Patientensicherheit Krank durch Behandlungsfehler? – Das können Sie (dann) dagegen tun!

Zweifel an der Diagnose, die Patientenakte vertauscht, der falsche Fuß amputiert: Was kann der einzelne selber für mehr Patientensicherheit tun? Wie geht man vor, wenn man einen Behandlungsfehler vermutet? Dazu haben wir Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit, befragt.

Was für Fehler können in Krankenhäusern und Arztpraxen passieren?

Dr. Ruth Hecker: An jeder Stelle zwischen Erstkontakt, Anamnese, Diagnostik und Therapie bis hin zur Entlassung kann alles passieren, was Sie sich vorstellen können: von Verwechslungen von Patienten und Befunden, Arzneimitteln, Rezepten, Untersuchungen etc. bis hin zu falschen Entscheidungen hinsichtlich der Indikationen, Diagnosen und Therapien.

Was können Patienten selber tun, um das Risiko von Fehlern zu verringern?

  • Patientinnen und Patienten sollten das medizinische Personal umfassend über ihren Gesundheitszustand informieren.
  • Sie sollten sicherstellen, dass sie selbst gut informiert sind – über ihren Zustand, die anstehenden Eingriffe, die Aufklärung und die Perspektiven bzw. die Situation im Krankenhaus.
  • Wenn einem etwas komisch vorkommt bzw. wenn man an einer Stelle unsicher ist, sollte man das medizinische Personal. ansprechen und um Erklärung bitten. Fragen Sie so lange nach, bis man Ihnen alles verständlich und nachvollziehbar erklären konnte.
  • Spezielles Augenmerk sollte auch der Entlassung aus dem Krankenhaus bzw. den zu beachtenden Verhaltensweisen, Hilfsmitteln oder Nachsorge gelten.

Patienten berichten über Behandlungsfehler

  • "Die Magensonde landete unbemerkt in der Lunge. Das Ergebnis war eine schwere Lungenentzündung. Nach der Operation war lange Zeit eine Beatmung nötig. Statt der geplanten Woche wurde ich als selbstständiger Handwerker drei Monate stationär behandelt und musste danach noch zur Reha"
  • "Nach einer Augen-Operation wurde als Therapie ein viermaliges Tropfen über 24 Stunden empfohlen und durchgeführt. Nachts um 24:00 Uhr brachte die Schwester eine Tablette, von der ich als Patient nichts wusste und die Einnahme verweigerte. Die Schwester erreichte durch intensives Auffordern, dass ich die Tablette doch nahm. Am nächsten Morgen kam sie zu mir und entschuldigte sich: Die Tablette sei für den Patienten im Nebenzimmer gewesen."
  • "Nach einer Operation hatte ich starke Schmerzen. In der Klinik ist niemand darauf eingegangen. Man sagte mir, es wäre alles in Ordnung. Ich ging dann in eine andere Klinik und dort stellte man fest, dass sich der Kopf meiner Prothese gelockert hatte. Man wollte mich wieder in die erste Klinik schicken, auf Druck bin ich dann aber operiert worden."


Quelle: "Reden ist der beste Weg", Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) (Broschüre)

Welche Beispiele für Patientengefährdung durch nicht erfolgte Behandlungen während der Corona-Pandemie gibt es?

Dr. Ruth Hecker: Das Aktionsbündnis Patientensicherheit hat bereits im April 2020 auf Kollateralschäden bei der Versorgung von Akutfällen und chronisch Erkrankten hingewiesen und darauf, dass diese Patienten nicht vernachlässigt werden dürfen. Corona hat die Lücken, Sollbruchstellen und Schwachpunkte der Versorgung, die schon lange bekannt waren, wie mit dem Brennglas vergrößert: Trotz der individuellen Anstrengungen vor Ort funktionierte das Gesundheitssystem nicht, ganz besonders nicht für die Schwächsten und an allen Arten von Schnittstellen. Corona hat binnen kürzester Zeit eine Umstellung und Neugestaltung der unterschiedlichsten Versorgungsprozesse notwendig gemacht: Wie bauen wir Telemedizin und digitale Angebote in die Versorgung ein, ohne dass dadurch neue Gefahren und Behandlungsabbrüche für Patienten entstehen? Wie klären wir Patienten über Versorgungsangebote und richtiges Verhalten auf, wenn wir selbst keinen Überblick haben? Weil die Ressourcen auf die Versorgung der Corona-Patienten konzentriert wurden, wurden Versorgungsabbrüche und Gefährdungen für andere Patienten hingenommen.

Dr. Ruth Hecker
Dr. Ruth Hecker ist Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit. Bildrechte: Aktionsbündnis Patientensicherheit

Was bedeutet das konkret?

Dr. Ruth Hecker: Patientinnen und Patienten haben sich teilweise nicht getraut, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen, oder sie haben kein Versorgungsangebot erreichen können. Termine für die Nachsorge onkologischer Patienten wurden abgesagt, die Angebote zur Zweitmeinung wurden reduziert, auch Tumoroperationen unterblieben oder wurden verschoben. Notfälle wie Herzinfarkte und Schlaganfälle wurden bis zu 40 Prozent weniger in die Krankenhäuser eingeliefert beziehungsweise wurden weniger vorstellig. Das ist epidemiologisch nicht nachvollziehbar, denn derartige Erkrankungen kommen in Corona-Zeiten nicht seltener vor. Wir mussten der Tatsache ins Auge sehen, dass unter dem Eindruck von Corona die Patientensicherheit durch Unterversorgung litt. Insgesamt muss man feststellen, dass es gerade der Blindflug des Gesundheitssystems war, der besorgniserregend ist: In der Summe wissen wir nämlich nicht, welche Erfahrungen die Menschen vor Ort gemacht haben und was das besonders mittel- und langfristig für Folgen hat.

