Finanzexperte über das Ampel-Jahr Wo es 2022 mehr Geld für Privathaushalte gibt – und wo es teuer wird

Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip
Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip Bildrechte: Finanztip

Der erste Jahresbeginn unter einer Ampel-Regierung bringt 2022 viel Neues mit sich, wie einen steigenden Mindestlohn und mehr Geld für Auszubildende. Ein Plus geben soll es zudem für Alleinerziehende, Rentnerinnen, Rentner und bei den Pflegekosten stehen Entlastungen an. Teuer wird es hingegen für Millionen AOK-Versicherte, auch startet das neue Jahr mit hohen Preisen für Heizöl, Strom und Benzin. Gespart werden kann trotzdem, etwa durch Anbieterwechsel oder vorausschauendes Tanken.

Das erste komplette Ampel-Jahr 2022 wird für die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland von höheren Einkommen für kleine Leute und höheren Kosten für Energie geprägt sein. Beides zeigt sich in Ostdeutschland besonders ausgeprägt. Dabei ist die Zahl der Menschen mit niedrigen Einkommen, die von höheren Mindestlöhnen profitieren, besonders hoch. Hier sind aber auch die Wege zur Arbeit, die mit höheren Spritkosten verbunden sind, oft besonders lang.

Mindestlohn und Vergütung für Auszubildende

Auszubildender beim Schweißen
Der Mindestlohn steigt und auch Auszubildende bekommen mehr Geld. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zum 1. Januar ist der Mindestlohn von 9,60 Euro auf 9,82 Euro pro Stunde gestiegen. Und zum 1. Juli soll es ein weiteres Plus geben: 10,45 Euro pro Stunden stehen schon fest. Wenn Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) nicht bis dahin schon das wichtigste Wahlkampfversprechen der neuen Koalition erfüllen kann: ein Gesetz über einen Mindestlohn von zwölf Euro pro Stunde. Bis zu zehn Millionen Menschen könnten davon profitieren.

Deutlich mehr Geld gibt es auch für viele Auszubildende. Die gesetzliche Mindestvergütung für Auszubildende steigt von 550 auf 585 Euro im Monat. Im zweiten Lehrjahr liegt sie dann schon bei rund 700 Euro.

Steuerliche Vorteile

Auch die meisten anderen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden mehr Geld in der Tasche haben – aus steuerlichen Gründen. Das liegt hauptsächlich am höheren Grundfreibetrag. Die ersten 9.984 Euro des Jahreseinkommens sind 2022 steuerfrei. Das sind 240 Euro mehr als im vergangenen Jahr.

Eine Frau nimmt von ihrem Wohnzimmer aus an einer Telefonkonferenz teil.
Bis zu 600 Euro können über die Homeoffice-Pauschale getend gemacht werden. Bildrechte: dpa

Auch 2022 können Sie noch weiter von der Homeoffice-Pauschale profitieren. Auch wer kein heimisches Arbeitszimmer hat, kann 2022 weiter für jeden Arbeitstag, den sie ausschließlich im Homeoffice verbringen, fünf Euro Werbungskosten bei der Steuer abziehen, pro Jahr höchstens 600 Euro. Allerdings müssen Sie mit ihren gesamten Werbungskosten über 1.000 Euro kommen, um davon zu profitieren.

Eine letzte Chance für einen Corona-Bonus gibt es 2022 auch noch. Wenn Sie bislang noch keinen Bonus bekommen haben und Sie können ihren Chef oder ihre Chefin überzeugen, ist die Sonderzahlung von bis zu 1.500 Euro steuerfrei. Dafür muss sie aber bis zum 31. März auf Ihrem Konto eingehen.

Alleinerziehende: Es kommt aufs Einkommen an

Alleinerziehender Vater mit zwei Kindern
Bei Alleinerziehenden ist das Einkommen der Knackpunkt. Bildrechte: imago images / Panthermedia

Alleinerziehende haben es nicht leicht. Wenn Sie aber ordentlich verdienen, sehen sie 2022 ein besonders großes Plus auf dem Gehaltskonto. Denn wer sich als Single-Vater oder -Mutter den erhöhten Entlastungsbetrag von 4.008 Euro in den elektronischen Steuerabzugsmerkmalen (ELStAM) eintragen lassen kann, bekommt automatisch mehr Nettolohn.

