Wohnen und Sparen Für wen sich Wohnungsgenossenschaften lohnen

Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip
Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip Bildrechte: Finanztip

Ist es für Sie sinnvoll Anteile an einer Wohnungsbaugesellschaft zu kaufen? Schließlich haben Sie dadurch immer Zugriff auf günstige, freie Wohnungen. Und Rendite gibt es vielleicht auch noch. Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen erklärt wie solche Genossenschaften funktionieren.

Woher kommen Genossenschaften?

Genossenschaften sind ein spannendes Selbsthilfeprojekt für Ihr Geld. Und sie sind als Konzept relativ alt. Vor mehr als 150 Jahren haben vor allem Landwirte und Handwerker Genossenschaften gegründet, um sich auf den harten Märkten besser durchzuschlagen, um den alltäglichen Finanzbedarf der Mitglieder zu decken: Für den Beruf und fürs Geldanlegen.  

Eine der berühmtesten Gründungen war die der Schuhmacher-Assoziation, die 57 Schuhmacher 1849 in Delitzsch in Sachsen gründeten. Weit im Westen, im  Westerwald wurden zeitgleich die ersten Kreditgenossenschaften gegründet, treibende Kraft war dort Dorfbürgermeister Friedrich-Wilhelm Raiffeisen. Die Namen kommen Ihnen wahrscheinlich bekannt vor.

Was beim Beruf und den Alltagsfinanzen hilft, kann auch bei einem anderen Grundbedürfnis Lösungen bieten: Wohnen.

Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in den wachsenden Städten der Gründerzeit Wohnungsbaugenossenschaften, um gemeinsam die Wohnungsnot zu bekämpfen. Manche von Bahnmitarbeiterinnen oder Postlern, aber auch von Industriearbeiterinnen und Beamten. Viele existieren auch heute noch.

Welche Vorteile bieten Wohnungsgenossenschaften heute?

Hunderttausende Mieter wohnen in Mitteldeutschland in Genossenschaftswohnungen und genießen dort Sicherheit – Eigenbedarfskündigungen sind ausgeschlossen – und auch im Schnitt preiswertere Mieten als auf dem freien Markt. Allein in Sachsen gibt es über 200 Wohnungsbaugenossenschaften mit 300.000 Wohnungen.

Ein paar Fakten pro Wohnungsgenossenschaft:

  • Deutschland kennt inzwischen über 2.000 Wohnungsbaugenossenschaften mit 2,2 Millionen Wohnungen. In vielen Großstädten stellen sie nach der öffentlichen Hand den größten Wohnungsbesitz. Die Namen reichen von der profanen "Wohnungsgenossenschaft Saalfeld" bis hin zum "Vaterländischen Bauverein" im Berliner Wedding.
  • Sie agieren dabei nur für ihre Inhaber, die Genossen, die gleichzeitig auch die Mieter der Wohnungen sind. Weil Genossenschaften dem Kostenprinzip verpflichtet sind, sind die Mieten in den Genossenschaftswohnungen in den vergangenen Jahren deutlich weniger gestiegen als im übrigen Wohnungssektor. Das hat die Genossenschaften und ihre Wohnungen zuletzt sehr populär gemacht.
  • Gerade die Wohnungsbaugenossenschaften haben in der Vergangenheit oft eine besondere Förderung auch vom Gesetzgeber erfahren. Auch heute noch können Sparer ihre Vermögenswirksamen Leistungen auch in Anteilen an Wohnungsbaugenossenschaften oder ihr Wohnriester dort anlegen – genau als wenn sie privates Wohneigentum erwerben würden.
  • Die Geschäfte der Genossenschaften werden von Wirtschaftsprüfern in eigenen Prüfverbänden sorgfältig geprüft, weshalb in der Vergangenheit auch nur selten Wohnungsbaugenossenschaften pleite gegangen sind.

Wie funktionieren Wohnungsgenossenschaften?

Das Prinzip ist immer das Gleiche, man kann nicht einfach nur mieten. Eine Genossenschaftswohnungen ist für Genossinnen und Genossen da. Der erste Schritt ist also, Genosse zu werden und solche Genossenschaftsanteil zu kaufen. Die funktionieren auf der einen Seite wie die Kaution für eine Wohnung, in der Tendenz, je größer die Wohnung ist, desto mehr Genossenschaftsanteil muss man kaufen.  Auf der anderen Seite bilden die erworbenen Genossenschaftsanteile das Eigenkapital der Genossenschaft. Und das heißt, wenn man die Wohnung verlässt, kann man seine Genossenschaftsanteil auch zurückgeben und das Geld zurück erhalten. Allerdings kann das bis zu zwei Jahren dauern, weil die Genossenschaft ja mit den anderen Mitgliedern abrechnen muss.

Welche Genossenschaften gibt es noch?

In den vergangenen 20 Jahren hat die Zahl der Genossenschaften wieder deutlich zugenommen. Wenn auch nicht unbedingt bei den Wohnungsbaugenossenschaften.

Interessante genossenschaftliche Geschäftsmodelle reichen heute aber auch von der Berliner Tageszeitung "taz" , die mehr als 21.500 Genossinnen und Genossen gehört, über die "denic eG", die die deutschsprachigen Internetadressen vergibt bis hin zur "Datev", der Genossenschaft mehrerer zehntausend  Steuerberater/innen, die auch jeden Monat Millionen von Lohnkostenabrechnungen organisiert. Von hunderten Genossenschaftsbanken ganz abgesehen.

Warum gerade Wohnungsbaugenossenschaften wachsen?

Preiswerter Wohnraum ist gerade in den vergangenen Jahren knapp geworden, Millionen Sozialwohnungen sind weggefallen. In Einzelfällen haben Kommunen komplette Wohnungsbestände verkauft, um die Stadtkasse zu sanieren. Das alles sind starke Anreize, einer Genossenschaft beizutreten, sie wachsen zu lassen, oder gar eine neue Genossenschaft zu gründen.

Die grundlegende Idee ist immer die Gleiche: Nutzenmaximierung für die Mitglieder. Dabei setzen die Genossenschaften auf Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. Genau diese Herangehensweise erlaubt eben auch preiswertere Mieten und wird bei den kommenden Herausforderungen der Modernisierungen für den Klimaschutz für gute Lösungen sorgen. Hier sind Mieter und Vermieter die Gleichen, der Streit, wer die Kosten für die hohe Heizungsrechnung trägt, ist überflüssig. Gemeinsames Ziel ist, die Heizungsrechnung muss runter.

Genossenschaften und Renditechancen

Genossenschaften bieten manchmal auch gute Geldanlagemöglichkeiten. An Wohnungsgenossenschaften und Genossenschaftsbanken kann man sich mit Erspartem beteiligen und dabei häufig ganz ordentliche Renditen einstreichen.
Allerdings gibt es derzeit nur knapp 50 der 2.000 Wohnungsbaugenossenschaften, bei denen das jenseits der Anteile für den Einzug in die Wohnung möglich ist.

Quelle: MDR um 4

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 20. Juli 2021 | 17:00 Uhr

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