Tricks bei der Energieanbieter-Suche Vergleichsportale verstecken günstigste Tarife

Die Kündigung des Strom- oder Gasvertrages durch den Lieferanten ist aktuell für viele Haushalte eine böse Überraschung. Das zwingt die Betroffenen, einen neuen Anbieter zu suchen. In der Werbung bieten Tarifvergleichsportale ihre Hilfe an. Doch die zeigen die derzeit teilweise günstigen Tarife der Stadtwerke in den Rankinglisten nicht oder nicht ohne weiteres an.

Ein Stromzähler zeigt die verbrauchten Kilowattstunden an
Damit der angezeigte Verbrauch auf dem Stromzähler nicht zu teuer wird, muss man bei der Suche nach günstigen Angeboten die richtigen Tricks kennen. Bildrechte: dpa

Günstige Stadtwerke-Tarife nicht im Ranking

Die beiden aus der TV-Werbung bekannten Tarifvergleichsportale für Gas und Strom Verivox und Check24 zeigen bei der Nutzung der Standardeinstellungen im Ranking nicht immer die günstigsten Tarife an. Das ist der Fall, wenn diese von den örtlichen Stadtwerken angeboten werden. Das ergab die Auswertung einer Stichprobe der MDR-Wirtschaftsreaktion (Stand: 11.1.2022). Dabei wurde nach den günstigsten Gas- und Stromtarifen für die jeweils drei größten Städte in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen gesucht. Demnach erscheinen die besten Preise der lokalen Versorger beim Strom in sechs von neun Orten nicht im Ranking, beim Gas in fünf von neun Städten. Das war sowohl bei Check24 als auch bei Verivox der Fall.

"Vergleichstarif"-Anzeige nur ein Feigenblatt

Viele Tarife der Stadtwerke liegen den Vergleichsportalen vor und könnten im Ranking angezeigt werden.

Screenshot Verivox
Bei Verivox erscheint ein Stadtwerke-Tarif links neben dem Ranking der verglichenen Tarife. Bildrechte: MDR

Das zeigt die Antwort beider Betreiber auf den Vorwurf, die Stadwerketarife zu unterschlagen. Diese Tarife seien zwar nicht im Ranking mit den Standardsucheinstellungen zu finden, jedoch in der Anzeige des "Vergleichstarifs" am Rand der Angebotslisten, heißt es. Dieser ist für den Laien aber nicht als mögliche Wechseloption zu erkennen. Zudem tummelt sich im Umfeld auch viel Werbung, die macht es noch unübersichtlicher. Das kritisiert auch die Stiftung Warentest in der "Test"-Ausgabe vom Dezember 2021.

Mit Tricks alle Tarife anzeigen lassen

Nur wer die Tricks kennt, findet auch Stadtwerke-Tarife im Ranking. Das verrät Check24-Pressesprecher Edgar Kirk.

Trick beim Suchen auf Check24
Die Stadtwerketarife werden im Ranking (orange) angezeigt, wenn man "Alle Tarife" wählt und bei "aktueller Tarif" (rot) keinen Stadtwerketarif auswählt. Bildrechte: MDR/Check24.de

Dazu muss man tief in die Filtereinstellungen der Suchoptionen einsteigen. Laut Kirk werden alle Check24 bekannten Tarife des lokalen Versorgers im Ranking angezeigt, wenn man bei den Such-Einstellungen "Alle Tarife" und als "Vergleichstarif" keinen Tarif der Stadtwerke auswählt. Bei Verivox muss man über "weitere Filtereinstellungen" gehen und dann das Häkchen bei "direkte Wechselmöglichkeit" herausnehmen. Dann werden nämlich auch die Tarife von den Anbietern angezeigt, mit denen die Portale keinen Vertriebsvertrag haben - und keine Wechselprovision kassieren.

Ein batteriebetriebener Linienbus. 89 min
Ein batteriebetriebener Linienbus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Portale zeigen zuerst nur provisionsbringende Angebote

Mit den voreingestellten Suchoptionen bekommt die Kundschaft demnach nur Tarife angezeigt, für die Verivox und Check24 einen Maklervertrag haben und bei denen sie mitverdienen.

Mitarbeiter sitzen am 09.12.2015 in der Zentrale des Vergleichsportals Check24 in München
Vergleichsportale wie Check24 bieten zuerst Produkte an, bei denen sie auch verdienen. Bildrechte: dpa

Daraus machen weder Verivox noch Check24 einen Hehl. "Wir wünschen uns mit allen Energieanbietern Vertriebsverträge. Das ist aber nicht der Fall. Wir können niemanden zwingen", sagt Check24-Sprecher Edgar Kirk. Damit schieben die Portalbetreiber bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum werden die Stadtwerketarife nicht angezeigt, den Schwarzen Peter an die lokalen Versorger.

Trotz Vertriebsvertrag derzeit keine Angebote

Auf Seiten der Stadtwerke ist das Interesse an der Kundenvermittlung über die Vergleichsportale sehr unterschiedlich. Das ergab eine Umfrage der MDR-Wirtschaftsredaktion unter den neun lokalen Versorgern aus ihrer Stichprobe.