Bei einem Einkommen zwischen 2.500 und 3.500 Euro im Monat sind es für Alleinerziehende im Jahr 643 bis 760 Euro mehr im ganzen Jahr 2022. Wer supergut verdient, also z. B. 7.500 Euro im Monat, bekommt übers Jahr sogar über 1.300 Euro zusätzlich heraus.

Rente und Betriebsrente

Münzen im Glas mit der Aufschrift "Rente"
Rentenerhöhungen sind im Osten und Westen geplant. Bildrechte: Colourbox.de

Rentnerinnen und Rentner werden im Sommer ein ordentliches Plus auf dem Konto sehen. 2022 wird es nach den bisherigen Planungen eine kräftige Erhöhung von 4,4 Prozent in Westen und rund 5 Prozent im Osten geben.

Einen Extra-Bonus gibt es auch für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die seit langen Jahren selbst in eine Betriebsrente einzahlen. Seit diesem Jahr muss der Chef 15 Prozent dazu tun. Viele Firmen haben das schon lange gemacht, aber so mancher Chef hat sich auch gedrückt. Auch Drückeberger müssen jetzt ran.

Hintergrund:  Wenn Sie selbst in die betriebliche Altersvorsorge einzahlen, spart auch der Chef oder die Chefin Sozialbeiträge. Sogar noch mehr als die 15 Prozent, die jetzt bei der Entgeltumwandlung draufgelegt werden müssten.

Entlastung bei Pflegekosten

Miniatur Figuren aller Altersgruppen stehen auf Münzstapeln
Zum Geld aus der Pflegeversicherung soll es einen Zuschuss geben. Bildrechte: imago/Ralph Peters

Mehr Geld gibt es auch für alle, die unter hohen Pflegekosten ächzen. 2022 gibt es zusätzlich zum normalen Geld aus der Pflegeversicherung einen Zuschuss von 5 Prozent zu den Eigenleistungen, die man für die Pflege selbst bezahlen muss. Diese Eigenleistungen können bis zu 1.000 Euro beragen, dafür gibt es jetzt also 50 Euro Zuschuss.

Sind Sie schon das zweite Jahr in der stationären Pflegeeinrichtung, beträgt der Zuschuss sogar 25 Prozent zu den Pflegekosten, die sie selbst zahlen müssen. In dem Beispiel mit dem 1.000 Euro wären das dann schon 250 Euro im Monat. Für die Kosten von Unterkunft und Logis im Pflegeheim gibt es allerdings keinen Zuschuss.

Gasflamme an einem Gasherd. 7 min
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7 min

Umschau Di 11.01.2022 20:15Uhr 07:08 min

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Video

Sonderkündigungsrecht bei der Krankenkasse

Werbematerial der AOK
AOK-Versicherte müssen 2022 bundesweit mehr für die Krankenkasse zahlen. Bildrechte: dpa

Draufzahlen müssen im ersten Jahr der neuen Ampel-Koalition vor allem die, die bei der AOK versichert sind oder die viel Energie verbrauchen. Sei es für Strom oder Gas oder Heizöl zu Hause. Oder auch für den Sprit, der beim täglichen Weg zur Arbeit verbraucht wird. 

Rund 20 Millionen AOK-Versicherte müssen 2022 bundesweit mehr für die Krankenkasse zahlen. Versicherte in Mitteldeutschland haben allerdings Glück im Unglück. Die AOK plus ist eine der beiden Ortskrankenkassen, die die Beiträge nicht erhöht.

Falls Ihre Kasse den Beitrag erhöht, haben Sie ein Sonderkündigungsrecht. Wenn Sie noch im Januar eine neue Kasse finden, sind Sie ab 1. April dort versichert. Die neue Kasse kümmert sich um die komplette Wechselbürokratie.

Energiepreise auf hohem Niveau

Eine Windenergieanlage steht neben einem Steinkohle-Kraftwerk und Hochspannungsleitungen.
Das neue Jahr beginnt mit hohen Energiekosten. Bildrechte: imago/Jochen Tack

Richtig ins Kontor schlagen 2022 die Preise für Energie. Beim Heizöl haben sich die Preise vom Jahreswechsel 2021 zum Jahreswechsel 2022 von 50 Cent pro Liter auf 80 Cent pro Liter um 60 Prozent zugenommen.

