Fragen an den Rechtsexperten Corona-Ansteckung im Job - Berufskrankheit oder Arbeitsunfall?

Mehr als vier Millionen Menschen haben sich seit Beginn der Pandemie mit Corona infiziert. Wer sich auf Arbeit angesteckt hat, kann das unter bestimmten Voraussetzungen als Berufskrankheit oder Arbeitsunfall geltend machen. "Corona ist mittlerweile die häufigste Berufskrankheit im Freistaat", bestätigte auch Susan Haustein von der Unfallkasse. Im Gespräch ist Christoph Herrmann, Rechtsexperte von der Stiftung Warentest.

Zwei Pflegekräfte im Klinikum 5 min
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Wann gilt die Corona-Infektion als Arbeitsunfall oder Berufskrankheit?

Christoph Herrmann: Immer muss es so sein, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass ich mich bei der Arbeit oder auf dem Weg dorthin infiziert habe. Die Infektion muss mindestens mit einem PCR-Test nachgewiesen sein. Es ist wichtig, dass ich mindestens drei Tage arbeitsunfähig war und eine entsprechende Krankschreibung habe.

Relativ leicht anerkannt wird es, wenn ich in einer Branche arbeite, wo Corona als Berufskrankheit anerkannt ist, z.B. in der Pflege, dann reicht das schon aus. Schwieriger ist es, wenn es ein Arbeitsunfall ist. Dann muss ich tatsächlich im Einzelfall nachweisen, dass die Infektion bei der Arbeit oder auf dem Weg zur Arbeit geschehen ist.

Berufskrankheit oder Arbeitsunfall: Wo liegen die Unterschiede?

Die Unfallversicherungsträger gucken sich sehr genau an, für welche Krankheiten bei welchen Berufen und Tätigkeiten ein erhöhtes Risiko besteht, zu erkranken. Dazu werden Listen geführt. Bei Corona sind Unfallversicherungsträger bisher - das kann sich auch noch weiterentwickeln - zum Ergebnis gekommen, dass das vor allem in Pflegeberufen, im medizinischen Bereich, in Laboratorien und im sozialen Bereich der Fall ist.

Eine Frau in einem Behandlungsraum auf einer Liege beim Plasmaspenden, neben ihr eine Krankenschwester.
Eine Krankenschwester, die sich im Klinikalltag mit Corona infiziert hat, kann das als Berufskrankheit geltend machen. Bildrechte: Deutsches Rotes Kreuz e.V.

Wie kann man nachweisen, dass die Infektion auf Arbeit stattgefunden hat?

Es ist tatsächlich nicht so ganz leicht, wirklich exakt nachzuweisen, dass die Infektion an einem bestimmten Tag durch eine bestimmte Person stattgefunden ist. So streng sind die Anforderungen aber nicht. Es reicht aus, dass ich nachweisen kann, dass eine typischerweise gefährliche Situation vorgelegen hat. Dass ich mich also eine gewisse Zeit mit einem Kollegen unterhalten habe, ohne Mindestabstand und ohne dass er eine Maske getragen hat, oder Ähnliches. Da reicht es dann auch aus, wenn man den Kollegen, der mich angesteckt hat, oder den Chef, der davon weiß, als Zeugen vernehmen kann.

Friseur bei der Arbeit
Wenn sich eine Frisörin an ihrem Arbeitsplatz mit Corona infiziert hat, kann das ein Fall für die Unfallversicherung sein. Bildrechte: MDR/ Holger John Viadata

Um Ansprüche für den Erkrankten geltend zu machen, muss der Arbeitgeber die Corona-Infektion melden. Aber nicht alle wollen das. Wo liegt das Problem?

Das Problem für Arbeitgeber ist, dass sie Angst davor haben, dass die Berufsgenossenschaft gegen sie ein Bußgeld wegen Verstoßes gegen den Arbeitsschutz oder gegen Infektionsschutz-Regelungen verhängt, weil sie möglicherweise nicht genau genug darauf geachtet haben.

In Sachsen gab es seit Pandemie-Beginn bis Juli dieses Jahres 12.005 Verdachtsfälle, von denen 7.392 als Betriebskrankheit anerkannt wurden. Hauptsächlich betroffen sind das Pflegepersonal oder Angestellte in Krankenhäusern.
(Quelle: Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege, kurz BGW).

Wie ist die Erfolgsquote? Werden viele Anfragen auch abgelehnt?

Es werden auch Anträge abgelehnt. Aber die Erfolgsquote ist recht hoch. Bei den Berufserkrankungen ist es so, dass immerhin in 80 Prozent der Fälle von den Unfallversicherungsträgern eine Berufserkrankung anerkannt wird. Etwas schlechter ist die Quote in dem Bereich, wo Corona nicht als Berufserkrankung gilt, und wo es darum geht, dass es ein Arbeitsunfall ist. Da sind ungefähr ein Drittel der Fälle anerkannt worden. Da ist die Zahl auch sehr viel geringer.

Symbolbild: IT-Unterricht an Schulen - Ein Mädchen und ein Junge werden von einer Lehrerin an einem Computer betreut.
Eine Erzieherin infiziert sich in der Schule mit Corona - ein Fall für die Unfallversicherung. Bildrechte: Colourbox.de

Müssen sich Betroffene damit abfinden, wenn die Berufsgenossenschaft die Anerkennung als Berufskrankheit oder Arbeitsunfall verweigert?

Die Sozialgerichte korrigieren die Entscheidungen der Unfallversicherungsträger durchaus häufiger mal. Das kann sich lohnen, da noch einmal genauer darüber nachzudenken und sich beraten zu lassen.

Welche Leistungen hängen mit einer Anerkennung der Erkrankung als Arbeitsunfall oder Berufskrankheit zusammen?

Die Unfallversicherung zahlt sehr viel besser als die Krankenversicherung. Das geht schon bei den Leistungen los.

Christoph Herrmann | Rechtsexperte Stiftung Warentest

Die Ärzte, die mich wegen einer Berufserkrankung oder eines Arbeitsunfalls behandeln, bekommen mehr Geld. Und entsprechend ist die Behandlung dann auch gern zuvorkommender. Dann gibt es höhere Ansprüche auf Rehabilitation, Kuren, Hilfsmittel, da ist erheblich mehr drin als bei der gesetzlichen Krankenversicherung. Auch wenn dann die Berufserkrankung oder der Arbeitsunfall dazu führt, dass ich arbeitsunfähig werde, gibt es bei der gesetzlichen Unfallversicherung eine höhere Rente als eine Berufsunfähigkeitsrente von der gesetzlichen Rentenversicherung.

Kann man versuchen, seine Ansprüche auch nachträglich geltend zu machen?

Selbst nach einem Dreivierteljahr ist das nicht unbedingt völlig ausgeschlossen. Ich sollte mich sofort daranmachen, mich an den Betrieb wenden und den bitten, das noch anzuzeigen, da entsprechend der Geschehnisse, wie sie sich tatsächlich zugetragen haben. Und dann kann es sein, wenn später noch Folgen auftreten, dass ich trotzdem noch Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung bekomme.

Eine Flüssigkeit tropft aus der Kanüle einer Spritze. 3 min
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Quelle: MDR/th/in

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | MDR SACHSEN | 27. September 2021 | 10:17 Uhr

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