Angst vor Thrombosen Astrazeneca: Ja oder Nein? – Medizinerin beantwortet Patientenfragen

Immer wieder ist Astrazeneca in negative Schlagzeilen geraten. Das sorgt für Verunsicherung bei Patienten. Dr. Ute Scholz vom Leipziger Zentrum für Gerinnungsstörungen beantwortet hier viele Zuschauerfragen.

Impfstoff von AstraZeneca
Gerinnungsexpertin Dr. Ute Scholz hat die sieben häufigsten Fragen unserer Zuschauer zum Vakzin Astrazeneca beantwortet. (Stand 25. März 2021) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

– Die häufigsten Fragen zu Astrazeneca –

Ich habe ein Faktor-V-Leiden. Soll ich mich mit Astrazeneca impfen lassen?

Dr. Ute Scholz: Das ist eine ganz häufige Frage. Bei einem Faktor-V-Leiden ist die Blutgerinnung gestört, die Betroffenen haben ein höheres Risiko eine Thrombose zu bekommen. Aber die Faktor V-Leiden-Mutation ist eine sogenannte Punkt-Mutation, die das mildeste vererbbare Thromboserisiko ist in Deutschland. Das hat fünf Prozent der europäischen Bevölkerung. Und die fünf Prozent entwickeln nicht diese Nebenwirkungen, die jetzt bei Astrazeneca aufgetreten sind. Im Übrigen gab es auch beim Biontec-Impfstoff Thrombosen, die aufgetreten sind. Das ist auch eine Stellungnahme der Sächsischen Impfkommission. Eine Thrombophilie in dem Sinne, also eine Thromboseneigung im Blut, die der Patient scheinbar hat, ist keine Kontraindikation für irgendeinen Impfstoff. Im Gegenteil und das möchte ich an der Stelle mal ganz deutlich betonen: Durch eine Covid-19-Infektion haben wir ein mehrfach gesteigertes Risiko, Thrombosen zu bekommen. Auch tödliche Lungenembolien. Und wenn wir nicht impfen, haben wir das Problem, dass diese Patienten schwerste Komplikationen erleiden. Deswegen ganz klar die Botschaft: Impfen? Ja! Und in diesem Falle auch egal welcher Impfstoff!

Im Übrigen gab es auch beim Biontec-Impfstoff Thrombosen, die aufgetreten sind.

Dr. Ute Scholz, Leipziger Zentrum für Gerinnungsstörungen

Wäre es nicht eine Möglichkeit, Frauen, die die Pille nehmen, prophylaktisch Blutverdünner mit zu verabreichen, um das Thromboserisiko zu senken?

Das wird leider im Moment gemacht, dass nach einer Impfung mit Astrazeneca den Patientinnen Heparin verschrieben wird. Das ist aber absolut kontraindiziert. Es gibt keinen Grund, Patienten, die geimpft worden sind, prophylaktisch eine Medikation zur Blutverdünnung zu geben. Im Gegenteil. Wir haben ja eine immunvermittelte Reaktion wahrscheinlich, die im Hintergrund steht, bei den ganz wenigen – wirklich wenigen – Patientinnen. Und da sollte man auch kein Heparin geben, weil dann eher Komplikationen auftreten.

Ich hatte bereits eine tiefe Beinvenenthrombose / Lungenembolie. Sollte ich auf einen anderen Impfstoff warten?

Ganz klar: Nein! Es wäre gut, wenn dieser Patient sich impfen lässt. Weil gerade das Risiko, unter einer Covid-19-Infektion Thrombosen zu bekommen, deutlich erhöht ist. Und er sollte sich auf jeden Fall impfen lassen und das nicht ablehnen. Ich höre auch manchmal von den Patienten: Dann warte ich auf den russischen Impfstoff! Aber auch der Sputnik-V-Impfstoff und auch der von Johnson&Johnson sind Adenovirus-Vektor-Impfstoffe. Das ist praktisch von der Art des Impfstoffes das gleiche, was wir bei Astrazeneca haben.

