Zins-Zoff Ärger mit Prämiensparverträgen: Was Sie jetzt tun sollten

Banken und Sparkassen haben tausenden Kunden die Prämiensparverträge gekündigt. Enttäuschung, Ärger und Wut hat das bei den Sparerinnen und Sparern hinterlassen. Viele haben sich daraufhin den Klagen der Verbraucherschutzzentralen angeschlossen und gehen gegen das Verhalten der Banken und Sparkassen vor. Welche Alternativen gibt es und wie reagiert man als Sparer richtig, wenn die Kündigung kommt? Antworten von Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen.

Euromünzen auf einem Sparbuch mit dem Schriftzug - Lösungswort.
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Prämiensparer/innen haben viel mehr Zinsen verdient als sie bekommen haben – holen Sie sich ihren Nachschlag

Hunderttausende Sparer in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben in den neunziger und nuller Jahren variable Prämiensparverträge vor allem bei Sparkassen unterschrieben und dann über Jahrzehnte fleißig eingezahlt: Ihre Hoffnung war, eine schöne Rendite ausgezahlt zu bekommen. Doch viele Sparkassen haben Ihren Kunden einen Teil der Zinsen vorenthalten. Das besagt ein Urteil des Bundesgerichtshofs, das die Verbraucherzentrale Sachsen erstritten hat. Die Konsequenz: für Sparer, die den Streit mit ihrer Sparkasse gewagt haben oder noch wagen, gibt es einen ordentlichen Nachschlag. In den Fällen, die die Verbraucherzentrale Sachsen ausgerechnet hat im Schnitt 3.600 Euro.

Worum geht es?

Sparkassenbuch
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Die variablen Prämiensparverträge, um die der Streit geht, haben zwei wichtige Eigenschaften. Sparerinnen und Sparer bekommen zusätzlich zu ihren Zinsen eine jährliche Prämie fürs Sparen die über die Jahre deutlich ansteigt und nach 15 Jahren häufig die Hälfte einer jährlichen Einzahlung als Zuschlag ausmacht. Das machte die Verträge für ausdauernde Sparerinnen und Sparer attraktiv.  Und sorgte dafür, dass Banken und Sparkassen, denen die Verträge zu teuer wurden, seit einigen Jahren versuchen, diese Kunden wieder loszuwerden. Zum Teil haben die Kreditinstitute dabei Recht bekommen, zum Teil aber auch nicht.

Zinsen
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Sparkasse und Kunden hatten damals variable Zinsen vereinbart. Das bedeutet, steigt der Zins am Markt, bekommt auch der Kunde mehr Zinsen, fällt der Zins, bekommt der Kunde weniger Zinsen. Doch statt sich an die Marktbewegung zu halten, haben Sparkassen die Zinsen oft "nach Gutsherrenart" unzureichend angepasst, wie das die Richter des Bundesgerichtshofs bei der Verkündung des Urteils am 6. Oktober formulierten. Was die Richter am Bundesgerichtshof besonders ärgert: Es ist schon mindestens das fünfte Mal seit 2004, dass sie vor allem Sparkassen wegen falscher Zinsberechnungen verurteilt haben. (Hier das Aktenzeichen des ersten Urteils aus dem Jahr 2004: Az. XI ZR 140/03.)

Die Konsequenz: Den Kunden stehen viel mehr Zinsen zu, als ihnen die Kreditinstitute bei der Abrechnung ausgerechnet haben. Die Fehlberechnungen zu Lasten der Kunden sind so verbreitet, dass die Finanzaufsicht BaFin die Kunden aufgefordert hat, sich zur Wehr zu setzen und die Banken angewiesen hat, ihre Kunden über die falschen Berechnungen zu informieren. Das wollen die Banken und Sparkassen nicht und wehren sich gegen die Anordnung vor Gericht.

Was sollten Kunden jetzt tun?

  • Fall 1: Der Prämiensparvertrag läuft noch

Wenn vom Kreditinstitut weiter Zinsen und Prämien gezahlt werden, können die Kunden die weiteren gerichtlichen Auseinandersetzungen abwarten. Das Oberlandesgericht Dresden hat jetzt vom Bundesgerichtshof den Auftrag bekommen, im Verfahren gegen die Sparkasse Leipzig den Referenzzins aus den Daten der Bundesbank zu bestimmen, an dem sich die Sparkassen orientieren sollen.
Wenn der Referenzzinssatz klar ist, sollten Sie ihre Bank auffordern, die Zinsen neu zu berechnen.

Fall 2: Der Sparvertrag bei der Sparkasse wurde gerade frisch gekündigt

Auch hier können Kunden noch abwarten. Ihr Anspruch auf eine Nachzahlung von Zinsen verjährt erst in drei Jahren. Die Frist beginnt am Ende des Jahres, in dem der Sparvertrag gekündigt wurde. Sie können also auf die Entscheidung aus Dresden warten.
Trotzdem sollten Kunden immer auch prüfen, ob die Kündigung selbst überhaupt rechtens war.  In manchen Verträgen sind konkrete Laufzeiten angegeben (manchmal tatsächlich „99 Jahre“). Dann kann nicht einfach gekündigt werden.   

Fall 3: Der Sparvertrag wurde 2018 gekündigt

Wenn Ihr Sparvertrag schon 2018 gekündigt wurde, müssen Kunden jetzt schnell aktiv werden. Sonst verjährt der Anspruch auf die zusätzlichen Zinsen zum Jahresende. Dafür gibt es drei Möglichkeiten:

  1. Es gibt schon eine Musterfeststellungsklage gegen die Sparkasse oder Bank, der sie sich anschließen können.
  2. Sie schalten die Schlichtungsstelle des jeweiligen Bankenverbandes ein, ein Antrag auf Schlichtung hält die Uhr der Verjährung an.
  3. Oder Sie nehmen sich eine Anwältin und klagen das Geld einfach ein.

Meine Kolleginnen bei Finanztip haben sechs Anwaltskanzleien gefunden, die deutschlandweit erfolgreich solche Verfahren führen.

Nur eines sollten Kunden nicht tun. Sparkassen und Banken mit ihren Zinsen davonkommen lassen. Denn das ist genau die Strategie, die in vielen Kreditinstituten derzeit verfolgt wird.

Quelle: MDR um 4

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 26. Oktober 2021 | 17:00 Uhr

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