Renteneintritt Früher in Rente: Wie das geht und ob es sich rechnet

Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip
Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip Bildrechte: Finanztip

Im Wahlkampf ist die Rente ein wichtiges Thema – über das man sich Gedanken machen sollte, auch wenn es noch dauert bis zum Ruhestand. Wer nicht bis zuletzt arbeiten will, sollte sich Zeit für die Planung nehmen, für einen Kassensturz und zum Nachrechnen. Denn die gesetzliche Rentenversicherung zieht für jeden Monat Geld ab, wenn man in Frührente geht. Mit welchen Einbußen zukünftige Rentnerinnen und Rentner rechnen müssen und wie das auszugleichen ist, weiß Finanzexperte Hermann Josef-Tenhagen.

Die Rente ist eins der großen Themen im aktuellen Wahlkampf. Dabei geht es um genau die Fragen, die uns wirklich interessieren: Ab wann, wie viel, wie sicher – und was müssen wir tun? Von Linkspartei bis FDP haben die Parteien sehr unterschiedliche Konzepte vorgelegt. Vorweg: Niemand will bis 68 arbeiten lassen. Jedenfalls nach dem Programm.

Die Linkspartei will aber die Rente für alle schon mit 65 ermöglichen, auch mit mehr Geld. Dafür sollen auch Beamte und Selbstständige einzahlen und auch Arbeitnehmer und Arbeitgeber ein bisschen mehr. Die FDP will eine Aktienrente nach skandinavischem Vorbild einführen – aus einem Teil des Geldes, das bislang in die gesetzliche Rente eingezahlt wird. Die anderen Parteien liegen dazwischen. Gesetzliche Rente soll es mindestens auf dem aktuellen Niveau geben bei SPD und Grünen, ebenso bei der Union.

Rente frühestens mit 63

Symbolbild mit Spielfiguren und Geldmünzen: Rente mit 63
Ab 63 Jahren kann eine gesetzliche Rente bezogen werden. Bildrechte: imago/Christian Ohde

Eine gesetzliche Rente können Sie frühestens ab 63 Jahren beziehen. Vorher gibt es keine gesetzliche Rente, es sei denn, Sie sind Bergmann, dann gibt es die Rente schon ab 62. Oder Sie sind krank und deswegen erwerbsgemindert. Dann können Sie schon vorher eine Erwerbsminderungsrente beziehen.

Der Standard ist aber heute, dass Sie mit mehr als 66 Jahren in Rente gehen. Das ist die Regelaltersrente für alle, die heute in Rente gehen. Wenn Sie früher gehen wollen, können Sie das tun, dann zieht die Rentenversicherung aber etwas von der schon erarbeiteten Rente ab.

Eher in Rente – Diese Fragen sollte man sich stellen:

  1. Ab wann kann ich in Rente gehen?
  2. Ab wann kann ich ohne Abschläge bei der gesetzlichen Rente in Ruhestand gehen?
  3. Wie hoch ist eigentlich die gesetzliche Rente, die mich dann erwartet?
  4. Und was kann ich zusätzlich tun, damit ich im Alter am Buffet sitzen kann – und nicht von Nudeln und Tütensuppe aus dem Supermarkt leben muss?

So wird gerechnet – ein Beispiel

Kleingeld
Zeit, einen Kassensturz zu machen. Bildrechte: Colourbox.de

Sie haben sich mit 63 Jahren 1.200 Euro Rente erarbeitet und in den letzten Jahren immer durchschnittlich verdient. Wenn Sie jetzt schon in Rente gehen wollen und nicht erst zur regulären Altersgrenze mit 66, zieht Ihnen die Rentenversicherung drei mal 3,6 Prozent von der monatlichen Rente ab. Also 10,8 Prozent, das sind 130 Euro – und zwar lebenslang.

Das wird jetzt eine Frage der Lebensplanung: Was haben Sie dann vor? Aber natürlich ist es auch eine wirtschaftliche Frage. Dafür sollten Sie zwei Überlegungen anstellen. Zum einen: Kann ich mir das monatlich leisten, komme ich mit den 1.070 Euro Rente aus? Davon muss ich schließlich auch noch Krankenkasse und Pflegeversicherung bezahlen.

