Umschau-Quicktipp Privatinsolvenz: Was tun, wenn einem die Schulden über den Kopf wachsen?

Wann Sie in Privatinsolvenz gehen sollten

Schulden bei der Bank, Zahlungsschwierigkeiten bei der Miete oder eine Vielzahl unbezahlter Forderungen von Versicherung, Telefongesellschaften oder Internethändlern: Das können Gründe für den Schritt in eine Privatinsolvenz sein. Schließlich bietet dieses Verfahren die Chance, nach maximal sechs Jahren und unter ganz bestimmten Voraussetzungen und Verhaltensweisen von allen Schulden befreit zu sein.

"Grundsätzlich entscheidet jeder für sich selber, wann es soweit ist oder sein sollte, in die Privatinsolvenz zu gehen. Es kann also niemand dazu verpflichtet werden. Kommen Sie jedoch möglichst früh in eine Schuldnerberatung. Am besten schon dann, wenn sich an ihrem Einkommensverhältnissen etwas grundsätzlich negativ ändert. Wenn Sie Ihre Miete nicht bezahlen können oder immer wieder in den Dispo rutschen", rät Andrea Günther von der Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale Sachsen.

Wer in die Privatinsolvenz gehen darf

Das Verbraucherinsolvenzverfahren ist nur für natürliche Personen (Privatpersonen) erlaubt. Ehemals Selbstständige können unter ganz bestimmten Umständen ebenfalls in das vereinfachte Insolvenzverfahren gehen. Für Unternehmen und Selbstständige gilt das Regelinsolvenzverfahren. Bei Unklarheiten lassen Sie sich beraten. Rechtsgrundlage für beide Verfahren ist die Insolvenzordnung.

Wer dabei hilft

Ein erster Ansprechpartner kann eine anerkannte Schuldnerberatung sein. Die Experten dort bereiten mit Ihnen das eigentliche Insolvenzverfahren vor. Aber auch Anwalt, Notar und Steuerberater können Schuldnerberater sein. Wenn das Amtsgericht als Ihr zuständiges Insolvenzgericht dann das Insolvenzverfahren einleitet, bekommen Sie von dieser Stelle einen Insolvenzverwalter gestellt, der Sie bis zum Abschluss des Verfahrens betreut und berät.

Der grundsätzliche Ablauf

Merken Sie, dass Sie Ihre Schulden nicht mehr begleichen können, müssen Sie zunächst versuchen, sich außergerichtlich mit den Gläubigern zu einigen. Dazu stellen Sie mithilfe der Schuldnerberatung einen Schuldenbereinigungsplan auf. Damit machen Sie den Gläubigern ein Angebot, dass Sie in bestimmten Raten über einen bestimmten Zeitraum Ihre Schulden zurückzahlen. Lehnt auch nur ein Gläubiger diesen Plan ab, müssen Sie beim zuständigen Gericht Ihre Privatinsolvenz als Schuldenbereinigungsverfahren beantragen.

zwei Euro Münzen liegen auf einem Stapel Kreditkarten.
Bildrechte: Colourbox

Nun wird Ihnen ein Insolvenzverwalter als Treuhänder gestellt, der Ihr Einkommen und Ihr Vermögen verwaltet. Er versucht zuerst, soviel wie möglich verwertbares Vermögen zu pfänden und an die Gläubiger auszubezahlen. Dann müssen Sie über eine Frist von in der Regel sechs Jahren mit einem Mindestsatz an Gehalt auskommen. Die Höhe richtet sich unter anderem nach der Anzahl Ihrer Kinder und ist in der Pfändungstabelle (§ 850c ZPO) festgelegt. Der Rest Ihrer Einnahmen geht an Ihre Gläubiger. Sie dürfen während der ganzen Zeit keine Schulden machen und müssen sich gegebenenfalls nachweisbar um Arbeit bemühen. Das nennt man die Wohlverhaltensphase. Ist die abgeschlossen, werden Sie von Ihren Restschulden befreit und können finanziell ein neues Leben beginnen. Das gesamte Verfahren kostet Sie bis zu 3.000 Euro, die Sie bis zum Ende ebenfalls abzahlen müssen.    