 Schornstein des Heizkraftwerks Chemnitz auf dem Gelände des Energieversorgers Eins Energie
Die Chemnitzer Stadtwerke Eins Energie vertreiben Strom und Gas auch über Vergleichsportale, haben derzeit aber keine Angebote. Bildrechte: dpa

Nach Auskunft von Eins Energie in Chemnitz und DREWAG/Sachsen Energie in Dresden haben die beiden einen Vertriebsvertrag mit den Vergleichportalen. Wegen der aktuell unüberschaubaren Marktsituation würden derzeit bis auf weiteres keine Sondertarife angeboten – weder auf den Vergleichsportalen noch auf den eigenen Internetseiten. Die Stadtwerke Magdeburg und Erfurt hatten nach eigenen Angaben in der Vergangeneheit Vertriebsverträge mit den Portalen. Das lohne sich aber nur, wenn die Provision im richtigen Verhältnis zu erzielbaren Margen steht, erklärt ein Sprecher der Stadtwerke Erfurt. Ähnlich argumentiert seine Kollegin aus Magdeburg.

Stadtwerke: Verzicht auf Dauerwechsler

Fünf der neun befragten Stadtwerke haben keinen Vertriebsvertrag: Gera, Dessau, Jena, Halle und Leipzig. Nach eigener Auskunft legen die drei letzteren Wert auf langfristige Kundenbeziehungen.

Gebäude der Stadtwerke Leipzig
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach ihrer Erfahrung kämen von den Portalen vor allem Kunden, die den Energieversorger regelmäßig wechseln. Der Pressesprecher der Leipziger Stadtwerke sagte: "Wir legen Wert auf langjährige Kundenbeziehungen. Wir wollen mit unseren klassischen Stadtwerkeprodukten der L-Marke nicht unbedingt die billigsten sein. Wir wollen unseren Kunden mehr bieten, wie zum Beispiel Service." Anders verhalte es sich mit der Discountmarke "Brillant Energie" der neuen Stadtwerke-Vertriebstochter. Hier würden die Leipziger Stadtwerke eine andere Strategie verfolgen: "In diesem Fall bieten wir nur Strom oder Gas und einen Onlineservice an. Hier verkaufen wir nur über Preis." Deshalb gibt es Kooperationsverträge und sind diese Tarife auch in den Rankings der Vergleichsportale zu finden.

Grundversorgungstarif - teilweise sehr günstig, aber ohne Preisgarantie Die aktuelle MDR-Stichprobe zeigte, dass Grundversorgungstarife am preiswertesten sein können. Bislang galten sie als vergleichsweise teuer. Sowohl beim Gas als auch beim Strom hatte in Magdeburg und Erfurt der Grundversorgungstarif den besten Preis (Stand: 11.1.2022). Auch wenn der Preis eines Grundversorgungstarifs aktuell sehr günstig ist, sollte man nicht vorschnell einen Vertrag schließen. Sie haben einen Nachteil: Im Vergleich zu den Sondertarifen fehlt eine Preisgarantie. Das heißt, die Stadtwerke können jederzeit den Preis ändern. Passiert das, können Verbraucherinnen und Verbraucher den Grundversorgungstarif mit einer Frist von zwei Wochen kündigen – und wechseln. Das sollte man jedoch erst dann tun, wenn in den Medien wieder über sinkende Energiepreise berichtet wird.

So finden Sie den günstigsten Tarif

  • Begnügen Sie sich nicht mit den Ergebnissen nur eines Vergleichsportals. Einige vermitteln teilweise exklusive Tarife. Nutzen Sie daher mehrere Portale. Neben den Marktführern Check24 und Verivox verweist die Stiftung Warentest in ihrem aktuellen Test auf energieverbraucherportal.de und finanztip.de.
  • Variieren Sie bei den Voreinstellungen und wählen Sie - falls vorhanden - auch die Filteroption "Alle Tarife" aus oder "Direkte Wechselmöglichkeit" ab. So werden Ihnen auch Angebote angezeigt, die nicht direkt über das Portal abgeschlossen werden können.
  • Verlassen Sie sich nicht nur auf die Angaben in den Vergleichsportalen. Aktuell lohnt sich auch ein Blick auf die Internetseite des lokalen Versorgers. In den Tarifrechnern werden in der Regel nur Sondertarife angezeigt. Angaben zu den Grundversorgungstarifen suchen Sie mit dem Begriffen "Preisblatt" und "Grundversorgung". Werden Sie nicht fündig, rufen Sie die Kundenhotline an und erkundigen sich dort. In der Regel werden Ihnen dort Arbeitspreis und Grundpreis genannt. Ihre Energiekosten errechnen sich wie folgt: Arbeitspreis in Euro je Kilowattstunde x Verbrauch in Kilowattstunde + Grundpreis pro Jahr in Euro = Energiekosten pro Jahr.
  • Nehmen Sie nicht einfach den günstigsten Preis, sondern den mit den besten Kundenbewertungen, einer hohen Ersparnis und – wenn sie regelmäßig wechseln wollen – einem hohen Sofortbonus. Aktuell spielen Boni aber eher eine untergeordnete Rolle. Die Vertragslaufzeit und die Preisgarantie sollten mindestens 12 Monate betragen. Die Preisgarantie schützt Sie vor einer Preiserhöhung aufgrund gestiegener Beschaffungskosten beim Versorger. Staatlich veranlasste Steuern und Abgaben können trotzdem zu einer Erhöhung führen.

Quelle: MDR UMSCHAU

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 11. Januar 2022 | 20:15 Uhr

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