Ich nehme ein Medikament, mit dem man ein höheres Thromboserisiko hat. Soll ich mich mit Astrazeneca impfen lassen?

Es gibt natürlich Medikamente, die die Thromboseneigungen erhöhen, wie zum Beispiel in der Onkologie. Da hängt es am Gesamtkontext, warum Sie das bekommen. Deswegen muss das mit den Patienten individuell besprochen werden.

Kann ein jüngerer Patient, der zu Thrombosen neigt, und bereits die erste Impfung mit Astrazeneca hinter sich hat, vorsorglich die Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff erhalten?

Auch da ganz klar: nein! Dafür gibt es lange Zulassungsstudien und eine zweite Impfung sollte ich mit dem gleichen Impfstoff bekommen, mit dem ich auch primär geimpft worden bin.

Woran erkennt man eine Sinusvenenthrombose?

Eine Sinusvenenthrombose ist eine extrem selten auftretende Thrombose. Die geht mit einem sogenannten Vernichtungskopfschmerz einher. Also nicht nur so ein bisschen Kopfschmerz! Viele berichten ja nach der Impfung auch, dass sie ein bisschen Kopfschmerzen haben und Unwohlsein. Und so Fieber und Grippe fühlen. Das ist keine Sinusvenenthrombose. Sondern richtig Kopfschmerzen, ohne dass man aufstehen kann. Dann gehört man in eine ärztliche Behandlung. Wir haben es leider erlebt, dass viele Patienten aufgrund dieser großen Verunsicherung letzte Woche in die Krankenhäuser und Praxen gegangen sind mit etwas Kopfschmerzen und etwas Unwohlsein und die Notaufnahmen gefüllt haben.

Ich hatte vor Jahren eine Sinusvenenthrombose. Darf ich eine Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff erhalten?

Diese Frage kann im Moment eigentlich keiner seriös beantworten. Es gibt derzeit keine Daten zu diesem ganz speziellen Patientenkollektiv. Aber was wir wissen, ist, dass die normalen Thrombosen nicht durch den Impfstoff ausgelöst werden. Thrombosen der Beine und der Arme und auch andere Thrombosen, die ganz typisch sind, die werden nicht durch den Impfstoff ausgelöst.

Unsere Expertin Dr. Ute Scholz arbeitet seit über 20 Jahren auf dem Gebiet der Hämostaseologie. Sie ist die Leiterin des Leipziger Zentrums für Gerinnungsstörungen und beantwortet die sieben häufigsten Zuschauerfragen zu Astrazeneca. (Stand: 25. März 2021)

Viele Fragen nach vorübergehendem Impfstopp Mitte März

Nach dem vorübergehenden Impfstopp mit Astrazeneca, den Gesundheitsminister Jens Spahn am 15. März verkündet hatte, hatten auch die "Hauptsache gesund"-Redaktion viele Fragen zu dem Vakzin erreicht. Diese hat Gerinnungsexpertin Dr. Ute Scholz hier beantwortet. Hintergrund war das Auftreten von Fällen von Sinusvenenthrombosen im Gehirn in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit dem schwedisch-britischen Vakzin. Dieser Impfstopp wurde schnell wieder zurückgenommen.

Impfeinschränkungen ab 31. März

Nach weiteren Fällen von Sinusthrombosen bei unter 65-Jährigen soll der Corona-Impfstoff von Astrazeneca ab 31. März in der Regel nicht mehr bei Unter-60-Jährigen verimpft werden. Bei den Priorisierungsgruppen 1 und 2 in dieser Altersgruppe ist eine Impfung mit dem Vakzin "nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung" weiterhin möglich.

Offene Frage

Noch ungeklärt ist, ob Menschen unter 60 Jahren, die ihre Erstimpfung gegen das Corona-Virus mit Astrazeneca erhalten haben, aus medizinischen Gesichtspunkten noch eine zweite Dosis mit dem Wirkstoff bekommen können. Dazu will sich die Stiko bis Ende April äußern.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | HAUPTSACHE GESUND | 25. März 2021 | 21:00 Uhr

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