Vier mögliche Wege

Im Normalfall dauert die erwähnte Wohlverhaltensphase sechs Jahre. Sie können diese Zeit auf drei Jahre verkürzen, wenn Sie bis dahin mindestens 35 Prozent der aufgelaufenen Schulden und die gesamten Verfahrenskosten bezahlt haben. Auch nach fünf Jahren ist ein Abschluss möglich, wenn Sie bis dahin die gesamten Verfahrenskosten begleichen. Sollten Sie während der Zeit überraschend größere Einnahmen, wie etwa ein Erbe, haben, können Sie sich mit Gericht und Gläubigern auch auf ein Insolvenzplanverfahren einigen. Dabei regeln Sie die Schuldentilgung dann individuell. Wichtig: Von Schulden aus Steuerhinterziehung oder Unterhaltsansprüchen werden Sie auch nach sechs Jahren nicht befreit. 

Was Sie abgeben müssen

Gepfändet wird, was Sie nicht zum Leben brauchen: Schmuck, Geld, wertvolle Gegenstände wie Bilder und teures Porzellan. Aber auch Bausparverträge oder Lebensversicherungen wird der Insolvenzverwalter zu Beginn des Verfahrens einziehen und an die Gläubiger verteilen. Auch ein Auto kann gepfändet werden. Es sei denn, Sie kommen nur damit auf Arbeit, weil keine öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung stehen oder das Auto unmittelbar für Ihren Beruf gebraucht wird, als Taxifahrer zum Beispiel. Und selbst das Haus kann gepfändet und verkauft werden, wenn ein Gewinn zu erwarten ist. Natürlich muss das in einem Verhältnis zu den Schulden stehen.

Was Sie behalten dürfen

Gerade für ein Haus könnte es eine sogenannte Freigabe vom Insolvenzverwalter geben. Besonders dann, wenn es höher mit Schulden belastet ist, als ein Verkauf einbringen würde. Ansonsten werden sehr persönliche Gegenstände wie ein Ehering nicht gepfändet. Das gilt auch für eine einfache Haushaltsausstattung. Fernseher, Radio und Computer bleiben also erhalten, wenn sie keinen Luxus darstellen, also besonders hochwertig und teuer sind. Rentenversicherungen werden in der Regel nicht gepfändet, da sie der Altersvorsorge dienen. Manchmal ist es noch möglich, eine Lebensversicherung dementsprechend umzuwandeln. Das muss aber deutlich vor der Eröffnung des Privatinsolvenzverfahrens geschehen.

Ehepartner sind nicht betroffen

Sie haften immer nur für eigene Schulden. "Grundsätzlich ist der Ehepartner nicht betroffen. Wenn Sie allerdings gemeinsames Eigentum haben, wird das bei der Pfändung herangezogen", erklärt Andrea Günther. Wollen nicht betroffene Ehepartner also Dinge von der Pfändung ausschließen, müssen sie nachweisen, dass die Sachen allein bezahlt wurden. Das kann besonders bei Auto und Haus enorm wichtig sein. Schuldnerberaterin Andrea Günther warnt: "Es lohnt sich aber nicht, dass einer der Ehepartner vorsätzlich Schulden macht, also teure Dinge kauft und dann in die Privatinsolvenz geht. Das kann auch als Betrug gewertet und von den Gläubigern angezeigt werden."

Wann Sie wieder schuldenfrei sind

Nach Ablauf der Wohlverhaltensphase wird die Restschuldbefreiung vom Gericht eingeleitet. Das heißt, Sie werden von allen Forderungen Ihrer Gläubiger befreit und können wieder selbstständig und ganz allein über Ihr Geld verfügen. Und genau drei Jahre nach der Restschuldbefreiung werden sämtliche Informationen darüber auch bei der SCHUFA gelöscht. Sollte später nochmal eine finanzielle Schieflage eintreten, ist sogar ein erneutes Privatinsolvenzverfahren möglich. "Im Prinzip können Sie das mehrmals machen. Nach einer Sperrfrist von zehn Jahren nach einer abgeschlossenen Insolvenz ist das theoretisch möglich", sagt Andrea Günther von der Verbraucherzentrale Sachsen.

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP bei der Arbeit | 14. Oktober 2019 | 10:45 Uhr

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