Auch bei Erdgas und Strom gehen die Preise durch die Decke. Wenn Ihr Anbieter Ihnen eine Preiserhöhung schickt, vergleichen Sie den in der Erhöhung genannten Arbeitspreis mit dem günstigsten Arbeitspreis seriöser Anbieter, den Sie aktuell bekommen können. Beziehen Sie dabei auch ihr lokales Stadtwerk mit ein.

Es kann sein, dass Sie trotz der Erhöhung keinen günstigeren Anbieter finden. Dann beißen Sie in den sauren Apfel und akzeptieren für die kommenden zwölf Monate den neuen Preis. Schließen Sie aber keine Verträge für 24 Monate ab. Denn beim Gas könnte es immerhin sein, dass Gazprom nach einer Eröffnung von Nordstream 2 beweisen will, wie hilfreich mehr russische Pipelines sind und der Preis wenigstens zeitweise wieder fällt.

Was tun bei steigenden Heizöl- und Stromkosten?

Ein Stromzähler zeigt die verbrauchten Kilowattstunden an
2023 könnt der Strompreis wieder fallen. Bildrechte: dpa

Gegen das neue Niveau können Sie nichts tun, aber ganz machtlos sind Sie nicht. Auch 2022 können Sie den Anbieter beim Heizöl wechseln. Je nach Händler liegt der Preisunterschied oft bei um 10 Cent pro Liter, macht bei einem 2.000-Liter-Tank 200 Euro. Vergleichen Sie unbedingt.

Beim Strom sollten Sie mit langfristigen Verträgen ohnehin vorsichtig sein. Es ist erklärtes Ziel der neuen Bundesregierung, die Finanzierung der EEG-Umlage über den Strompreis zu beenden. Die beträgt aktuell noch 3,7 Cent je kWh. Die Strompreise könnte also 2023 wieder fallen, aber im ersten Ampel-Jahr ist die Bilanz auch beim Strompreis wahrscheinlich bitter.

Steigende Benzinpreise – und trotzdem sparen?

Genau wie beim Sprit und Heizöl stieg beim Benzin der Preis. Von 1,23 Euro für den Liter E10 im Dezember 2020 auf 1,60 Euro im Dezember 2021. Nach 8 Cent CO2-Abgabe schon im Jahr 2021 steigt diese Abgabe auch 2022 noch einmal um fast 1,5 Cent pro Liter. Die Erhöhung hatte aber schon die Große Koalition 2020 beschlossen.

Beim Benzin liegen die Preisunterschiede zwischen preiswerten und teuren Tankstellen auch oft bei 10 Cent pro Liter – je nach Tageszeit auch bei 15 Cent. Mit einer Tank-App finden Sie die preiswerteste Tankstelle an Ihrer Route zur Arbeit. Und Sie tanken natürlich nie am Montagmorgen und nie an der Autobahn. Dort ist der Sprit schnell 30 Cent teurer als in der benachbarten Stadt. Macht bei einer Tankfüllung glatt 15 Euro.

Spritsparendes Autofahren hilft in solchen Zeiten auch. Mein Lieblingsvideo zeigt einen bayrischen Autofahrer, der sich vom ADAC coachen ließ. Der Testfahrer im Video schafft auf dem Arbeitsweg fast ein Viertel Einsparung – von acht auf knapp über sechs Liter bezogen auf 100 Kilometer. Und er brauchte praktisch die gleiche Zeit für den Weg nach München.

Bonus für E-Autos

Einen unerwarteten Bonus gibt es allerdings für Halterinnen und Halter von reinen Elektro-Autos. Sie können ab 2022 um die 300 Euro im Jahr fürs Stromtanken kassieren. Hintergrund ist die sogenannte Treibhausgasminderungs-Quote: Sie können sich die Emissionen, die Ihr E-Auto gegenüber einem Wagen mit Verbrennungsmotor spart, vom Umweltbundesamt bescheinigen lassen – und diese Bescheinigung an ein Unternehmen verkaufen, das seine Treibhausgas-Emissionen reduzieren muss.

Quelle: MDR um 4

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 11. Januar 2022 | 17:00 Uhr

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