Zum anderen: Wie alt werde ich eigentlich? Wenn ich krank bin und damit rechne, nur 75 Jahre alt zu werden, und ich komme mit den 1.070 Euro Rente aus, ist das eine prima Idee. Ich bekomme nämlich vom 63. bis zum 75. Geburtstag zwölf Jahre lang erst mal 1.070 Euro Rente im Monat. Würde ich bis 66 durcharbeiten, bekäme ich neun Jahre lang mindestens 1.200 Euro. Aber da ich nach dem 63. Geburtstag noch drei Jahre arbeite und einzahle, wären es sogar 100 Euro mehr – also 1.300 Euro im Monat. Trotzdem zahlt die Rentenversicherung bis 75 insgesamt nur 140.400 Euro aus – statt 154.080 Euro im vorgezogenen Rentenmodell.

Ganz anders sieht die Rechnung wirtschaftlich aus, wenn ich 85 Jahre alt werde: 22 Jahre lang 1.070 Euro im Monat ergeben 282.480 Euro. 19 Jahre lang 1.300 Euro im Monat ergeben schon 296.400 Euro. Ihre Rechnung: Ich bekomme zwar immer noch drei Jahre kürzer Rente, aber ich bekommen deutlich mehr Geld heraus.

Außerdem: Wenn Sie 45 Jahre Beiträge für die Rente gezahlt haben, können Sie zwei Jahre früher in Rente gehen. Aktuell also mit 64 statt mit 66 Jahren, und das ohne Abzüge.

Wie funktioniert das Punktesystem?

Symbolbild Erben
Wie viel Geld im Alter übrig bleibt – das berechnet sich bei der gesetzlichen Rente über ein Punktesystem. Bildrechte: imago/blickwinkel

Die gesetzliche Rente berechnet sich nach einem Punktsystem. Je mehr Sie einzahlen im Erwerbsleben, desto mehr Punkte bekommen Sie und am Ende auch mehr monatliche Rente. Ob Sie insgesamt mehr Rente bekommen, hängt dann natürlich davon ab, wie lange sie leben. Um einen solchen Rentenpunkt zu bekommen, müssen Ihr Arbeitgeber und Sie die fälligen Beiträge für ein Durchschnittseinkommen einzahlen.

Das Durchschnittseinkommen, von dem die Rentenversicherung ausgeht, beträgt im Osten aktuell knapp 3.280 Euro brutto im Monat (inkl. Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld und möglicher Zuschläge). Eine Rentenpunkt ist im Westen aktuell 34,19 Euro wert und im Osten 33,47 Euro. Die Unterschiede waren früher größer, sollen aber demnächst völlig verschwinden.

Weniger Arbeit, weniger Rentenpunkte

Eine Seniorin haelt Geldscheine in ihrer Hand.
Nicht nur längere Arbeitslosigkeit bedeutet weniger Rente im Alter. Bildrechte: MDR/imago/epd

Wer weniger verdient, kürzer arbeitet, Teilzeit arbeitet oder gearbeitet hat, womöglich länger arbeitslos war, bekommt jedes Mal dafür auch weniger Rente – ein großes Problem. Wer zum Beispiel Vollzeit zum Mindestlohn arbeitet, bekommt knapp 1.700 Euro Bruttogehalt, etwas mehr als die Hälfte des Durchschnitts. Beim Einzahlen erwirbt er pro Jahr einen guten halben Rentenpunkt, im Osten 17 Euro wert. Nach 45 Jahren Vollzeitarbeit bekäme er oder sie 765 Euro Rente. Der Hartz-IV-Satz beispielsweise in Leipzig beträgt für einen Single aktuell 781,38 Euro.

Wenn Sie jetzt schon absehen können, dass Sie mit Ihrer gesetzlichen Rente so nicht auskommen können, sind sie nicht allein. Im Prinzip können Sie zusätzlich eine Betriebsrente abschließen, einen Riester-Vertrag, einen Rürup-Vertrag oder einfach sparen zum Beispiel mit einem ETF-Fondssparplan.  

Rentenerhöhung selbst gemacht

Außerdem Sie können mit der gesetzlichen Rentenversicherung etwas tricksen. Sie können nämlich der Rentenversicherung jetzt erklären, Sie wollen früher in Rente. Dann rechnet Ihnen die Rentenversicherung die Rentenbezüge aus. Dann können Sie etwa ab dem 50. Geburtstag zusätzliches Geld in die Rentenversicherung einzahlen, um diese Abzüge auszugleichen. Wenn Sie dann doch nicht früher in Rente gehen, sondern weiterarbeiten, erhöht sich dadurch Ihre Rente ein ganzes Stück. So oder so: Fangen Sie jetzt mit dem Planen an.

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Quelle: MDR um 4

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 07. September 2021 | 17:00 Uhr

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