLICH miteinander ins Gespräch zu kommen.

Stress im Anmarsch? Abstand herstellen! Emotional abkühlen!

Im Stress geraten wir in einen Wahrnehmungstunnel und neigen zur Verzerrung und Fehleinschätzung dessen, was wir hören und sehen. Wir hören dann, was der Andere gar nicht sagt.

Ein Beispiel für verzerrte Wahrnehmung:

Welche Tischfläche ist größer? Die Rechte oder die Linke? Die verblüffende Antwort: keine von beiden. Sie sind genau gleich groß.

Tische
Bildrechte: MDR / Beverly Jahn

In der menschlichen Wahrnehmung und Kommunikation haben wir aber noch ein zusätzliches Problem: Wir können die "Kantenlängen" der gesprochenen Worte nicht objektiv nachmessen. Wir sind nicht in der Lage, eine Wahrheit herzustellen, denn jeder Mensch schafft sich seine eigene Wirklichkeit.

Hier kommt Wahrnehmung eben nicht von wahr! Das bedeutet, dass wir in hitzigen Momenten, in verdichteten Lebenssituationen keine realistischen Einschätzungen vornehmen können und das auch nicht erwarten sollten.

Sich darüber klar zu werden, was wirklich wichtig ist im Leben, das Wollen vom Brauchen zu unterscheiden, erfordert Nachdenken (nicht Grübeln!).

Beverly Jahn Verhaltenstherapeutin aus Leipzig
Streitendes Paar
Bildrechte: colourbox

Das funktioniert leider nicht ganz so gut in hitzigen Diskussionen, wenn die Emotionen die Themen befeuern. Wut macht blind! Angst lässt uns starr werden! Unser Gehirn wird überflutet von Stress, der die Verbindung zum vernünftigen Denken kappt. Also erstmal wieder einen kühlen Kopf bekommen, nichts entscheiden, sondern Abstand herstellen, zum Thema und manchmal auch zum Partner. Aus der Situation rausgehen und sich die Zeit nehmen, seine Gedanken und Gefühle noch einmal wahrzunehmen.

Embodiment: mit dem Körper die Gefühle beeinflussen und umgekehrt

Wir haben quasi zwei Zugangswege, unser Denken oder unseren Geist zu beeinflussen. Einmal durch unseren Verstand, aber auch durch unseren Körper. Leider haben wir oft verlernt, unseren Körper richtig zu gebrauchen, z.B. um Emotionen zu regulieren.

Wütender Jugendlicher
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Beispiel Wut:
Sich auf den Atem zu konzentrieren und das Ausatmen zu betonen, lässt Dampf ab. Das lockert aber auch die Bauchdecke. Denn eine angespannte Bauchdecke bedient sozusagen die Standleitung zwischen Bauchgehirn (enterisches Nervensystem) und den Stresszentren im Kopf. Frei nach:
Bauchdecke an Emotionszentrale: Alarm! Fertig machen zum Angriff! Oder zur Flucht! Je nach Einschätzung unserer Möglichkeiten.
Also Bauch locker und die Arme ausschütteln, wenn in einem die Wut hochzukochen droht. Warum das? Weil jedes Gefühl mit einem ganz bestimmten Spannungsmuster im Körper verbunden ist, auch mit einer bestimmten Haltung und einer spezifischen Atemfrequenz, manchmal auch mit einer Blickrichtung.

Mit dem Körper raus aus der Wut heißt:

  • Bauchdecke locker machen
  • Hände öffnen (in der Wut will die Hand nämlich zur Faust werden!)
  • Arme ausschütteln
  • Blick in die Ferne richten und hin- und her schweifen lassen
  • Auf zwei Zeiten einatmen und auf vier wieder aus.

Wenn das nicht rechtzeitig gelingt, dann droht der Tunnelblick. Denn wer im Stress ist, nimmt die Wirklichkeit noch verzerrter wahr, als bei ausgeglichener Stimmung. Dann wird das Mausebärchen zum Giftzwerg und der edelste Prinz zum zerfiederten Knurrhahn. Wir werden hässlich durch den Hass, weiß unsere Sprache! Dann höre ich, was Du nicht sagst. Und höre keinesfalls mehr wirklich zu!

Tipp: Beratung Die Coronazeit hat Gewissheiten infrage gestellt. Langjährige Beziehungen und sicher geglaubte Ehen waren und sind großen Belastungen ausgesetzt. Wer in dieser Zeit Gewalt, physische oder psychische, erfahren hat, sollte sich unbedingt bei einem Frauenhaus oder einer Beratungsstelle melden.
Manche Beziehung ist trotz größter Anstrengung und guten Willens doch unwiederbringlich zerbrochen. Auch in dieser schmerzlichen Zeit kann es hilfreich sein, eine Paarberatung aufzusuchen. Diese Beratungen dienen nicht nur dazu, Beziehungen wieder zu stabilisieren. Sie können auch dabei helfen, sich im Guten zu trennen und Probleme zu lösen.

Quelle: MDR um 4

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