Was kann ein Patient tun, der einen Behandlungsfehler vermutet?

Dr. Ruth Hecker: Suchen Sie nach einem Zwischenfall immer das Gespräch mit dem behandelnden Arzt bzw. der behandelnden Ärztin. Wenn das nicht möglich ist, sollten Sie sich an eine Leitungsperson wenden. Das kann im Krankenhaus die leitende Pflegekraft, der zuständige Oberarzt oder der Klinikdirektor sein. Viele Krankenhäuser haben auch eine Patientenombudsperson bzw. einen Patientenfürsprecher, und alle müssen eine Beschwerdestelle haben, an die man sich wenden kann. Ihre Aufgabe ist es, die Patientenanliegen schnell, unbürokratisch und vor Ort zu klären. Vermutet man einen Behandlungsfehler, sollte man den betreffenden Arzt oder die betreffende Ärztin direkt fragen, denn diese sind nur auf Nachfrage verpflichtet, entsprechende Auskunft zu geben. Zu diesem Thema können wir die APS-Broschüre "Reden ist der beste Weg" empfehlen.

Welche Rechte habe ich als Patient? Wann besteht Anspruch auf Schadensersatz?

Dr. Ruth Hecker: Bei jeder Behandlung kommt ein Behandlungsvertrag auch ohne Unterschriften zum Tragen. Das Patientenrechtegesetz regelt die Patientenrechte bei der medizinischen, Behandlung bei Behandlungsfehlern und als Krankenversicherte. Ein Anspruch auf Schadensersatz besteht immer dann, wenn Behandelnde allgemein anerkannte fachliche Standards missachten und dadurch einen Gesundheitsschaden verursachen. Zur Unterstützung verpflichtet sind auch die gesetzlichen Krankenkassen. Wenn sie bei der Einrichtung nicht weiterkommen, können sich gesetzlich Versicherte an ihre Krankenkasse wenden und um Unterstützung durch den medizinischen Dienst bitten.

Wie kann ich als medizinischer Laie nachweisen, dass etwas falsch gelaufen ist?

Dr. Ruth Hecker: Gerade bei vermuteten Behandlungsfehlern sind Patientenakten ein wichtiges Beweismittel. Sie haben das Recht, jederzeit Ihre vollständigen Behandlungsunterlagen einzusehen. Sie haben auch das Recht auf Kopien. Ausschließlich die Kopierkosten dürfen dafür verlangt werden. Mit diesen Unterlagen kann man beispielsweise die gesetzliche Krankenversicherung oder die Schlichtungsstellen der Ärztekammern um Unterstützung bitten. Tatsächlich werden aber nur ein bis drei Prozent aller vermeidbaren unerwünschten Vorkommnisse jemals nachträglich verfolgt und die Betroffenen entschädigt. Das liegt sicher daran, dass es erst einmal für Laien schwer ist, normale Komplikationen und Nebenwirkungen von vermeidbaren Schäden zu unterscheiden. Ein gutes Beispiel sind hier Infektionen: Welche resultiert aus Hygienemängeln, welche ist aufgrund von Vorerkrankungen etc. unvermeidlich? Erst, wenn diese Hürde überwunden ist, können Hilfsangebote überhaupt greifen.

Tatsächlich werden aber nur ein bis drei Prozent aller vermeidbaren unerwünschten Vorkommnisse jemals nachträglich verfolgt und die Betroffenen entschädigt.

Dr. Ruth Hecker

Wie sinnvoll ist eine zweite Meinung?

Dr. Ruth Hecker: Eine zweite Meinung ist sehr sinnvoll. Das gilt nicht nur vor planbaren Operationen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie manchmal eher der Erlössteigerung der Klinik als dem Patientenwohl dienen. Das gilt auch bei komplexen, langfristigen oder schwerwiegenden Behandlungen aller Art, egal, ob operativ oder nicht. Das medizinische Wissen wächst heute so rasant, dass insbesondere Ärzte und Ärztinnen, die in Einrichtungen mit geringeren Fallzahlen arbeiten, nicht immer alle Therapieoptionen auf dem Schirm haben. Eine Zweitmeinung vor der Behandlung ist allemal besser als ein Behandlungsfehler aus Unkenntnis oder Fehleinschätzung.

An welche Organisationen kann man sich wenden, wenn man hier Hilfe sucht?

● eigene Krankenkasse
● Unabhängige Patientenberatung Deutschland UPD
● Apotheke vor Ort (zum Beispiel bei Medikationsfragen, Nebenwirkungen oder der Veränderung von Arzneimitteln)
● die Beratungsstellen der Gesundheitsläden
● Deutscher Patienten Schutzbund e.V.
● Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern
● Verein Rechtsanwälte für Patienten e.V.
● Verein Medizinrechtsanwälte e.V.
● Verbraucherzentralen auf Landesebene

Behandlungsfehler: keine Einzelfälle In Arztpraxen und Krankenhäusern lauern leider auch viele Gesundheitsgefahren. Mehr als eine halbe Millionen Menschen stecken sich jährlich mit gefährlichen Krankenhauskeimen an. Dazu kommen Fälle von verwechselten Krankenakten, vertauschten Medikamenten oder sogar Operationen am falschen Körperteil. Neuesten Schätzungen zufolge belaufen sich die Kosten für vermeidbare Patientenschäden auf rund 15 Prozent aller Gesundheitsausgaben.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 16. September 2021 | 21:00 Uhr

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